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Facebook : Sylter startet Privatfahndung im Netz

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Auf der Internetseite Gesucht-Gefunden-Sylt wurde nach einem vermeintlichen Dieb gesucht - mit freundlichen Worten und deutlichen Bildern.

von
erstellt am 04.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Sylt | Wochenende, abends kurz an der Tanke, und dann ist auf einmal das Portemonnaie weg. Ärgerlich. Besonders, wenn die Überwachungskameras der Tankstelle einen Mann zeigt, der das vor der Tankstelle verlorene Portemonnaie findet, sich bückt und offenbar knalledreist einsteckt.

Der Sylter, dem dies am vergangenen Sonnabendabend passierte, schritt zur Tat: Er ließ sich von der Tankstelle die Bilder der Überwachungskameras geben und stellte den vermeintlichen Portemonnaie-Dieb ins Internet, auf die Facebookseite der Gruppe Gesucht-Gefunden-Sylt. 5886 Mitglieder dieser Netzgemeinde wurden damit aufgerufen, sich mit dem Eigentümer des Geldbeutels in Verbindung zu setzten, sollten sie den gut erkennbaren Herren auf den Fotos kennen. Auch der Abgebildete wurde höflich angeschrieben: „Lieber Finder, ich darf davon ausgehen, dass Du noch vorhast, meine Geldbörse (...) abzugeben, inklusive Inhalt versteht sich. “ Sollte dies nicht geschehen, werde er Freitag wegen Fundunterschlagung angezeigt. Schnell entbrannte in der Netzgemeinde eine heftige Diskussion: „Datenrechtlich verwerflich“ oder „nicht in Ordnung“ fanden einige Nutzer diese Form der öffentlichen Fahndung. Andere sahen es als gerechtfertigtes Mittel, habe der Mann das Portemonnaie doch offenbar unrechtmäßig behalten. Der Eigentümer selbst schrieb: „Über mögliche Konsequenzen bin ich mir vollkommen im Klaren und ich trage auch die alleinige Verantwortung dafür.“

Verantwortung für was? Für die Polizei ist Facebook als Ermittlungsmöglichkeit ein zweischneidiges Schwert, sagt Markus Langenkämper, Pressesprecher der Polizeidirektion Flensburg. Den Sylter Weg hält er allerdings für „sehr problematisch“. Aus mehreren Gründen: Die Tankstelle darf zwar Bilder aus ihren Überwachungskameras herausgeben, „aber nur zur Strafverfolgung“. Der Eigentümer des Portemonnaies hätte mit den Bildern also gleich zur Polizei gehen müssen. Dass er die Fotos stattdessen auf Facebook veröffentlicht hat, sieht Langenkämper dagegen als „Form der Nötigung“ – nicht zuletzt deshalb, weil gerade nach zwei Tagen auch noch die Chance bestünde, dass der Finder plante, das Portemonnaie noch abzugeben. Sollte dieser sich an der Veröffentlichung auf Facebook stören, könnte er mit einer Unterlassungsklage einreichen.

In anderen Fällen greift die Polizei selbst zum sozialen Netzwerk, um nach Hinweisen für die Polizeiarbeit zu suchen. Im Falle des verschwundenen 17-jährigen Marco in Lübeck beispielsweise wurde nach dem Jungen auch auf Facebook gesucht. In diesem Fall hatten die Eltern ihr Einverständnis gegeben, dass das Bild ihres Sohnes dort veröffentlicht wird. Und auch dieser Tage fahndet die Grömitzer Polizei im sozialen Netzwerk nach zwei Männern, die in der Silvesternacht einen anderen brutal zusammengeschlagen haben – allerdings via Täterbeschreibung, ohne Bilder. In kürzester Zeit wurde dieser Aufruf über 1000 Mal geteilt, berichtet Langenkämper – für die Polizei ist Facebook auch eine Möglichkeit, möglichst viele Menschen schnell zu erreichen. Trotzdem: Von „Selbstjustiz“ wie im Sylter Fall rät Langenkämper ausdrücklich ab. Fahnden solle dann doch nur die Polizei.

Björn Nielsen, einer der Administratoren von Gesucht-Gefunden-Sylt verwahrt sich dagegen, dass auf seiner Seite gefahndet oder vorverurteilt wurde: „Da wurde einfach nur der Finder gesucht.“ Allerdings: Das nächste Mal werde er den Eintrag wohl schneller löschen lassen. Das Portemonnaie ist übrigens - laut Facebook - immer noch nicht wieder da. Der Eigentümer wollte sich der Sylter Rundschau gegenüber nicht äußern: Das sei ihm dann doch zu viel Öffentlichkeit.

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