Zum Sterben aufs Festland : Sylter Hilfe für Niebüller Hospiz

Das Wilhelminen-Hospiz im Niebüller Westersteig soll erweitert werden: Hinter dem jetzigen Gebäude ist an der Marktstraße ein Neubau geplant.
Das Wilhelminen-Hospiz im Niebüller Westersteig soll erweitert werden: Hinter dem jetzigen Gebäude ist an der Marktstraße ein Neubau geplant.

Sozialausschuss unterstützt Erweiterungsbau des Hospizvereins Südtondern im ersten Schritt mit 10.000 Euro

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23. August 2017, 04:43 Uhr

Christel Tychsen musste ihre Meinung ändern. „Kein Sylter kommt zum Sterben aufs Festland“, dachte die Ladelunderin noch vor sechs Jahren, als in Niebüll das Hospiz eröffnet wurde. Doch im Angesicht des Todes änderten sich die Gedanken der Menschen. „Keiner will gerne zu uns, aber für Menschen, die keine Chance auf Genesung haben, ist es ein guter Ort.“ Im Jahr 2011 wurde das Wilhelminen-Hospiz in Niebüll durch den Hospizverein Südtondern eröffnet, das einzige stationäre Hospiz für den Kreis Nordfriesland. Es verfügt über sieben Plätze. Die Zahl der Menschen, die von Sylt bisher in die Einrichtung kamen, bezifferte die Leiterin auf 12 bis 14. „Unser Haus ist immer voll“, berichtete Christel Tychsen am Montagabend dem Sylter Sozialausschuss, „es wird wirklich gut angenommen.“ Doch der Platz reicht nun nicht mehr, es gibt eine lange Warteliste. „Es tut weh, wenn wir Menschen ablehnen müssen.“ Darum möchte der Hospizverein das Haus erweitern, mit einem Neubau zwischen Westersteig und Marktstraße. Bis zu vier weitere Plätze sind geplant, außerdem sollen der ambulante Hospizdienst, die Trauerbegleitung und die Kinder- und Jugendbegleitung hier ein neues Zuhause finden. Die Kosten bezifferte die Initiatorin auf 1,5 bis 1,8 Millionen Euro. Zu dem Zweck soll das bisherige Schulungs- und Veranstaltungshaus im Westersteig 6 verkauft werden. Der Hospizverein hatte das „Haus Underwood“ mit dem Erlös zweier Ferienwohnungen in Westerland gekauft, die Waltraud Underwood dem Hospizverein vermacht hatte. „Das war für uns ein Geschenk des Himmels.“ Nach Abzug weiterer Eigenmittel des Vereins bleibt eine Finanzierungslücke von rund 600  000 Euro. Christel Tychsen kündigte an, unter anderem die Deutsche Krebshilfe um Unterstützung zu bitten. Im Sozialausschuss stellte Gerd Nielsen für die SPD-Fraktion den Antrag, die Gemeinde Sylt möge sich mit einem Zuschuss von 10  000 Euro erkenntlich zeigen.

„Vielen, vielen Dank für die Arbeit, die sie leisten“, sagte Hicham Lemssiah (Insulaner-Fraktion) unter dem Applaus der Zuhörer. Er habe erlebt, wie eine Patientin mit einer Lebenserwartung von wenigen Tagen in das Hospiz gekommen sei und neue Lebensfreude gefunden habe. „Sie kam dorthin, um zu sterben, und starb viel später und viel friedlicher, als ich es je für möglich gehalten hätte.“ 10  000 Euro seien das Mindeste, was eine alternde Gemeinde wie Sylt für das Projekt beisteuern sollte, sagte Lemssiah. Solange es auf der Insel kein Hospiz gibt, würden viele Sylter sich in ihren letzten Tagen für den Weg nach Niebüll entscheiden.

Bürgermeister Nikolas Häckel ermutigte die Hospiz-Leiterin Christel Tychsen, auch bei den anderen Inselgemeinden Zuschüsse zu beantragen. „Ich würde mich freuen, wenn sich die Amtsgemeinden beteiligen, weil Sylter bei ihnen gut betreut sind.“ Unterstützung bekundete auch Wolfgang Jensen für die CDU-Fraktion. „Wenn die anderen Gemeinden auch etwas dazugeben, wäre es noch schöner.“ Die 10  000 Euro seien ein Anfang. „Wenn es noch Lücken in der Finanzierung gibt, können sie uns gern wieder ansprechen.“

Aber warum gibt es auf Sylt kein Hospiz? Bernd Redlin vom Sylter Hospizverein erinnerte daran, dass es bei der Gründung vor gut 20 Jahren durchaus Pläne für eine palliativmedizinische Einrichtung im Haus Bonifatius (Käpt’n-Christiansen-Str. 10) gegeben habe. Doch der Investitions- und Personalaufwand sei zu groß gewesen, das Haus wäre nicht im Krankenhausbedarfsplan aufgenommen worden. Umso mehr freute sich Redlin, dass es Christel Tychsen und ihren Mitstreitern gelungen sei, ein Hospiz auf dem flachen Land zu gründen – das sei ein Leuchtturmprojekt und in Schleswig-Holstein einzigartig. Der Sylter Hospizverein leistet ambulanten Hospizdienst und begleitet Sterbende und ihre Angehörigen zuhause, in Alten- und Pflegeheimen und in der Klinik. Darüberhinaus übernimmt der Sylter Hospizverein die Ausbildung von Hospizhelfern. Ein neuer Kursus mit 70 Teilnehmern geht im November zuende.

Für die Unterstützung der Hospizarbeit bedankte sich auch Ulrike Körbs, die Koordinatorin des Sylter Hospizvereins. Auf Sylt sei es leider so, dass Menschen, die eigentlich Anspruch auf einen Hospizplatz hätten, im Hospiz auf der Warteliste stehen und dann meistens in ein Pflegeheim kommen. „Dort ist die palliative Versorgung kaum gewährleistet, auch aufgrund des fehlenden Pflegepersonals.“ Die Palliativmedizin in der Nordseeklinik sei auf dem Rückzug. „Es ist schwer, einen Sterbenden auf Sylt palliativ zu versorgen und ihn so schmerzfrei wie möglich zu halten.“

„Wir können dankbar sein, dass wir so eine segensreiche Einrichtung im Kreis Nordfriesland haben“, sagte der Sozialausschuss-Vorsitzende Eberhard Eberle. „Ich kann nur den Hut ziehen vor ihrer Arbeit.“ Der Sozialausschuss stimmte einhellig für den SPD-Antrag und stellte den Zuschuss von 10  000 Euro für den Erweiterungsbau im Haushalt bereit.

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