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Reportage : Unterwegs mit den Sylter Seehundjägern

vom

Alltag der Seehundjäger auf Sylt: Sie sind immer erreichbar und auf der Insel unterwegs. Wir haben zwei von ihnen begleitet.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2012 | 10:19 Uhr

Sylt | "Ein toter Seehund vor Seenot" steht in der SMS, die Thomas Diedrichsen an diesem Morgen um viertel vor acht Uhr bekommt. "Die Strandarbeiter der Gemeinden haben fast alle meine Nummer und weil sie oft die ersten morgens am Strand sind, bekomme ich um die Uhrzeit meistens von denen Meldung."
Schon vom Strandübergang aus kann der Seehundjäger das tote Tier am Flutsaum liegen sehen. Mit seinem Pick-Up fährt er ganz dicht ran. "Die Tiere wiegen bis zu 100 Kilo, da hab ich keine Lust die zu tragen." Thomas Diedrichsen zieht sich Handschuhe an, öffnet die Klappe der Ladefläche und legt einen Plastiksack bereit. "Der Fellzeichnung nach dürfte es ein Seehund sein. Aber die Kegler kurz vor dem Fellwechsel sehen so ähnlich aus." Mit Hilfe eines Zollstocks misst Thomas Diedrichsen zunächst die Länge des Tiers bevor er den Plastiksack darüber stülpt. Anhand der Markierung an der Schwanzflosse wird er sich später Informationen über die Kegelrobbe einholen. "Dass das kein Seehund ist, kann man an den Zähnen sehen." Woran er gestorben ist, kann der Seehundjäger nicht auf Anhieb sagen. Die Schnauze sei zwar blutig, das könne aber auch durch das Stranden kommen. Durchfall hatte das Kegelrobbenweibchen nicht, "hier unten ist nur ein bisschen Teer oder so was". Thomas Diedrichsen streicht vorsichtig mit den Handschuhen über die schwarzen Flecken.
Zweiter Helfer oder Seilwinde
Allein bekommt er den 1,60 Meter großen Meeressäuger nicht auf die Ladefläche seines Wagens gehievt. "Entweder mir hilft einer, oder wenn ich allein bin, benutze ich die Seilwinde."
Anders sieht es bei gleich vier toten Schweinswalen aus, die Thomas Diedrichsen nur wenige Tage später einsammelt und die deutlich leichter sind. Schweinswal Nummer vier wurde ihm ebenfalls von Strandarbeitern in Rantum gemeldet. "Gerade mal 1,10 Meter. Das ist noch ein Jungtier, aber so richtig viel dran ist da auch nicht mehr." Der Seehundjäger packt den Kadaver ebenfalls in eine Tüte und legt ihn auf die Ladefläche. Die beiden leeren Wannen für Heuler muss er jetzt schon übereinander stapeln.
"Vorne lauert die Gefahr"
Im Juli und August ist Hochzeit auf der Insel für die jungen Seehunde, genannt Heuler. In den beiden Monaten werden besonders viele am Strand gefunden. Gleich zwei auf einmal rufen nördlich der Kampener Vogelkoje vergeblich nach ihrer Mutter. Thomas Diedrichsen und Florian Kröger schauen sich die Tiere gemeinsam an. "Vorne lauert die Gefahr, die können ganz schön zuschnappen, also hinten anfassen", gibt Diedrichsen dem jungen Kollegen als Tipp vor dem Aussteigen mit. Über den deutlich aktiveren von den Beiden stülpt Kröger die Wanne und untersucht dann den anderen. "Durchfall, viel zu wenig Gewicht und Parasiten im Fell", lautet die Diagnose. Das bedeutet, dass der Kleine es nicht schaffen und deshalb mit einem Fangschuss erlöst wird.
Unter der Wanne heult der andere vor sich hin. Auch er wird genau unter die Lupe genommen und darf schließlich mit auf den Wagen. "Heute um 17 Uhr geht die Fähre, dann schicken wir ihn nach Friedrichskoog", erklärt Kröger. Bis dahin müssen die Männer noch die Papiere fertig machen und den Heuler mit Wasser benetzen, damit er nicht völlig austrocknet.
"Die Touristen fühlen sich gestört"
Wenn die Seehundjäger mit ihren Autos am Strand fahren, ernten sie häufig böse Blicke. "Ist ja klar, die Touristen fühlen sich gestört, die Insel ist ja voller Autos, da wollen sie wenigstens am Strand ihre Ruhe haben", sagt Thomas Diedrichsen. Anrufe bei der Polizei habe es wegen der Fahrzeuge auch schon gegeben. Genauso wie eine Anzeige, weil er dabei beobachtet worden ist, wie er einen Seehund in den Dünen erschossen hat. Eine spätere Obduktion in der Außenstelle der tierärztlichen Hochschule Hannover in Büsum gab Diedrichsen Recht mit seiner Entscheidung, den Seehund zu erlegen.
"Wir obduzieren aus finanziellen Gründen zwar nicht alle toten Seehunde Schleswig-Holsteins", erklärt Prof. Dr. Ursula Siebert, Leiterin des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. "Bei den Tieren die wir sezieren, achten wir aber darauf, dass alle Küstenabschnitte repräsentativ vertreten sind." Die Sylter Seehundjäger seien sehr erfahren und haben ein sehr gutes klinisches Gespür für die Tiere, so Siebert. Diese Beurteilung lernt man nur durch jahrelange Arbeit mit den Tieren. Die Obduktionsergebnisse der Tiere werden ausgewertet und auch für das trilaterale Monitoring in der Nordsee von Deutschland, Dänemark und den Niederlanden verwendet. Durch die Untersuchungen können Rückschlüsse auf die Gesundheit der Seehundpopulation gezogen werden.
Das Handy von Thomas Diedrichsen klingelt schon wieder. Ein toter Seehund Höhe Nordseeklinik. "An manchen Tagen fährt man wirklich ständig raus und dann ist wieder eine Weile Ruhe", er zuckt gelassen mit den Schultern und steigt in seinen Wagen.

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