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Kalender-Kunst : Sylter Maler zu Gast bei Helmut Schmidt

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Was sieht der Altkanzler, wenn er sich an dieser oder jener Stelle seines Refugiums am Brahmsee bewegt? Mit dieser Frage im Hinterkopf erkundete der Sylter Maler Lars Wiggert das private Reich Helmut Schmidts im Herzen des Landes und stellte die Antworten in einem Kalender zusammen.

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erstellt am 14.Aug.2008 | 09:00 Uhr

Sylt | Mitten im Sommer liegen sie in den einschlägigen Geschäften bereits aus: Kalender für das neue Jahr in (fast) jedem Format und für unterschiedlichste Bedürfnisse. Ob Küchenrezepte, Kunstreproduktionen oder Kenntnisse fremder Sprachen (pro Tag ein Rezept oder eine Lektion) - für vieles ist gesorgt!
"Wie ist die Zeit vertan"

Die fortlaufenden, sowohl bei Tagen als auch Monaten ansteigenden Zahlen suggerieren etwas (wie auch immer) Erreichtes und Gewonnenes. Ein Trugschluss, der nur in jungen Jahren verzeihlich ist, verleitet er doch zu vergessen, dass die Zeit wie in einem Stundenglas unbarmherzig schwindet. "Wie ist die Zeit vertan!" klagte einst der Barocklyriker Andreas Gryphius am Ende eines einzigen Tages...

Lars Wiggert, Maler und gebürtiger Sylter, der auch in Hamburg lebt, reiht sich erstmals ein in die Kalendermacher und legt gleich einen ganz besonderen Zeitmesser für das kommende Jahr vor. Natürlich gibt auch sein Werk die seit der Kalenderreform in alter Zeit feststehende Ordnung wieder, vermittelt Ausblicke auf den Wochen- und Monatsrhythmus, auf Feiertage und Feste.
Über Siegfried Lenz kam der Kontakt zu Stande

Daneben aber die Einblicke, vordergründige zunächst: Wiggert nimmt mit auf eine Exkursion an den holsteinischen Brahmsee und erlaubt (Kalender-)Blicke auf das Refugium des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt.

Über den Schriftsteller (und Schmidt-Freund) Siegfried Lenz kam der Kontakt zustande, der es Wiggert schließlich ermöglichte, das Gelände samt umliegender Moränenlandschaft an einem kalten, glasklaren Märztag 2007 in Augenschein zu nehmen.
Fotografieren war nicht erlaubt

"Während sich Schmidts Fahrer im Wachhaus aufhielt," so erzählt der Sylter, "konnte ich mich frei bewegen. Fotografieren aber war nicht erlaubt!"

An den Philosophen-Kaiser Marc Aurel, so gesteht der Künstler, musste er bei seinem einsamen Gelände-rundgang denken. Der besaß die Gabe, sich in seine Mitmenschen voll und ganz hineinzudenken, deren Empfinden zu erspüren. "Was sähe Helmut Schmidt jetzt und hier?" fragt er sich und fertigte erste Bilder, die er dem Alt-Kanzler vorlegte. Hanseatisch-knapper Kommentar: "Malen Sie weiter! Viel Erfolg!"
Die Bilder fordern den Betrachter Monat für Monat heraus

80 Blätter entstanden in der Folgezeit, ein regelrechter Brahmsee-Zyklus. Er wird im Herbst dieses Jahres durch die Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein in Kiel präsentiert. Frank Rosemanns Westerländer Eiland-Verlag gestaltete mit einer Auswahl davon einen Kalender ("Helmut Schmidt und der Brahmsee"), wobei den ausgesuchten Monatsmotiven jeweils Textstellen aus Büchern Helmut Schmidts zugeordnet sind. Sie sollen seine Verbundenheit zum Brahmsee und zur Kunst dokumentieren.

Diese malerischen Umsetzungen vorfrühlingshafter, windumtoster und noch ein wenig winterlich-dahin dämmernder holsteinischer Landschaft stellen den Betrachter Monat für Monat vor Bilder, die herausfordern, weil sie erschlossen werden wollen: meditierend, gedanklich und (besonders auch) emotional. Dann vermitteln sie Eindrücke, die das Vordergründige bald hinter sich lassen und zu sprechen beginnen: durch die Wolkenformationen, das Wasser des Sees, die Farben und vor allem durch das Licht.
Wiggerts Kalender als Tröster durch die Zeit

Es scheint, als habe Wiggert hier dem Kalender eine ihm längst entschwundene Funktion zurückgegeben, die er zu Zeiten Johann Peter Hebels mit dem "Rheinischen Hausfreund" und dessen legendären Kalendergeschichten einmal innehatte: unterhaltsamer Begleiter, helfender Ratgeber und (in gewisser Weise) Tröster des Menschen auf dem Weg durch die Zeit zu sein.

KLAUS LORKOWSKI

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