zur Navigation springen

Finanzielle Probleme : Sylts Schullandheime in Not

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Puan Klent, Fünf-Städte-Heim und das ADS-Haus kämpfen mit zurückgehenden Gästezahlen und in Puan Klent fehlen acht Millionen Euro.

von
erstellt am 08.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Sylt | Hagebuttentee aus Metall-Kannen, durchquatschte Nächte in Stockbetten und Dünenwanderungen in Zweierreihen: Für viele Schleswig-Holsteiner und Hamburger sind die Erinnerungen an ihre erste Reise nach Sylt eng mit den hiesigen Schullandheimen verbunden. Wer seine Klassenfahrt in Puan Klent, im Fünf-Städte-Heim oder im ADS-Haus verbrachte, der kommt oft später auf die Insel zurück. Doch das Anfixen zukünftiger Sylt-Gäste gestaltet sich für die Schullandheime zunehmend schwierig: Viele Einrichtungen kämpfen mit zurückgehenden Gästezahlen.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Siegfried Leisner, Vorsitzender der Stiftung Puan Klent, die das gleichnamige Hamburger Jugenderholungsheim betreibt, nennt vor allem gesamtgesellschaftliche Entwicklungen: Den demographischen Wandel, der dazu geführt hat, dass sich Klassen mit 25 statt wie früher mit 35 Kindern anmelden. „Und von den 25 kommen eventuell nur 15, weil sich bei zehn Kindern die Eltern die Kosten für die Klassenfahrt nicht leisten können.“ Auch die zweite Haupt-Gästegruppe, die Sportvereine, würden in den vergangenen Jahren immer seltener kommen, so Leisner: „Die Vereine finden immer weniger junge Leute, die einen Jugendgruppenschein machen wollen und die Jugendlichen so als Betreuer begleiten können.“ Zudem seien kommerzielle Reiseveranstalter bei den Vereinen immer beliebter. Konsequenz: Statt 60.000 Übernachtungen pro Jahr verzeichnet Puan Klent momentan bei 400 Betten nur noch knapp 50.000 Übernachtungen – und damit rund 250.000 Euro weniger Einnahmen pro Jahr. Gleichzeitig werden die Gebäude maroder: Um Puan Klent mittelfristig weiter betreiben zu können, sagt Leisner, brauche er rund acht Millionen Euro an externen Fördermitteln. Das berichteten Hamburger Medien gestern. Für den Anfang hat er einen Förderantrag über eine Millionen Euro bei der Stadt Hamburg eingereicht, sagte Leisner gegenüber der Sylter Rundschau.

Puan Klent ist nicht das einzige Heim auf der Insel, bei dem die Träger in eine unsichere Zukunft blicken: Das Haus Stegerwald in Rantum erwirtschaftet einen jährlichen Unterschuss im sechstelligen Bereich – wegen des Wegfalls öffentlicher Förderungen von Familienferien wollte die Einrichtungen nun eine ihrer drei Etagen in Rantum als Dauerwohnraum zur Verfügung stellen (wir berichteten). Im Hörnumer Fünf-Städte-Heim sieht Leiter Jochen Buchmann die Lage zwar noch nicht dramatisch, aber auch hier gehen die Übernachtungszahlen tendenziell zurück. Und Maren Kruse, die seit Oktober vergangenen Jahres das Gerd-Lausen-Haus der Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig (ADS) in Rantum leitet, ist mit sinkenden Übernachtungszahlen konfrontiert. Nachdem das ADS-Heim vor zwei Jahren seine Mutter-und-Kind-Kurabteilung schließen musste, weil sie nicht mehr rentabel war, kriselt es langsam auch bei den Klassen- und Jugendfahrten. Ähnlich wie Leisner sieht Kruse hier die Ursache in demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungen – und darin, dass die sich selbst finanzierenden Schullandheime mit den besser ausgestatteten und vom Bund unterstützen Jugendherbergen konkurrieren müssen. Diese Konkurrenz spürt auch Buchmann: „Dort hat sich der Komfort in den vergangenen Jahren unglaublich erhöht – da müssen wir dran bleiben.“ Heißt: Die Sechsbettzimmer im Fünf-Städte-Heim sind Vier-Bett-Zimmer gewichen, statt Hagebuttentee gibt’s in Puan Klent dreißig Teesorten zur Auswahl.

Mehr Komfort ist allerdings nicht der einzige Weg, der die drohende Misere abwenden soll: „Wir müssen auf Sylt auch an uns selbst Kritik üben“, findet Kruse, „hier wird sich zu wenig vernetzt. Jedes Schullandheim kämpft für sich allein und wartet, bis das andere tot ist.“ Sie findet, dass zumindest die Gemeinden die Einrichtungen unterstützen könnten – brächten diese der Insel nicht nur potenziellen Touristen-Nachwuchs, sondern auch Besucher für Aquarium oder Erlebniszentrum. Um den Negativ-Trend aufzuhalten, plant Kruse zukünftig stärker am Marketing zu arbeiten. Und auch wenn sie als Teil eines gemeinnützigen Vereins Familien nicht direkt bewerben darf, sieht sie in diesem Bereich eine Möglichkeit, dem Haus gerade im Sommer mehr Gäste zu verschaffen.

Erwachsene ins Ferienheim – diese Strategie greifen auch die anderen Erholungseinrichtungen auf. So steht Leisner in Kontakt mit den Hamburger Betriebssportverband, der in Puan Klent Gesundheitsseminare veranstalten könnte. Ob sich alle insularen Jugendheime aber durch Erwachsene füllen lassen können, scheint in Zeiten allgemeiner rückläufiger Übernachtungszahlen auf Sylt fraglich.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen