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Sylter Rundschau

19. Oktober 2017 | 07:34 Uhr

Sylts letzte Reetbauern

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Obwohl Sylt die Insel der Reetdächer ist, liegt auf den Häusern meistens Importware. Auf der Insel wächst zwar Reet, doch nur wenige verstehen es zu ernten.

shz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 04:36 Uhr

„Im Winter in der Natur zu sein und Reet zu mähen, ist einfach eine wunderschöne Arbeit, die unwahrscheinlich Spaß bringt. Es ist etwas ganz Einmaliges“, schwärmt der Landschafts- und Gartenpfleger Holger Schultz auf seinem Hof in Morsum. Schultz gehört gemeinsam mit Andreas Hansen, Hermann Huth und Karl-Heinz Klint zu den letzten Syltern, die noch direkt auf der Insel Reet schneiden.


Großteil des Reets wird importiert


Obwohl auch heute noch täglich Häuser auf Sylt traditionell gedeckt werden, wird der Hauptanteil der verbauten Halme mittlerweile importiert. Eine Entwicklung, die bereits in den 60er Jahren begann. Sylter Dachdecker beziehen ihre Halme beispielsweise über Großhändler, die eine Vorauswahl in der jeweiligen Saison treffen. Das Reet, das momentan am häufigsten verwendet wird, stammt aus der Ukraine, Russland und Westungarn. Auch aus China Polen und Südafrika wird Material bezogen. Das Chinesische wird von den Kunden allerdings nicht so stark nachgefragt, da diese häufig nähere Anbaugebiete bevorzugen.

Ungeachtet des Herkunftslandes wird darauf geachtet, dass die Anbauflächen, unbelastet sind. Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Lieferungen gibt es allerdings immer. Reetexperten können diese nach Jahren der Erfahrung mittlerweile sogar hören und riechen. Die Geräusche beim Biegen und die Zeitspanne, bis es knackt, können sie genau zuordnen. Unterschiedliche Halmdicken sind allerdings auch gewünscht, da nicht jede Dachstelle gleich gedeckt werden kann. Beispielsweise bei einer Fenstergaube gäbe es unterschiedlich geneigte Flächen. Flachere Stellen benötigen dickere Halme, da die Feuchtigkeit dort nicht so schnell abfließen kann und diese Bereiche sonst der Witterung stärker ausgesetzt sind, als an den steileren Stellen. „Darin liegt gerade die Kunst, das Dach so zu decken, dass es einheitlich lang hält“, erklären die Dachdecker.

Von der ruhigen Idylle des winterlichen Erntens, die Holger Schultz beschrieben hat, ist jetzt im Sommer auf dem Hansenhof in Morsum nichts zu spüren. Rangierende Autos, geschäftiges Treiben im Hofladen und jede Menge Hühner. Genau wie die anderen drei, ist Andreas Hansen nicht hauptberuflich Reetbauer. Der „Hühnerbaron“ betreibt einen Hof in Morsum. Der Arbeitsaufwand sei viel zu hoch und der Preis pro Bund viel zu niedrig, als dass sich damit noch Geld verdienen ließe, so Hansen. Der fröhliche Morsumer schneidet ebenfalls nur noch für den privaten Gebrauch.

Mit dem Auto fahren wir in sein Reetgelände, das im östlichsten Zipfel von Morsum liegt (Nösse). Dort angekommen liegt am Feldweg noch ein alter Stoß Bündel. Das frische Schilf ist grasgrün und geht dem 59-Jährigen bereits bis zur Hüfte. Im eigentlichen Sinne auf Feldern angebaut wurde Reet auf Sylt nie. Es wächst auf feuchtem Untergrund von allein, im Jahr bis zu zwei Metern hoch. Auch heute noch ist es an vielen Stellen auf der Insel zu finden. Beispielsweise im Rantum Becken, am Nössedamm und im Gebiet zwischen Kampen und der Vogelkoje.

