2. Weltkrieg : Tonnenweise Weltkriegs-Munition vor Sylt

In der Nordsee um Sylt lagern bis heute rund 10.000 Tonnen Munitionsaltlasten. Politik und Naturschützer wollen mehr Informationen sammeln, denn seit Kriegsende gab es 115 Todesopfer.

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06. Februar 2013, 03:16 Uhr

Die Insel Sylt war im 2. Weltkrieg eine regelrechte Nordsee-Festung mit Invasionsschutz und Flugabwehr. Es gab Flugplätze in List, Westerland, Rantum und Hörnum sowie Ausbildungseinrichtungen für Marinesoldaten. Stumme Zeugen des Krieges sind die Betonreste von Bunker- und Flakanlagen. Sie sind allerdings nicht die einzigen Relikte des Weltenbrandes - ein gefährliches und unsichtbares Kriegserbe umgibt die Küsten der Insel bis heute: Rund 10.000 Tonnen Munition wurden vor dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft in Inselnähe versenkt. Diese Zahlen gehen aus dem Jahresbericht einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter Federführung Schleswig-Holsteins hervor. Mit Blick in Militär-, Landes- und Stadtarchive belegten die Experten, dass jeweils westlich von Rantum, Hörnum und im Lister Tief Weltkriegsmunition versenkt wurde. Laut dem Bericht der Arbeitsgruppe lagern in deutschen Hoheitsgewässern mindestens 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 500.000 Tonnen chemische Kampfmittel (wir berichteten).
Einen großen Teil der verklappten Munition vor Sylt hat die Natur bisher selbst wieder an Land befördert - besonders die Herbststürme seit 1945 warfen zahlreiche Munitionskisten wieder auf die Küsten zurück. Welches Gefahrenpotential geht aber heute noch von der verbliebenen Munition auf dem Meeresgrund aus? "Viele der Sprengstoffe sind nicht akut gefährlich - trotzdem müssen besonders Touristen gewarnt werden. Hier sind Kurverwaltungen und Ordnungsämter gefragt", sagt Nabu-Landesgeschäftsführer Ingo Ludwichowski.
Senfgasbomben in Fischernetzen, die Kollisionen mit alten Seeminen und andere Munitionsunfälle haben nach einer Zählung der Aktionskonferenz Nordsee e. V. seit Kriegende mindestens 115 Todesopfer gefordert. Für Sylt sind hingegen nur zwei Selbsdetonationen von Seeminen dokumentiert - bei beiden Vorfällen (1946 und 2004) kam niemand zu Schaden.
Neben der Gefährdung für Mensch und Umwelt ist die Altmunition auch ein Hindernis für den Bau von Offshore-Windparks und damit ein Kostenfaktor für die Wirtschaft. So wurden bei den Arbeiten zur Anbindung des Windparks Riffgat bei Borkum bisher zwei Seeminen und 2,7 Tonnen Munition gefunden. Ähnliches könnte auch dem Projekt Butendiek vor Sylt drohen. 35 Kilometer vor der Sylter Westküste - und damit in der Nähe eines im Report ausgewiesenen Munitionslagers - soll nach den Plänen der Wpd-offshore Gruppe ein Windpark mit 80 Windrädern entstehen.
Nach Fertigstellung soll eine Hochspannungsleitung über 190 Kilometer bis Büsum verlegt werden und den Windpark mit dem Festland verbinden. Nach Einschätzung von dem CDU-Bundestagsabgeordneten Ingbert Liebing wären Arbeiten an einer solchen Kabeltrasse sogar sinnvoll: "Diese Arbeiten am Meeresgrund führen dazu, dass wir mehr Erkenntnisse bekommen." Die Tastsache, dass es in den letzten Jahrzehnten um Sylt nur sehr wenige Munitionsfunde mit geringem Gefährdungspotenzial gegeben habe, dürfe nun nicht zu der Annahme führen, alle Altlasten müssten sofort gehoben werden, so Liebing. "Stattdessen müssen wir mehr Informationen sammeln, um die Situation präziser Einschätzen zu können." Auch der Naturschutzbund hatte bereits Ende Januar Bund und Länder dazu aufgefordert, mehr Mittel für die Fortsetzung der "Recherche und der strategische Munitionssuche" bereitzustellen.

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