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Nordsee College : Traum oder „Trojanisches Pferd“? – Chronologie des Scheiterns

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am 29. Oktober ist das gescheiterte Nordsee College Sylt ein Fall für die Richter. Dabei hielten am Anfang alle das Internat für eine gute Idee. Warum Initiator Philipp Graf von Hardenberg den Termin immer wieder verschieben musste und warum das Projekt schließlich gescheitert ist, lesen Sie hier.

Internationales College: Eine Idee begeistert
12. September 2007: Philipp Graf von Hardenberg stellt den Lister Gemeindevertretern erstmals sein Konzept vor: Auf dem Gelände der zum Jahresende schließenden Marineversorgungsschule List (MVS) sollen zwei internationale Colleges entstehen: das Internationale College Sylt bei dem internationale Abschlüsse nach der 10. und der 12. Klasse möglich sind und das „United World College of the North Sea“, das ausschließlich Stipendiaten zulässt. Die Idee kommt bei den Ortspolitikern gut an.

Sylt | 22. November 2007: Von Hardenberg wendet sich in einer Einwohnerversammlung an alle Lister Bürger und stellt ihnen seine Pläne vor. Die 160 Zuhörer sind einhellig begeistert von den Plänen. Von Hardenberg hat sich mittlerweile von der Idee des „Unites World College of the North Sea“ verabschiedet, da die Finanzierung sich schwieriger herausstellt, plant er zwei Schulen mit jeweils 150 Kindern, 90 Mitarbeitern und 60 Wohnungen. Bevor die Pläne umgesetzt werden können, stehen noch Gespräche mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) über den Grundstückserwerb durch die Gemeinde an. Diese sollen im Januar 2008 stattfinden. Schon im September 2009 soll die Schule mit 100 Kindern an den Start gehen.


Das zähe Ringen um das Grundstück
 

5. Juni 2008: Die BImA legt fest, dass das MVS-Gelände – wie von der Gemeinde List gewünscht – ausschließlich für Forschung und Bildung zur Verfügung steht.

4. November 2008: Die Verhandlungen zwischen der Gemeinde List und der BImA dauern an. Philipp Graf von Hardenberg wartet auf den Zuschlag für die Gemeinde. Der Erbpachtvertrag zwischen Gemeinde und Internat soll spätestens im Februar 2009 unterzeichnet sein, damit der geplante Eröffnungstermin im September eingehalten werden kann. Wenn es mit der Eröffnung 2009 nichts werden sollte, würde sich der Termin um ein Jahr verschieben.

17. Januar 2009: Bürgermeister Wolfgang Strenger erklärt, die BImA bewege sich bei den Verhandlungen über den Verkauf des Geländes sehr schwerfällig. Die Erwartungshaltung für den Kaufpreis liege mit fünf Millionen Euro weit über dem von der Gemeinde angesetzten Maßstab. Sie will den Kaufpreis durch Erbpachtzins refinanzieren. Je höher der Kaufpreis, desto mehr müsste der Nachnutzer zahlen. Die Zeit drängt, denn eine Eröffnung nach September 2010 kommt für von Hardenberg nicht in Frage. Bis Ende Februar muss es deshalb zu einer Einigung kommen. Für einen Start zum Schuljahr 2010/2011 zeigt sich Strenger dennoch weiterhin optimistisch.

25. Januar 2009: Nach eineinhalb Jahren haben sich Gemeinde und Bund immer noch nicht auf einen Preis für das Gelände der Marineversorgungsschule einigen können. Jetzt soll das Areal an einen privaten Investor verkauft werden, um das Internat zu realisieren. Die Gemeinde List nimmt vom eigenen Ankauf des Geländes Abstand.

13. März 2009: Mit der Festlegung der künftigen Nutzungsmöglichkeiten hat die Gemeinde List die Voraussetzung für die europaweite Ausschreibung der MVS geschaffen. Potenzielle Käufer müssen sicherstellen, dass das Internat gebaut wird.

