Urlaubs-Macken

Avatar_shz von
01. Juni 2013, 03:59 Uhr

Ich habe mich ja an dieser Stelle bereits geoutet, dass ich gerne mal eine halbe Stunde lang einen Postkartenständer drehe, um die schönste aller schönen und für den Empfänger passende (sehr wichtig!) Sylt-Postkarte zu finden. Also mal ehrlich: es ist doch wohl verständlich, dass ich keine Karte, die eine dicke Robbe ziert, an Schwiegermutter schicken kann, die gerade Diät macht. Genauso wenig kann ich meiner 10jährigen Nichte und meinem 6jährigen Neffen eine - in diesem Fall langweilige - Sylter Dünenlandschaft schicken. Wenn man schon schreibt, dann muss es mit Liebe sein. Basta. Carsten schüttelt bei diesem Thema nur den Kopf und erklärt jedes Mal seufzend, dass er es sich während der Zeit meiner Kartenauswahl im Café gemütlich macht. Nicht selten komme ich zurück, wenn Carsten bereits seine dritte Getränkebestellung aufgegeben hat- und zwar ohne Karten. Dann geht das Gesuche von vorne los- an einem neuen Postkartenständer. So bin ich nun mal. Und ich habe nicht nur diese Macke.

Eine weitere "Urlaubs-Macke" teile ich sicherlich mit viiiiielen anderen Urlaubern. Zumindest beobachte ich es häufig. Diese Macke heißt: finde den schönsten aller schönen Tische im Restaurant, also schön sonnig - aber nicht zu heiß, natürlich recht ruhig - aber trotzdem will ich was gucken können. Ach ja, windgeschützt muss der Platz natürlich sein. Aber auch nicht zu stickig!

Schönes Beispiel vor rund einer Woche. Carsten verlangte nach Fleisch, also wir ab ins Steak-House, mitten in Westerland. Klasse Wetter, trotzdem noch ein paar Tische frei. Wunderbar. Aber glauben Sie mal nicht, dass das die Sitzplatz-Entscheidung für mich einfacher macht. Probesitzen am ersten Platz neben den Blumenkübeln. "Hier hab ich keine Sonne. Das Haus wirft irgendwie einen Schatten", moniere ich. Probesitzen am Platz dahinter. Jetzt hab ich Sonne, aber Carsten sitzt im Schatten. Finde ich doof. Er soll es schließlich auch schön haben. Carsten stöhnt genervt. Wie kann ihm so etwas egal sein? An Tisch Nr. 3 pustet der Wind etwas zu doll. Ein netter Kellner kommt zur Hilfe und beweist sofort Fachwissen. "Der sonnigste und geschützteste Platz ist hier vorne." Wir folgen ihm. Ja, das ist er, der schönste Platz im gesamten Restaurant. Ich bin glücklich. Carsten raunzt mir zu: "Ein viertes Mal ziehe ich hier nicht um. Die Leute gucken schon."

Na und? Die anderen Gäste sind genau wie ich! Jeder, wirklich jeder, sucht jetzt den schönsten Platz. Drei Herrschaften (ein Pärchen um die 50 mit Mutti im Schlepptau) steuern die letzten beiden Tische hinter uns an - und haben ein Problem: der Zweiertisch ist in der Sonne, der Vierertisch daneben an der Wand des Restaurants im Schatten. Jetzt wird es turbulent, denn natürlich wollen alle drei Sonne. Der Kellner wird gebeten, die Markise einzufahren. Er erklärt äußerst freundlich, dass er WENN, dann nur ALLE Markisen einfahren könnte, da sie aneinander gekoppelt seien. Dann säßen aber alle anderen Gäste, die bewusst den Schatten gewählt haben, ebenfalls in der prallen Sonne. Klare Sache. Also muss das Steak im Schatten genossen werden. Oder...?

Das Dreigestirn entscheidet nach langen Diskussionen ("Und wenn wir doch woanders hingehen?" "Mutti möchte aber gerne hier essen. Sie hat sich so darauf gefreut." "Vielleicht steht ja noch jemand anders auf"...) anders. Die Dame und der Herr setzen sich mit entschlossenem Blick an den sonnigen Zweiertisch - und "parken" Mutti doch tatsächlich am schattigen Vierer. Jetzt gehts an die Getränkebestellung. "Wir nehmen zwei Weißwein und was möchtest du, Mutti?". "Na einen Tee! Hier im Schatten!"

Jeden Sonnabend beschreibt Miriam Köthe exklusiv für die Sylter Rundschau, was ihr auf Sylt so auffällt und gefällt. Die Kieler Journalistin besucht mit ihrem Mann, dem R.SH-Morningman Carsten Köthe, in jeder freien Minute die Insel.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen