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Sylter Köpfe : Sylterin für 55 Jahre und einen Monat

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Elly Plath (83) wurde mit neun Jahren aus ihrer baltischen Heimat vertrieben, verbrachte einen Großteil ihres Lebens in Keitum und muss die Insel nun wieder verlassen.

shz.de von
erstellt am 28.Aug.2013 | 14:32 Uhr

Wenn Elly Plath von ihren letzten Tagen auf Sylt erzählt, wird ihre Stimme brüchig und in ihren Augen schwimmen Tränen. „Gestern hat mich eine Frau in den Arm genommen und mir gesagt, wie sehr ich ihr fehlen werde“, sagt sie. „Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, weil ich in dieser Gemeinde so gut angenommen wurde, oder ob ich traurig sein soll, weil es so hart ist, diese Menschen zu verlassen.“

55 Jahre und einen Monat lang hat Elly Plath in Keitum gelebt. Jetzt muss sie die Insel verlassen, weil sie alleine die Pflege ihres 90-jährigen Ehemanns nicht mehr stemmen kann und die beiden gerne in der Nähe ihrer Tochter in Hannover sein wollen. „Ich musste mich zwischen meinem Mann und meinem Haus entscheiden. Ich hänge sehr an diesem Haus, das wir selber gebaut haben, aber ich will meinen Mann nicht alleine lassen“, sagt Elly Plath.

Die 83-Jährige sagt, sie kenne das Gefühl, die Heimat gegen den eigenen Willen verlassen zu müssen. Schon als Neunjährige wurde sie mit ihrer Familie von den Russen aus ihrem Geburtsort in Lettland vertrieben, danach ging die Reise über Polen in die Sächsische Schweiz. Das Leben von Elly Plath wurde schon in frühester Jugend von verschiedensten politischen Regimes fremdbestimmt – erst durch Hitler und Stalin, später lebte sie in der DDR. „Von einem auf den anderen Tag wurde ich von der Schulbank gerissen und ins Leben hinein gestoßen. Eine richtige Jugend hatte ich nicht und musste schon als Kind erwachsen werden.“ Über ihre Jugend voller Hunger und Entbehrung, Zwangsarbeit und Fluchtversuchen könnte Elly Plath ein eigenes Buch schreiben. All zu viel von ihrem Leben will sie nicht in der Zeitung lesen, aber es tut ihr sichtlich gut, darüber zu reden. Sie erinnert an eine gemütliche, freundliche Großmutter aus dem Märchen, sucht gerne die Nähe anderer Menschen. Aber wenn Elly Plath von ihrer Vergangenheit erzählt, merkt man ihr auch die Last ihrer Erinnerungen an, hört die Rührung und die Verzweiflung längst vergangener Tage in ihrer Stimme.

Am Ende einer langen Reise landete sie mit ihrer Familie in Mecklenburg, wo sie mit 18 Jahren ihren späteren Mann Willy Plath kennen lernte, ihn heiratete und ihm im Jahr 1958 durch den Eisernen Vorhang nach Sylt folgte. „Die erste Zeit auf Sylt war hart. Mich hatte ja das Schicksal hierher getrieben, ich haderte mit dem rauen Klima, mit dem Dünensand, auf dem nichts vernünftig wuchs“, erzählt sie. In Keitum hatten die Eltern ihres Mannes eine alte Hütte, „die war praktisch noch aus Moses Zeiten“. Nach deren Tod bauten Elly und Willy Plath hier ihr eigenes Haus auf dem Grundstück in Keitum. „Damals haben wir alles selber gemacht“, erinnert sie sich.

Mit Sylt angefreundet hat sie sich erst, als der damalige Keitumer Pastor Kähler ihr Anfang der 1960er Jahre antrug, die junge Gemeinde in St. Severin zu übernehmen. „Damals konnte ich das eigentlich nicht – meine Tochter war gerade geboren und wir bauten noch. Aber der Kontakt zu Kindern und der christliche Glaube waren mir schon immer sehr wichtig.“

Über 20 Jahre lang leitete Elly Plath die Kirchenjugend von St. Severin, arbeitete ehrenamtlich für das Rote Kreuz und verbrachte viel Zeit in ihrem Garten und in der Kirche. Neben dem Religionsunterricht gehörte auch das Spielen mit den Kindern zu ihrer Arbeit dazu. „Im Winter fuhren wir Schlitten und im Sommer gingen wir schwimmen“, sagt sie. Für Elly Plath, die ja nur Binnenseen kannte, eine echte Herausforderung: „Die Sylter konnten alle schwimmen wie die Enten und haben sich einen Spaß daraus gemacht, immer weiter hinaus z schwimmen und mir Angst zu machen – es war, als wenn ein Huhn Enten ausgebrütet hätte.“ Erst als Elly Plaths Tochter schwimmen lernte und am Strand auf ihre Mutter aufpasste, lernte diese die Nordsee lieben.

Normalerweise ist Elly Plath ein fröhlicher, offener Mensch. Sie liebt die Natur und ihre Hühner, Spaziergänge an der Nordsee und wenn Kinder ihr in die Arme laufen oder sie alte Freunde im Dorf oder in der Kirche trifft. Ihr Lieblingsort ist die Landschaft rund um die Kupferkanne, „denn dort sieht es so ähnlich aus wie dort, wo ich aufgewachsen bin.“

Aber der baldige Abschied von der Insel hat Elly Plath nachdenklich werden lassen. „Wenn ich heimkomme, sehe ich, wie die Früchte und Beeren im Garten beginnen zu reifen, aber ich werde für die Ernte nicht mehr da sein.“ In einem Altenheim auf Sylt wollte sie auf keinen Fall leben. „Da hätte es mich ständig zu meinem Garten gezogen, und ich will doch, dass die junge Familie, die dort leben wird, ein so unbelastetes Leben hat, wie wir es hatten.“ Trotzdem – die Ferienwohnung, die Elly und Willy Plath ihrer Tochter im ersten Stock des Hauses gebaut haben, wird diese behalten. Dann kann auch Elly Plath ab und zu ihre Insel besuchen, die trotz großer Anfangsschwierigkeiten zu ihrer Heimat geworden ist.

Eine Erinnerung an die Erbauer dieses Hauses wird auch nach dem Weggang von Elly und Willy Plath bleiben. Als sie vor einigen Wochen dem Haus einen neuen Anstrich verpasst haben, haben die Plaths einen Stein mit ihren Initialen in die Hauswand einsetzen lassen. „Der stammt von unserem Bauernhof in Lettland. Mein Vater hatte seine Initialen darin eingraviert.“ Und ganz am Ende werden Elly und Willy Plath wieder auf ihre geliebte Insel zurück kehren – ihre Grabstätte liegt auf dem Friedhof von St. Severin.

 

 

 

 

 

 

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