Wohnen für Sylter : Trautes Heim – nur für 50 Jahre?

Häuser für Sylter: In Hörnum entstanden im vergangenen Jahr elf Reihenhäuser nach dem Erbpachtmodell.
Häuser für Sylter: In Hörnum entstanden im vergangenen Jahr elf Reihenhäuser nach dem Erbpachtmodell.

Die Verkürzung der Laufzeit von Erbpachtverträgen von 99 Jahren auf die Hälfte trifft auf unterschiedliche Meinungen

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20. Januar 2018, 04:28 Uhr

Erbpacht nur noch auf 50 Jahre – die Entscheidung der Gemeinde Sylt bewegt viele Insulaner, die in den eigenen vier Wänden wohnen möchten. Ein Ziel, das günstig nur mit den Erbpachtverträgen der Gemeinden zu erreichen ist. Aber wer baut sich ein Haus auf einem Grundstück, das ihm nur 50 Jahre gehört? Wir fragten Experten und die Inselbürgermeister, was sie von dem Vorstoß aus dem Rathaus halten.


Neue Lister Verträge mit 99 Jahren Laufzeit

Für den Lister Bürgermeister Ronald Benck ist vor allem wichtig, dass sich Sylter Familien die Häuser leisten können, die mit nicht so viel Geld ausgestattet sind. Seine Einschätzung: „Je kürzer die Laufzeit, desto schwieriger der Kredit.“ Die Gemeinde habe rund um den Hafen viele Erbpachtverträge abgeschlossen – alle mit 99 Jahren Laufzeit und einer 20-jährigen Gewinnabschöpfung beim Verkauf. Das gelte auch für die nächsten, bereits vergebenen Grundstücke – für vier Einzelhäuser an der alten Dorfstraße und der Lister Reede 4 sowie für drei Doppelhäuser und ein Dreier-Kettenhaus in der Mövenbergstraße. Langfristig sollen weitere 90 Wohneinheiten auf dem MVS-Gelände entstehen.

Sonderweg in Wenningstedt

In der Gemeinde Wenningstedt-Braderup gibt es keine Erbpachtgrundstücke. „Falls es einmal eine Vergabe geben wird, würden wir eine Laufzeit deutlich unter 99 Jahre wählen“, sagt Bürgermeisterin Katrin Fifeik. „Wir hatten eine Laufzeit von 66 Jahren diskutiert.“

Kampen schnürt enge Verträge

In Kampen will die Gemeinde südlich der Straße Esling Wung Dauerwohnraum schaffen, also am südlichen Ortseingang rechts von der Hauptstraße. Im Dezember wurde zunächst die Aufstellung eines Bebauungsplanes beschlossen – bis zum ersten Spatenstich dürften noch zwei Jahre ins Land gehen. „Bisher haben wir Erbpachtverträge auf 99 Jahre abgeschlossen und damit keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagt Bürgermeisterin Steffi Böhm. „Aber wir werden beobachten, welche Erfahrungen in der Gemeinde Sylt mit der kürzeren Laufzeit gemacht werden.“ Die Ortsgestaltungssatzung macht das Bauen in Kampen teurer – sie verlangt Reetdach, Sprossenfenster und einen Friesenwall.

Erbpachthäuser gibt es in Kampen bisher unter anderem am Möwenweg. „Wir haben die Verträge so eng geschnürt, dass die Häuser nur an Familien mit schulpflichtigen Kindern weiterverkauft werden dürfen“, erklärt Steffi Böhm.


Hörnum will Eigentümer nicht überfordern

In Hörnum wurden im vergangenen Jahr elf Holzreihenhäuser an der Rantumer Straße fertiggestellt und an Sylter verkauft. „Wir haben die Erbpacht so berechnet, dass es nicht gegen EU-Recht verstößt, die Eigentümer aber auch nicht überfordert werden“, sagt Bürgermeister Rolf Speth. Nach 99 Jahren könne die Gemeinde die Gebäude zum Restwert kaufen oder die Nutzung verlängern. Die Verträge seien so verfasst, dass mit den Häusern nicht spekuliert werden kann, sagt Speth. „Und wenn etwas verkauft werden soll, haben wir ein erhebliches Mitspracherecht.“ Wenn die Landesplanung und der Naturschutz grünes Licht geben, könnten die nächsten Erbpachtbauten in Hörnum-Nord entstehen.

Vorteile bei der Hausfinanzierung

Jürgen Kamp kennt beide Seiten – der Archsumer sitzt im Ortsbeirat, berät mit seiner Firma Sylt Finanz aber auch Sylter beim Immobilienkauf. Seine Einschätzung: „Ich bin überzeugt, dass die 50-jährige Laufzeit ein Schritt in die richtige Richtung ist.“ Mit den neuen Verträgen werde die Finanzierung erleichtert. Die Befürchtung, dass ein heute 30-Jähriger nach 50 Jahren aus seinem Haus ausziehen muss, teilt Kamp nicht – dann werde die Gemeinde die Laufzeit verlängern. Auch nach 30 Jahren und in der zweiten Generation könnten die Hauseigner um die vorzeitige Verlängerung bitten. Ein Spekulant würde aber keine Verlängerung erhalten.

Die Banken hätten verstanden, um was es geht, und unterstützten ebenfalls das Erbbaumodell, meint Jürgen Kamp. Dabei verringere sich bei 50 Jahren Laufzeit auch die „Vorlast“ zur Grundschuld des Kreditinstitutes. Bei einem Erbbauzins von 144 Euro monatlich bzw. 1728 Euro jährlich müssten auf 99 Jahre knapp 38 000 Euro als Vorlast kapitalisiert werden, bei 50 Jahren nur halbsoviel. Der Kunde habe es damit leichter, das Darlehen zu bekommen, und müsse weniger Eigenkapital aufbringen.

Dabei lässt Jürgen Kamp keinen Zweifel daran, dass das Erbpachtmodell für junge Sylter Familien die einzige Chance ist, an ein eigenes Haus zu kommen. Diese Klientel könne auf dem heutigen Zinsniveau rund 250 000 bis 350 000 Euro für das Hauseigentum aufbringen. „Und dafür bekommen Sie auf Sylt vielleicht eine Wohnung, aber keine familientaugliche Immobilie.“ Der Immobilienmarkt sei in dieser Preislage leergefegt. Für das gleiche Haus, das in Leck oder Niebüll für 250 000 Euro zu haben ist, wären auf der Insel 750 000 bis 850 000 Euro aufzubringen. Beträge, die auch mit dem etwas höheren Einkommensniveau auf Sylt nicht zu bewältigen seien.

Die aktuelle Entwicklung beim kommunalen Wohnungsbau sieht Kamp ausgesprochen positiv. In seinem Dorf Archsum habe es nach dem Abriss des Kindergartens fünf Jahre gedauert, bis nun endlich die politischen Wege für den Bau von zwei Doppelhäusern geebnet wurden. Jetzt können sich Interessenten melden, die eine Haushälfte in Archsum bauen möchten. „Damit können wir vier Familien auf der Insel halten.“

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