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Sylter Zeitgeschichte : Sylts 560 Hektar große „Fehlplanung“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Sylter Zeitgeschichte: Am 12. August 1937 wurde der Rantumdamm geschlossen, der 560 Hektar große Seeflughafen wurde jedoch nie benötigt.

shz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Quer durchs Meer: Im Frühjahr 1936 nahm eines der größten Bauprojekte in der Geschichte der Insel seinen Anfang – die Eindeichung des Wattenmeers zwischen Rantum und Tinnum. Mitte der 1930er Jahre forcierte die Deutsche Luftwaffe Planungen für einen neuen Seefliegerhorst an der Nordseeküste. Zwei geeignete Plätze wurden dafür ins Auge gefasst: Die Rantumer Bucht und das Wattenmeer vor der Insel Pellworm. Die Entscheidung fiel letztlich für Sylt.

Daran konnte auch eine Eingabe der Gemeindevertretung Rantum nichts ändern: „Durch das Bauvorhaben des Luftkreiskommandos sind die Besitzungen in Rantum bei Sturmfluten durch die aufgestauten Wassermengen äußerst gefährdet. Die Gemeinde stellt mit Bedauern fest, dass das Luftkreiskommando auf die privaten Interessen keinerlei Rücksicht genommen hat“, hatten die Kommunalpolitiker vergeblich moniert.

Im Frühjahr 1936 begannen dann die Arbeiten an dem 5,2 Kilometer langen Damm, der auf eine Höhe von fünfeinhalb Metern aufgeschüttet wurde. Untergebracht waren die Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes im Lager Dikjen Deel südlich von Westerland, einer Ansammlung spartanischer Baracken. Zeitweise waren bis zu 700 Männer Tag und Nacht im Einsatz – und leisteten wahre Knochenarbeit. Ein Veteran erinnerte sich noch Jahre später: „Nach getaner Arbeit waren wir abends oft so erschöpft, dass einige von uns an einem Stock in die Baracken gingen.“

Am 12. August 1937 wurde der Rantumdamm geschlossen. Der 560 Hektar große Seeflughafen mit einer Wassertiefe von bis zu drei Metern verfügte über Start- und Landebahnen von bis zu 3 000 Metern Länge. Doch bereits bei seiner Fertigstellung wurde der Fliegerhorst für Wasserflugzeuge als „nicht mehr kriegswichtig“ eingestuft – unter anderem deshalb, weil Wasserflugzeuge für die strategische Kriegsführung der Luftwaffe nicht länger Bedeutung hatten.

Das aufwändige Unterfangen erwies sich somit als planerischer Fehlschlag. Nach Kriegsende installierten englische Pioniere im Rahmen der Entmilitarisierung an verschiedenen Stellen des Damms Sprengladungen. Buchstäblich in letzter Minute intervenieren deutsche Behörden gegen das Vorhaben.

Auf Sylt begann indes eine lange, aufreibende Diskussion über die weitere Nutzung der eingedeichten Bucht. Zunächst keimte die Idee, das Rantum-Becken in eine Anbaufläche für Reet zu verwandeln, um mit dem Schilfrohr die Dächer der Friesenhäuser einzudecken. Eine andere Variante war – wie die Sylter Rundschau 1949 vermeldete – „die Nutzung für wassersportliche Veranstaltungen des Kurbetriebs“.

Auch plante man, das Rantum-Becken trocken zu legen und aus dem Areal „Vorteile als Weide- und Gemüseland zu ziehen, da die Insel Sylt bisher in großem Umfange Milch und Frischgemüse vom Festland einführen muss.“ Anfang der 1960er Jahre schließlich wollte man hier gar eine große Mülldeponie ansiedeln.

Doch keines dieser Luftschlösser wurde je gebaut. Statt dessen hatten im Laufe der Jahre gefiederte Gäste das Rantum-Becken in Besitz genommen. Auf der Insel entwickelte sich nun eine sehr kontroverse Diskussion über ein mögliches Vogelschutzgebiet. 1962 fiel der richtungsweisende Beschluss: Die Bucht wurde zum Naturschutzgebiet erklärt.

60 Vogelarten wurden bis 1969 registriert. Doch dann ging es bergab: „Die Zahl der Brutvögel ist in den beiden vergangenen Jahren um 90 Prozent zurück gegangen – das Rantum-Becken droht zu einer stinkenden Landschaft zu werden“, alarmierte der Vorsitzende des betreuenden Naturschutzvereins Jordsand 1971 die Öffentlichkeit. Grund: Eingeleitete Abwässer der Stadt Westerland bahnten sich ihren Weg durch die breiten Schilfgürtel des Refugiums und verteilten sich in die Bucht. Erst ein neues Klärwerk schuf schließlich Abhilfe.

Heute kennzeichnen die unterschiedlichsten Biotope das bedeutsame Naturschutzgebiet, angefangen von offenen Wasserflächen über Flachmoore bis hin zu Salzwiesen und Schilfgürteln. Dadurch bietet das Rantum-Becken Zehntausenden von Vögeln Nahrungs- und Rastflächen. Vor allem während der Zeit der Vogelzüge im Frühjahr und Herbst bevölkern riesige Schwärme die Bucht.

Der Damm des Rantum-Beckens, der zwischen 1988 und 2002 in mehreren Abschnitten verstärkt wurde, hat indes noch eine andere wichtige Funktion: Er ist ein Landesschutzdeich.

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