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Sylter Rundschau

15. Dezember 2017 | 09:55 Uhr

Urnengang und Sylter Sprache

vom

shz.de von
erstellt am 25.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Gefangen in dem Moment, wenn die Realität noch brüchig erscheint und man noch mit einer Gehirnhälfte schläft, saß ich gestern morgen aufrecht im Bett. Klar denken war noch nicht möglich und so versuchte ich meine Tagesplanung zu ordnen. Wie war das noch - erst Fußball schauen und dann wählen gehen, oder doch umgekehrt? Ach ja - Sonnabend spielt Deutschland gegen Bayern und erst Sonntag muss das Kreuz gemacht werden. Ebenso spannend wie die Frage, ob die Weißwurst an diesem Wochenende über die Currywurst triumphieren wird, ist die Frage, welche politischen Verhältnisse der Sylter Urnengang uns bescheren wird. Eines allerdings ist schon jetzt klar: Die kommende Legislaturperiode wird auch diesmal wieder wunderbare Projekte, Ideen und Personalien mit sich bringen. Ein Blick in die Glaskugel ist dabei jetzt ebenso sinnlos wie der Versuch, einem Schaf das Lesen beizubringen - aber doch kann man mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, welche Schlagzeilen wir in den nächsten fünf Jahren wohl eher nicht lesen werden. Hier einige Beispiele: "Endlich: Der Hindenburgdamm ist elektrifiziert". Ebenfalls nicht zu erwarten: "Wenningstedt ruft die Monarchie aus", oder "Gemeinde Sylt entdeckt Goldmine auf neuem Rathausgelände". Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden wir beim Aufschlagen der Sylter Rundschau auch diese Zeile nicht präsentiert bekommen: "Kampen fusioniert mit der Gemeinde Sylt".

Jeder kennt das: Man schiebt seinen Einkaufswagen durch die langen Flure eines Discounters, wirft routiniert Käse, Wurst und Milch in das rollende Drahtgestell und steht schließlich an der Kasse. Hier angekommen, kann der aufmerksame Beobachter dann Zeuge einer besonderen Spielart der deutschen Sprache werden. "Du, Frau Müller - haste nochmal ne Rolle Euros", schallt es dort so oder ähnlich mit ein bisschen Glück durch den Verkaufsraum. Diese Kombination aus persönlicher Anrede und dem förmlichen "Sie" plus Nachnamen wird gemeinhin als "Hanseatisches Du" bezeichnet. Was allerdings kaum einer weiß: Auch auf Sylt haben Linguisten eine besondere Form der Anrede entdeckt - das "Sylter Du". Man hört es morgens beim Bäcker, mittags beim Fischhändler und abends in der Kneipe. Das Sylter Du ist überall. Es tönt einem aus dem Telefonhörer entgegen und wird uns über die Straße hinweg zugerufen. Das Sylter Du ist speziell, denn es kann sich auch als "Sie" tarnen. Man muss dann nur genau hinhören, dann klingt das Du wieder durch.

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