Begräbniskultur : Sylter Gräber erzählen Geschichte

Merret Lassen
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Merret Lassen

Ob Luftfahrtpionier Wolfgang von Gronau oder Verleger Peter Suhrkamp – viele bekannte Menschen haben ihre letzte Ruhestätte auf Sylt gefunden

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19. November 2013, 06:00 Uhr

Ein paar Handbreit unter der Erde ruht ein Stück Sylter Geschichte. In Westerland ebenso wie in Keitum oder List. Hier wurden Frauen und Männer beerdigt, die auf ganz unterschiedliche Weise Historie geschrieben haben.

Auf Deutschlands nördlichstem Friedhof etwa tut die Inschrift eines Grabsteins von einem „Pionier der Weltluftfahrt“ kund. Es handelt sich um Wolfgang von Gronau (1893-1977), der im Jahre 1930 mit einem „Dornier“-Flugboot von List abhob und nach 44 Stunden und 6785 Flugkilometern im Hafen von New York landete. Eine Sensation. Wolfgang von Gronau und seine Crew werden von einem Empfang zum nächsten gereicht, unter anderem zu einem Dinner in Anwesenheit von Charles Lindbergh, „was einen besonderen Reiz besaß“. Doch der gesellschaftliche Höhepunkt stand noch bevor. Wolfgang von Gronau notierte: „Abends Bahnfahrt nach Washington. Wir sind beim Präsidenten angemeldet als Krönung unseres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten.“ Einen Tag später schrieb von Gronau: „Präsident Hoover ist äußerst liebenswürdig und gesprächig. Wir werden gemeinsam gefilmt und fotografiert. Dann ist der denkwürdige Augenblick vorbei.“

Die Gemeinde List verleiht Wolfgang von Gronau 1932 die Ehrenbürgerschaft, was die Kommune nicht nur zur Verleihung einer Urkunde und der Zahlung von 50 Reichsmark verpflichtet, sondern auch zu einem unentgeltlichen Begräbnis. Seit 1977 ruht der Lister Flugpionier auf dem kleinen Friedhof inmitten der Lister Dünen. Doch im legendären „Guinness-Buch der Rekorde“ lebt seine kühne Tat weiter, hat er doch das ewige Superlativ „Die erste Ost-West-Atlantiküberquerung mit einem Flugboot“ errungen.

Auf dem Alten Westerländer Friedhof lehnen an der Mauer der Dorfkirche die Grabsteine Von Merret Lassen (1789-1869) und Peter Nicolai Lassen (1783-1848). Durch einen außergewöhnlich reichen Kindersegen begründete das Ehepaar eine der bekanntesten Sylter Familien: Merret schenkt 14 Söhnen und sieben Töchtern das Leben. Acht Söhne werden Kapitäne, zwei kommen in Hamburg als Schiffseigner zu Reichtum und werden dort nur „Gold-Lassen“ und „Silber-Lassen“ genannt. Der Kindersegen der Familie Lassen setzt sich auch in der nächsten Generation fort: 90 Enkel werden geboren.

Von Merret Lassen handelt auch eine der schönsten Sylter Anekdoten: Im Sommer 1825 besuchte der dänische König Frederik VI. die Insel Sylt. Während seines zweitägigen Aufenthalts erzählte man ihm von einer besonders kinderreichen Sylter Familie namens Lassen. Die Mutter, so erfuhr der hohe Gast, sei eine ebenso tüchtige wie ansehnliche Frau. „Eine richtige Friesin also. Die möchte ich zu Gesicht bekommen“, sagte der König. Sofort wurde ein Bote nach Rantum entsandt, wo die Familie Lassen lebte.

Der Kurier kehrte jedoch unverrichteter Dinge zurück: Merret Lassen lasse sich entschuldigen, weil sie die Kinder beaufsichtigen müsse. Er solle ausrichten: „Wenn der König mich sehen will, so mag er nach Rantum kommen.“ So geschah es. König Frederik ließ sich nach Rantum kutschieren, trat in die Stube der Lassens ein und nahm Platz. Nach geraumer Zeit erschien Merret im Türrahmen, machte einen Knicks und sagte: „Majestät wollten mich sehen. So sehe ich von vorne aus“ – sie drehte sich um – „und so von hinten.“ Mit diesen Worten stolzierte sie wieder zur Tür hinaus. Zunächst waren alle sprachlos, ehe der König in schallendes Gelächter ausbrach.

Ein anderer alter Grabstein, der an der Kirchenmauer ruht, kündet von dem Sylter Kapitän Dirk Meinert Hahn (1804-1860). Nach ihm wurde die australische Gemeinde Hahndorf benannt, weil er Anno 1838 an die 200 deutschen Auswanderer, die vornehmlich aus einem Dorf in Brandenburg stammten, nebst reichlich Proviant und 50 000 Backsteinen an Bord seines Schiffes „Zebra“ in die neue Heimat brachte. Vier Monate währte die Schiffsreise. Während die Auswanderer in der Ferne ihr Glück fanden, nahm es mit Dirk Meinert Hahn selbst kein gutes Ende: Er starb „im Alter von 56 Jahren, 6 Monaten und 6 Tagen an Säuferwahnsinn“.

