Streit zwischen Kommunen und Landespolizei : Sylter Rettungskräfte im Blindflug

Sylter Einsatzkräfte sehen sich in ihrer Arbeit behindert: Rettungsassistent Oliver Roß vor der Westerländer Rettungszentrale des Deutschen Roten Kreuzes.  Foto: jesumann
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Sylter Einsatzkräfte sehen sich in ihrer Arbeit behindert: Rettungsassistent Oliver Roß vor der Westerländer Rettungszentrale des Deutschen Roten Kreuzes. Foto: jesumann

Kommunen und Landespolizei streiten über technische Ausrüstung der Leitstellen / Rettungskräfte klagen über unzureichende Information

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01. September 2012, 08:09 Uhr

Sylt | Ein Verletzter braucht dringend Hilfe, doch der Rettungswagen findet die Adresse nicht. Die Angaben aus der Leitstelle sind veraltet. Es ist ein Szenario, das an Horror grenzt - und doch kein Einzelfall in Schleswig-Holstein. Schuld ist ein Streit zwischen Kommunen und Landespolizei. Es geht darum wer die Kosten für die technische Ausrüstung der Leitstellen trägt.

"Warum kommen sie so spät?", diese Frage hören DRK-Rettungsleiter Arne Dekarz und seine 24 Kollegen aus Westerland fast täglich. Schuld an der Zeitverzögerung bei vielen ihrer Einsätze ist altes Kartenmaterial. Die Leitstelle Nord mit Sitz in Harrislee kann den Insel-Rettern keine aktuelle Wegbeschreibung bieten, da die Angaben auf den digitalen Karten oft nicht mehr den Gegebenheiten vor Ort entsprechen. "Gerade in Neubaugebieten haben wir dann echte Probleme", sagt der Sylter Rettungsassitent Oliver Roß. Besonders Hausnummern und Straßennamen bereiten den Einsatzkräften Kopfzerbrechen, da diese entweder noch gar nicht erfasst oder häufig nicht mehr mit alten Daten übereinstimmen. Das gleiche Problem plagt die Kollegen aus den Kreisen Pinneberg, Dithmarschen und Steinburg - auch hier kann die Leitstelle (West) Sanitätern, Polizisten und Feuerwehrleuten nur überholte Angaben über die Funkmelder schicken, die die Helfer zum Einsatzort lotsen sollen.

Das Problem ist technischer Natur: Obwohl das Landesvermessungsamt allen Leitstellen in Schleswig-Holstein halbjährlich aktuelles Kartenmaterial zur Verfügung stellt, fehlt es in den Leitstellen an der entsprechenden Schnittstelle, um die Daten zu aktualisieren. "Die Schnittstelle fehlt seit drei Jahren", berichtet der stellvertretende Leitstellenleiter aus Harrislee, Sacha Münster. Kurios: Beim Blick in das graphische Informationssystem (GIS) ist selbst die Harissleer Leitstelle nicht aufgeführt. Vor den Toren Flensburgs schlägt man sich seither mit Notlösungen durch: "Wir geben die Daten, die wir aus den Kommunen bekommen, händisch ins System. Doch sobald es ein Update gibt, werden diese Daten wieder gelöscht."

Bereits im Juli hatte die Landtagsabgeordnete Astrid Damerow (CDU) eine Anfrage an die Landesregierung gestellt. Damerow interessierte sich für die Fehlerquote, die durch altes Kartenmaterial verursacht wurde. Die Antwort damals: "Die Fehlerquote wird als gering bewertet." Über solche Einschätzungen schüttelt DRK-Rettungsleiter Arne Dekarz nur den Kopf: "Wir wollen hier keine Brötchen liefern, sondern Menschenleben retten." In der Notfallmedizin entschieden Minuten und Sekunden bereits über Leben und Tod - Verzögerungen könne man sich schlicht nicht leisten, gibt sich Dekarz zerknirscht.

Über den Konflikt zwischen Landespolizeiamt und Kommunen will sich von den Beteiligten derweil niemand öffentlich äußern- Innenministerium und Polizei schieben sich den schwarzen Peter gegenseitig zu und verweisen auf die Zuständigkeit des jeweils anderen.

Zumindest auf Sylt will die Kommunalpolitik diesen Zustand nun nicht länger hinnehmen. Die Bürgermeister der Insel forderten das Land in einem Schreiben gemeinsam auf, die nötigen Massenschnittstellen unverzüglich einzurichten, um Menschen nicht unnötig weiter zu gefährden. Hans-Wilhelm Hansen, Leiter des Brand- und Katastrophenschutzes auf Sylt: "Veraltete Daten zu nutzen ist in einem Zeitalter, in dem es bunte Bilder vom Mars gibt, absolut inakzeptabel."

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