Die Sumpfpflanze hat einen einjährigen Wachstumszyklus und wird geerntet, wenn die grüne Farbe aus den Blättern gewichen ist und die Halme voll ausgehärtet sind. „Je ordentlicher man es abschneidet, desto besser wächst es im nächsten Jahr nach“, erklärt Hansen. Der Grund, weshalb die Reeternte auf Sylt heute nicht mehr kommerziell betrieben wird, ist simpel: es lohnt sich nicht mehr. Mit den Preisen aus dem Ausland können die Sylter nicht mithalten. Allerdings ist auch der Bedarf auf Sylt so groß, dass er selbst durch das gesamte Sylter Reet schon lange nicht mehr gedeckt werden könnte. Dabei ist es von der Qualität her sehr gut, da es genau in den klimatischen Bedingungen gewachsen ist, in denen es verarbeitet wird. Aus diesem Grund ist das Sylter Reet auf der Insel besonders haltbar. Doch sind die Pflanzen nicht so gerade, wie die aus anderen windstilleren Ländern. Dadurch, dass der Wind den Halm auf Sylt in verschiedene Richtungen drücke, wachse der Halm nicht so gerade, wie in einer Umgebung, in der es ausschließlich aus einer Richtung windet, so die Reetexperten. Die Halme sind außerdem feiner und etwas dünner. Einig sind sich aber alle: es ist gut, dass auf Sylt immer noch Reet geschnitten wird. Fragt man nach der Motivation dafür ist die Antwort eindeutig:„Reiner Idealismus. Es gehört eben zu Sylt dazu.“

Ihre Mähmaschine und ihre Reiningungsmaschine haben sich die langjährigen Freunde Andreas Hansen und Holger Schultz damals gemeinsam angeschafft. Die Mähmaschine stammt eigentlich aus Italien und musste für ihre heutige Verwendung umgebaut werden. Zwar hat schon Hansens Großvater Reet gemäht, allerdings noch mit der Sichel. Seine Methode hat sich der Landwirt im dänischen Hvide Sande im Urlaub abgeschaut. „Ach, da hat jeder so seine Methoden“, erklärt der 59-Jährige. Zur Ernte schieben Schultz und er zuerst die Maschine in das Gelände hinein. Durch ihre großen Reifen und das tiefe Profil, ist man dabei nicht darauf angewiesen, dass der Boden gefroren ist. Die Maschine schneidet, bündelt und schnürt das Reet auch auf sumpfigem Untergrund. Die geschnürten Bündel werden anschließend durch die Reiningungsmaschine gesäubert. Dies geschieht, indem Gräser vor allem aus dem unteren Bereich der Pflanze dem Stoppelbereich herausgebürstet werden. Danach kürzt die Reinigungsmaschine die Halme auf das Verkaufsmaß. Dann entscheidet sich je nach Trockenheit des Sumpfgrases, ob es direkt verarbeitet werden kann oder noch einige Zeit eingelagert werden muss.


Reet wird im Winter geerntet


Das Reet wird zwischen November und Januar geerntet. In dieser Zeit ist es vollständig abgetrocknet. Außerdem darf das Mähen nicht in die Brutzeit der Vögel fallen, weil die gestört würden.

Auch wenn heute die vier Reetbauern diesen Aufwand nur noch für den privaten Bedarf betreiben, lohnt sich das für sie noch immer. Würden sie diese kleine Menge importieren, wäre dies teurer, als es selbst zu ernten. Denn die Sumpfpflanze hat sich vom einst günstigsten Rohstoff zum teuersten gewandelt. Man konnte sie nicht verfüttern, somit eignete sie sich sehr gut als Baustoff. Was vor Jahrhunderten aus der Not heraus entwickelt wurde, hat sich heute zur luxuriösen Tradition entwickelt. „Praktische Vorteile im Gegensatz zum Hartdach gibt es eigentlich nicht mehr“, sind sich die Reetdachdecker einig. Wer sein Dach heute von ihm decken lässt, legt vor allem Wert auf die Optik. Die ist allerdings nicht zu unterschätzen.

In einigen Sylter Orten ist eine Reetdachdeckung sogar durch die Satzung vorgeschrieben. Ein Vorteil ist die Isolierung. „Man sagt, dass es unter einem Weichdach im Sommer kühler und im Winter wärmer wäre“, bestätigt Hansen. „Dadurch, dass eine Reetdeckung ungefähr 35 - 40 Zentimeter dick ist, ist die Isolierung sozusagen schon mit dabei“, beschreibt auch Holger Schultz.

Bei der Frage, ob sie für die Reeternte auf Sylt eine Zukunft sehen, antwortet Andreas Hansen bestimmt:„Nee! Das macht kein Mensch mehr. Dafür ist es viel zu anstrengend.“ Auch heute schon ist die Reeternte auf Sylt nur noch das Hobby weniger Liebhaber. Zusätzlich hat das Schilfwachstum nachgelassen. „Wieso genau können wir nicht sagen. Allerdings kann man eindeutig erkennen, dass heute wesentlich weniger Reet auf Sylt wächst, als früher“, erklärt Holger Schultz. Auch wenn die traditionellen Dächer auf Sylt wahrscheinlich nie aussterben werden, wird es in ein paar Jahrzehnten wohl keine Dächer mehr geben, die mit insularem Reet gedeckt sind.

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