Auf dem nahe gelegenen Neuen Westerländer Friedhof fällt eine Grabstätte ins Auge, in der zwar kein bekannter Sylter ruht, die aber auf der ganze Insel einzigartig ist: Es ist ein aus Findlingen aufwändig gestaltetes Mausoleum, das in der Breite fast fünf Meter und in der Höhe sechs Meter misst. In dem 1919 erbauten monumentalen Grabmal ruhen der 1961 verstorbene Gutsbesitzer Hans Martensen Hansen, seine Schwester und seine Mutter. Hansen gehörte unter anderem das Grundstück, auf dem heute das Hotel Stadt Hamburg steht. Er tauschte seiner Zeit mit der Gemeinde ein Grundstück gegen das Mausoleum. Durch ein Loch in der Türscheibe fällt der Blick in die Tiefe auf die drei Särge, über denen zahlreiche Schleifenbänder hängen – die Jahrzehnte haben sie erstaunlich gut überstanden, so dass sogar die Inschriften gut lesbar sind.


Im Schatten von Sylts ältester Kirche fand der bedeutendste Chronist der Insel seine letzte Ruhestätte. Christian Peter Hansen (1803-1879) wirkte in Keitum und wurde hier auch beerdigt. Ohne ihn wäre ein guter Teil der Sylter Vergangenheit wohl für immer im Verborgenen geblieben: Der Lehrer trug in seiner Freizeit umfassendes Material zur Geschichte, Kultur und Volkskunde der Insel Sylt zusammen.

Christian Peter Hansen war es auch, der die Insel in einem Buch erstmals anschaulich für Fremde beschrieb. Ihnen versprach er: „Alle fremden Reisenden, welche das Sylter Bad im freien Meere mit dessen gewaltigem Wellenschlage geprüft haben, rühmen dasselbe als ein vorzüglich erfrischendes und stärkendes. Wir Insulaner bieten den Fremden ein offenes, ehrliches Antlitz, eine treue Hand, einen gastlichen Tisch und reinliche Wohnungen.“

Sie war die erste Prominentenwirtin der Insel Sylt. Künstler, Adlige, Politiker logierten in ihrem Gästehaus am Kampener Kliff. So empfing Clara Tiedemann (1891-1979) im Haus „Kliffende“ unter anderem den Schriftsteller Thomas Mann, der ins Gästebuch schrieb: „An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt. Schon aus Dankbarkeit will ich wiederkehren: Dem dauerhaften Gefühl des Dankes, den ich hiermit den Wirten dieses guten Hauses von Herzen abstatte.“

Auch der bekannte Maler Emil Nolde wohnte bei Clara Tiedemann. „Wie ein Trunkener lief ich stundenlang den Strand entlang. Es war, als ob die freie Luft, der salzige Geschmack, die tosenden Wogen mich spornten und beglückten“, erinnerte er sich später.

Auf die Auswahl ihrer Gäste legte Clara Tiedemann allergrößten Wert – die meisten kamen daher auf Empfehlung. Die Wirtin selbst gesellte sich jeden Abend an einen anderen Tisch. Dabei konnte sie ebenso reizend wie resolut sein. Wenn ihr jemand nicht passte, machte sie ihm das unmissverständlich klar: Sie schickte ihm kurzerhand die Serviererin mit dem Kursbuch der Bahn an den Tisch.

Unweit von Clara Tiedemann ruht auf dem Keitumer Friedhof auch der Verleger Peter Suhrkamp (1891-1959). „Alle Sinne sind im Augenblick des Betretens der Insel von dieser vollauf in Anspruch genommen. Sie ist nie die selbe und doch stets unverkennbar“, rühmte er dereinst Sylt. Sein Ferienhaus in Kampen diente häufig als Mußestätte für Schriftsteller wie Max Frisch, Ernst Penzoldt und Carl Zuckmayer und Alfred Andersch. In Zeiten des Kriegsmangels schickte Suhrkamp ihnen regelmäßig Bücher – doch die sind ausgehöhlt und enthalten statt geistreichen Abhandlungen geistige Getränke und Tabak.

Als Peter Suhrkamp im Alter von 68 Jahren verstirbt, öffnet man sein Testament. Er wünscht eine Feuerbestattung, danach soll seine Asche vor Sylt in die Nordsee gestreut werden. Doch diese Art der Bestattung ist seinerzeit noch rechtlich unzulässig. So fand er auf dem Friedhof von Keitum seine letzte Ruhe – wie viele Jahre später ein populärer Kollege: An einem grauen Novembertag des Jahres 2002 nehmen Angehörige, Freunde und Weggefährten Abschied von „Spiegel“-Verleger Rudolf Augstein. Im benachbarten Archsum nannte er seit mehr als drei Jahrzehnten ein Ferienhaus sein eigen. Und wenn ihn daheim in Hamburg die Sehnsucht nach der Insel übermannte, rief er seinen Hausmeister in Archsum an: Er möge ihm doch bitte ein Paket mit frischen Eier und hausgemachter Sylter Marmelade schicken.




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