26. August 2009: Im offiziellen Zeitplan für die Folgenutzung des MVS-Geländes war der 27. August 2009 vorgesehen, um den Kaufvertrag zu unterschreiben. Aber es ist immer noch keine Entscheidung für einen Bieter gefallen. Langsam läuft Hardenberg die Zeit davon. Mit dem Beginn des Schuljahres 2010 sollte der Schulbetrieb aufgenommen werden. Aber es ist noch nicht einmal klar, wer der neue Eigentümer wird. Neben Hardenberg selbst gibt es laut BImA mehrere ernsthafte Interessenten. Bürgermeister Strenger hofft immer noch, dass sich das Internat realisieren lässt.

8. Oktober 2009: Eröffnung 2011 - oder gar nicht! Langsam verlieren die Initiatoren der Internatsschule die Geduld: Hardenberg kündigt an, er werde sich vom Projekt verabschieden, wenn bis zum 31. Januar keine Lösung gefunden ist. Eine Eröffnung vor 2011 ist inzwischen nicht mehr zu schaffen. Er will einen neuen Investoren vorstellen, mit dem er das Projekt gemeinsam stemmen will.


Kauf besiegelt – Eröffnung wird erneut verschoben

24. Februar 2010: Nach über zweijährigen Verhandlungen steht der Käufer fest. Hardenberg erhält den Zuschlag für das 18 Hektar große Kasernengelände. Statt der ursprünglich geforderten fünf Millionen Euro verkauft die BiMA das Gelände für 2,2 Millionen. Der Vertrag soll bald unterzeichnet werden. Eigentümer wird eine Besitzgesellschaft, der neben Hardenberg auch die PRE GmbH aus Kaiserslautern angehört. Das Nordsee College Sylt wird Pächter und soll im September 2011 in Betrieb genommen werden.

1. April 2010: Die Unterzeichnung des Kaufvertrags findet statt. Von Oktober 2010 bis Juni 2011 sollen die Außenflächen gestaltet und die Gebäude kernsaniert werden. Ziel ist es nach wie vor, im September 2011 mit dem ersten Jahrgang zu starten. Hardenberg sucht bereits nach dem Personal.

22. Juni 2010: Die Gemeindevertretung List segnet den geänderten Flächennutzungsplan und den vorhabenbezogenen Bebauungsplan ab. Mit der Baugenehmigung rechnet Hardenberg bis Ende August 2010.

10. September 2010: In einem Interview sagt Bürgermeister Wolfgang Strenger, dass die Eröffnung im Sommer 2011 wegen des langwierigen Bauleitverfahrens nicht möglich sein wird. Der Start wird auf den Sommer 2012 verschoben.

Blan B: Was passiert, wenn das Internat scheitert?

19. Oktober 2010: Die Gemeindevertretung Sylt beschäftigt sich mit der Frage, was aus dem Gelände der MVS werden soll, wenn kein Nordsee-College entsteht. Der Grund: Die kreditgebenden Banken fordern eine Sicherheit für die Finanzierung des Internats. Wenn das Internat auf Dauer nicht wirtschaftlich ist, wollen die Gemeinde List und von Hardenberg vertraglich festlegen, dass alternativ 330 Wohnungen auf dem Gelände gebaut werden. Die Gemeindevertreter aus dem Westerländer Rathaus reagieren schockiert. Sie haben den Verdacht, dass von Hardenberg aus dem Internat ein lukratives Wohnungsbauprojekt machen will, bei dem letztlich Ferienwohnungen entstehen könnten. Von Hardenberg erklärt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass das Internat nicht läuft, liegt bei weniger als einem Prozent“.

Außerdem kritisieren die Kommunalpolitiker der Gemeinde Sylt den Finanzierungsplan als unseriös. Von 16 Millionen Euro, die in das Internat fließen sollen, will von Hardenberg zehn Millionen durch eine Bürgschaft des Landes bekommen. Die Unterlagen hierfür liegen dem Land aber überhaupt noch nicht vor.

30. Oktober 2010: Die Gemeinde Sylt stimmt dagegen, den Investoren den Wohnungsbau im Fall eines Scheiterns des Internats zu ermöglichen.

6. November 2010: Das Land wird keine Bürgschaft übernehmen, angesichts der angespannten Haushaltslage und der massiven Kürzungen im Bildungsbereich. Die Umwandlung des Internats in Dauerwohnraum ist auch problematisch. Diese muss mit dem insularen Entwicklungskonzept abgestimmt werden.

13. Januar 2011: Von Hardenberg stellt seinen Schulleiter Uwe Christiansen vor und gibt bekannt, dass der Internatsbesuch 2 300 Euro pro Monat und Schüler kosten soll.


Kritik auf der Insel, Zustimmung vom Innenminister

19. März 2011: Das Okay der Landesplanung und die Baugenehmigung fehlen nach wie vor. Aus der Gemeinde Sylt kommt vehemente Kritik, dass im Fall eines Scheiterns Dauerwohnungen entstehen soll. Trotzdem will sich von Hardenberg nicht stoppen lassen und hat bereits die ersten Musterzimmer eingerichtet, die er gemeinsam mit dem künftigen Schulleiter präsentiert.

14. Juli 2011: Die Gemeinde List stimmt dem Durchführungsvertrag und dem Städtebaulichen Vertrag für den Bau von Dauerwohnraum zu, jetzt fehlt noch das Okay der Landesplanung. Im September sollen die Bauarbeiten beginnen.

3. September 2011: Innenminister Klaus Schlie (CDU) stimmt den Internatsplänen und der alternativen Wohnnutzung zu. Während die Gemeinde List und von Hardenberg aufatmen, kritisieren die Vertreter anderer Inselgemeinden den „Persilschein für den Bau von 300 Wohnungen“. Einer der schärfsten Kritiker ist Bürgervorsteher Dirk Ipsen. Für ihn ist das Internat ein „Trojanisches Pferd“. „Da steht draußen College und Internat drauf, aber durch die Ritzen kann man schon die Wohnungen sehen.“ Auch Bürgermeisterin Petra Reiber protestiert gegen die Entscheidung der Landesplanung.

20. September 2011: Bebauungs- und Flächennutzungsplan sind rechtskräftig, der Umbau kann beginnen. Allein in der ersten Umbauphase bis Sommer 2012 sollen 15 Millionen Euro investiert werden. Verbindliche Schulanmeldungen sind ab Oktober möglich.

26. November 2011: Das Nordsee College wird Gastgeber der 16. Sylter Aidsgala. 400 Sylter feiern in der alten MVS-Sporthalle und künftigen Aula.


Der Anfang vom Ende: Orkane verzögern Bau

18. Januar 2012: Die Betreiber und Eigentümer ziehen die Reißleine und verschieben die Eröffnungspläne des Internats um ein weiteres Jahr. Durch zwei Orkane ist so viel Feuchtigkeit in die Gebäude eingedrungen, dass es keine Garantie gibt, sie termingerecht fertigzustellen. Die Architekten schätzen die Verzögerung auf zwei bis vier Monate. Die 48 angemeldeten oder vorgemerkten Kinder werden vertröstet. Die Mehrkosten schätzt von Hardenberg auf eine halbe Million Euro.

3. Mai 2012: Der seit Wochen nicht erkennbare Fortschritt beim Bau lässt bei Strenger die ersten Warnlampen aufleuchten. Von Hardenberg erklärt, er warte mit neuen Ausschreibungen für den Bau, bis er einen zusätzlicher Investor gefunden hat. Ansonsten könne er die Mehrkosten, die durch die Beschädigungen entstanden sind, nicht tragen. Wenn sich niemand bis Ende Juni findet, um in das 30-Millionen-Euro-Projekt einzusteigen, ist das Internat gestorben.

