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Bewegender Rückblick : Sylts „goldene Jahre“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Tod der Sylterin Elvi Fuchs lässt Erinnerungen an eine Zeit wach werden, in der die Insel sich wandelte

shz.de von
erstellt am 09.Aug.2014 | 06:09 Uhr

Liebe Tante Elvi,

plötzlich ist Dein Leben zu Ende. Eine Ära ist zu Ende. Unsere Kindheit ist zu Ende. Seit Sonntag. Man hätte eigentlich vorher schon mal merken müssen, dass die Zeiten sich geändert haben, aber erst Dein Tod setzt einen Schlusspunkt hinter die „goldenen Jahre“, für die Deine Generation steht wie keine andere auf Sylt. Du kamst Anfang der 60er auf die Insel. Deine Eltern dachten, das wäre eine gute Idee, um das quälende Asthma zu kurieren. Warst Du 19? Irgendwie sowas. Du kamst aus Stuttgart und hast diesen schwäbischen Sound nie ganz verloren. Als Kind haben wir uns darüber gewundert, dass Du „der Butter“ gesagt hast.

Du kamst, als das Kurzentrum gebaut wurde. In der Friedrichstraße fuhren noch Autos. Niemand hatte Geld. Ihr hattet eine Wohnung in einem dunklen Gemäuer, wo heute die Sparkasse steht. Auf Eurer Tapete waren kleine Menschen auf Motorrollern aufgedruckt. Du hattest Onkel Loni geheiratet. Ihr fuhrt mit einen Magarine-Laster über die Insel und habt dann ein Geschäft in der Friedrichstraße aufgemacht. Das war so eine Art Mini-Supermarkt. Heute ist da „Sansibar“ drin. Nebenan war Schuh-Wahrig. Schräg gegenüber „Engel“, Papier und Zeitschriften. Bisschen weiter gab es Düysen. Meine Eltern machten ein Pelzgeschäft auf. Hauke und Anne gründeten ein Einrichtungshaus. Bärbel und Uwe stiegen in den Hotelbetrieb „Wünschmann“ ein, Antje und Hans-Hermann übernahmen Wegst, Gitta und Uwe machten in der Strandstraße in Spirituosen, nebenan die Langmaacks und an der Ecke Neue Straße das Milchgeschäft, voll gekachelt und mit diesem unvergesslich frisch-säuerlichen Geruch im Laden. Und wir waren Eure vielen Kinder, die nach der Schule von Geschäft zu Geschäft liefen – nicht nur als Freunde, sondern wir wurden über die Jahre Geschwister.

Überall waren wir willkommen, haben unsere Schularbeiten in den Hinterzimmern Eurer Läden erledigt. Ihr habt gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet. Wir Kinder wurden im Pulk zur Übernachtung verfrachtet. Es gab immer dort etwas zu essen, wo mal jemand Zeit hatte zu kochen. So wurdest Du zu unserer Ersatzmutter, Tante Elvi. Die Insel boomte, und Ihr boomtet voll mit. Plötzlich haben wir in Häusern gewohnt, nicht mehr in Wohnungen. Wir hatten teure Kicker-Schuhe an. Und einmal im Jahr ging es in den Urlaub. Natürlich alle gemeinsam. Bis zu zehn Familien flogen jeden Herbst für drei Wochen nach Ibiza und lebten alle zusammen überwiegend am Strand, geschlafen haben wir auch wieder kommunenartig in miteinander verbundenen Häusern. Das waren die 70er.

Irgendwie wart Ihr doch alle Hippies, Tante Elvi! Flatterklamotten, Leinenschuhe, Hot Pants, Vino Rosado, diese fantastische Music-Box in der Strandbude in der Cala Vadella. Und wir waren Hippie-Kinder, überall zu Hause und nirgends. Dieser Zusammenhalt ist für uns Kinder bis heute geblieben und beglückend. Und doch wurde es damals schwierig, als der wirtschaftliche Aufschwung mit Macht über die Insel kam. Es war wie ein Sog. Plötzlich hattest Du ein eigenes Auto. Dann auch noch ein Pferd. Dann kamen Angestellte für das Geschäft. Dann Filialen. Dann ging die Ehe mit Loni zu Bruch. Ganz viele Ehen gingen zu Bruch. Für uns Kinder war das ätzend. Aber wir wurden ja auch älter und lebten damit. Die Anlaufstellen von früher sind weg. Den heterogenen Einzelhandel gibt es kaum noch. Heute ist auf Sylt alles irgendwie Kette. Heute ist Distanz. Man ist nicht mehr aufeinander angewiesen. Sylt funktioniert als gut geölter Betrieb, und die meisten leben inzwischen für sich.

Eine Form der Industrialisierung, die ernüchternd sein kann. Du hast diese umwälzende Entwicklung eines Nordseebads mit Nachtfahrverbot hin zu einer Full-Entertainment-Destination, die keine Wünsche offen lässt, nicht nur miterlebt, Du hast sie zusammen mit den anderen auch betrieben, unterstützt und davon profitiert. Du hast von allem das Schöne mitgenommen. Aber auch das Schlimme. Von außen betrachtet, würde man wohl sagen: ein ganz normales, langes Leben mit den üblichen Schicksalsschlägen. Aber der fulminante, brachiale Wandel, den die Insel durchgemacht hat, den hast Du eins zu eins selbst gelebt. Du wirst nicht mehr davon erzählen können. Du gehst jetzt nach Keitum und hast dort Deine Ruhe. Wir müssen die anderen ehemaligen Hippies aus Deiner Kommune befragen. Und uns selbst erinnern. Jetzt ist der Moment dafür.

Die Autorin lebt als Journalistin in Hamburg. Bei ihrem hier abgedruckten Text wurde sie unterstützt von den „alten Sylter Freunden“ Stephanie Matthiessen, Birgit Hoppe-Evers, Jörn Hoppe, Kerstin Hoppe, Nicolas Hoppe, Dirk Volquardsen, Jörg Volquardsen – und natürlich von Claudia Fuchs und Lars Fuchs.


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