26. Juni 2012: Bei einer Pressekonferenz sprechen von Hardenberg und Strenger zwar noch nicht vom Scheitern der Pläne, aber das Internat hänge am „seidenen Faden“ , der allerdings endgültig Ende Juli reißt, wenn bis dahin kein zusätzlicher Investor gefunden ist. Von Hardenberg glaubt nach eigener Aussage „nicht mehr wirklich dran“ dass die Internatspläne realisiert werden können. Das Finanzloch ist 3,2 Millionen Euro groß. Jetzt muss der Durchführungsvertrag geprüft worden, der die Schaffung von Dauerwohnraum beim Scheitern vorsieht – allerdings erst nach dem dritten Schuljahr.

28. Juni 2012: Das Land meldet Bedenken an: Die vertraglich festgelegten Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau sind nicht erfüllt. Damit fehlt die Geschäftsgrundlage für einen automatischen Einstieg in eine Wohnbebauung. Deren Umfang müsse zudem mit einem insularen Wohnungsmarktkonzept konform gehen.


Das Projekt ist gescheitert: Wie geht es weiter?

6. August 2012: Hardenberg erklärt das Internat für endgültig gescheitert, weil die Gelder nicht geflossen seien, die ihm vom Land zugesagt worden seien. Außerdem hätte die Kritik aus der Gemeinde Sylt Investoren abgeschreckt. Es sei unverständlich, wie Politiker sagen könnten, in List würden höchstens 115 Wohnungen gebraucht, wo doch jeder wisse, dass auf Sylt mittelfristig 2 000 Wohnungen fehlten. Die Internatspläne hat Hardenberg nicht aufgegeben: „Wenn das hier umgesetzt ist“ wolle er das Konzept im Hamburger Umland oder im Rheinland realisieren.

13. September 2012: Der von der Gemeinde beauftragte Anwalt erklärt, die Investoren hätten keinen Rechtsanspruch auf Wohnungsbau. Gleich zwei Bedingungen seien nicht erfüllt: Die erste lautet, dass im dritten oder vierten Betriebsjahr eine bestimmte Schülerzahl nicht erreicht wird. Zum anderen hätten 1,7 Millionen Euro in den rein schulischen, baulichen Betrieb investiert werden müssen. Das Scheitern bereits vor der Eröffnung sei etwas anderes als ein Scheitern nach dem dritten Betriebsjahr. Zudem seien in den schulischen, baulichen Betrieb lediglich 620 000 Euro investiert worden. Von Hardenbergs Anwälte sind anderer Auffassung.

2. November 2012: Die Landesplanung gibt so lange kein grünes Licht für den Bau von Wohnungen, wie das Ergebnis des insularen Wohnungsmarktkonzeptes noch nicht vorliegt.

11. Dezember 2012: Das Verwaltungsgericht in Schleswig soll klären, ob auf dem Gelände Dauerwohnraum entsteht oder nicht. Die Klageschrift der Nordsee-College-Sylt Besitzergesellschaft ist am 6. Dezember bei der Gemeinde List eingegangen. Die Gemeinde sieht sich nicht in der Lage, wie von Hardenberg erwartet, einem Nachtrag zum Vertrag und damit einem sofortigen Wohnungsbau zuzustimmen. Von Harenberg strebt ein Mediationsverfahren an, das zwischen den Konfliktparteien vermitteln soll.

1. Oktober 2013: Am Dienstag, 29. Oktober, werden sich die Gemeinde List und die NCS Besitzgesellschaft vor dem Verwaltungsgericht treffen. Das soll klären, ob nach dem Scheitern nun Plan B in Kraft tritt und die Wohnungen gebaut werden können. Das Mediationsverfahren hat die Gemeinde abgelehnt. Laut Hardenberg liegt das Hauptproblem darin, dass man im Vertrag den Fall nicht berücksichtigt habe, dass die Schule gar nicht erst den Betrieb aufnimmt. Die Gemeinde ist der Auffassung, dass genau dies hatte verhindert werden sollen.

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erstellt am 19.Okt.2013 | 13:00 Uhr

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