Regionalsprachen in SH : Sylter Friesisch: Ist das Sölring noch zu retten?

Inselchronist C.P. Hansen sprach mit seiner zweiten Frau Erckel täglich Sölring, seine Bücher verfasste er jedoch in deutscher Sprache. Sein Vater Jap Peter Hansen war der erste, der überhaupt eine friesische Literatur schaffte, indem er eine autodidaktische Orthografie entwarf. (Szene aus „Living History“ mit Gesa Michaelsen und Hans Freese).
Inselchronist C.P. Hansen sprach mit seiner zweiten Frau Erckel täglich Sölring, seine Bücher verfasste er jedoch in deutscher Sprache. Sein Vater Jap Peter Hansen war der erste, der überhaupt eine friesische Literatur schaffte, indem er eine autodidaktische Orthografie entwarf. (Szene aus „Living History“ mit Gesa Michaelsen und Hans Freese).

Hak es ek sa klaar om Klumper, wan em niin Meel heer: Die Autorin Silke von Bremen erklärt, warum die traditionelle Sprache der Sylter im Alltag kaum noch eine Rolle spielt.

shz.de von
18. Januar 2015, 09:50 Uhr

Sylt | Seit die Menschen den Erdball bevölkern, sind Tausende von Sprachen entstanden und wieder verschwunden. Man geht heute von rund 6000 existierenden Sprachen aus, und manch ein Sprachwissenschaftler hält eine 50 prozentige Sprach-Sterbeziffer im 21. Jahrhundert für wahrscheinlich.

Das ist fraglos ein enormer Verlust, und zeigt zugleich, wie hochflexibel Sprache reagiert. Die Fähigkeit der Menschen miteinander zu kommunizieren,  ist im Laufe der Jahrtausende immer mehr perfektioniert worden. Dabei setzte sich jene Sprache durch, in der man sich am besten verständigen konnte, aber nur, wenn sie sich anpasste und neue Worte und Redewendungen anderer Sprachen übernahm. Auch die deutsche Sprache ist voll von „fremden“ Wörtern wie Pullover, Drogerie, Tribüne oder Hobby. Außerdem ist eine Sprache weniger gefährdet, wenn möglichst viele Menschen Sie als ihre Muttersprache nutzen.

Das Sprachensterben hat viele Gründe

Für das Sterben von Sprachen gibt es viele Gründe. Die heutige Situation ist allerdings beispiellos, denn die Globalisierungsprozesse waren noch nie so ausgeprägt. Kommunikations- und Verkehrstechnologien waren noch nie so weit entwickelt und so allgegenwärtig. Und niemals gab es so viele geschäftliche und private Berührungspunkte, die eine Sprache verlangt, die Kommunikation befördert. Wenn eine Sprache nur noch Teilfunktionen erfüllt und nicht mehr in allen Lebensbereichen genutzt werden kann, hat sie, das zeigt die Geschichte, bedauerlicherweise kaum eine Überlebenschance. Diese Entwicklung ist beispielhaft am Sylter Friesisch, dem Sölring, zu beobachten.

Über Jahrhunderte war es die gesprochene  Sprache auf Sylt, sie passte sich an und entwickelte sich weiter. Wenn jemand auf die Insel zog, musste er sich sprachlich integrieren, um auf Sylt zu überleben. Das ging über Jahrhunderte gut, noch Ende des 19. Jahrhunderts sprachen in fast allen Inselorten über 80 Prozent der Bevölkerung Sölring, nur Westerland, bereits vom Fremdenverkehr geprägt, wies 1889 „nur“ noch 50 Prozent friesisch sprechende Haushalte auf.

Nimmt man die Statistiken der Sylter Bevölkerungszahlen zur Hand und vergleicht sie mit den Zahlen der noch friesisch sprechenden Insulaner, dann wird die Wechselbeziehung deutlich. Der erste große Bevölkerungsanstieg auf der Insel hängt mit den neuen politischen Verhältnissen im 19. Jahrhundert zusammen und dem Beginn des Fremdenverkehrs.

1875 zählt man auf Sylt 2955 Einwohner, 1925 sind es bereits 6799, ein Anstieg von 230 Prozent. Im selben Maße schwindet das Friesische in den Orten, die mit dem Fremdenverkehr in Berührung kommen und von ihm leben, in Westerland sprechen 1928 nur noch 12 Prozent der Haushalte Sölring, in Keitum nur noch 50 Prozent. Viel dramatischer ist allerdings die Auswirkung des Bevölkerungsanstiegs, der dem verlorenen zweiten Weltkrieg und den Flüchtlingsströmen geschuldet ist. 1946 leben auf Sylt rund 25500 Menschen, das ist innerhalb von 20 Jahren ein Anstieg von 375 Prozent an Bewohnern.

Friesisch war im Alltag wichtig

In dieser Zeit nach dem zweiten Weltkrieg kommt dem Sölring oft eine besondere Rolle zu. Die Sprache der Insulaner wird von vielen Einheimischen gerne genutzt, um sich abzugrenzen und andere auszugrenzen. Eine Erfahrung, die viele Heimatvertriebene machen durften.

Aber nichts desto trotz konnte das Sölring der sprachlichen Verdrängung nichts entgegensetzen und es bildeten sich kleine „Sprachinseln“, in denen die einstige Muttersprache der Sylter bis heute überleben konnte. In größeren geschlossenen Sylter Familienverbänden und in den Ortschaften im Osten wie Archsum und Morsum  kann man noch bis in die 60er Jahre beobachten, dass, wenn jemand von außen in diese „Sprachinseln“ zog, er das Sölring lernte. Denn hier war Friesisch wichtig, um im Alltag zurechtzukommen.

Die Theorie, das Sölring gehe an der Höflichkeit der Friesen zugrunde, ist ein nachvollziehbarer Wunschgedanke, den man so aber sicher nicht bestätigen kann.  Eigentlich ist es ein wahres Wunder, dass auf einer so stark überfremdeten Insel wie Sylt noch immer Sölring gesprochen wird. Denn nicht nur der Zuzug der Deutschsprechenden hat der Sprache den Garaus gemacht, sondern auch die Tatsache, dass die Jahrgänge der Muttersprachler ab den 30-er Jahren das Sölring nur noch eingeschränkt an ihre Kinder weitergaben. Das war im Übrigen auch der Politik im Dritten Reich geschuldet, die einer Sprache, die sie nicht kontrollieren konnte, skeptisch gegenüberstand. 

Aber das Sölring war eben auch „uncool“. Wuchs man mit Friesisch auf und wurde als Kind zum Einkaufen geschickt, konnte es passieren, dass einem im Laden nicht das passende Wort in Deutsch einfiel. Wie peinlich war das denn!  Fuhr man in den eleganten Badeort Westerland, war man ohne Deutschkenntnis automatisch ausgegrenzt. Und die guten Jobs verlangten gutes Deutsch.

Gute Jobs verlangten  gutes Deutsch

Als Ende der 60-er und 70-er Jahre die ersten Wörter- und Lehrbücher für das Sylter-Friesische gedruckt werden, zeigt dies deutlich, dass der Verlust der Sprache in den neuen Boomzeiten mit ihrer  ausufernden Bebauung vermutlich als Synonym für den Verlust der Heimat verstanden wurde.

Sylter Friesisch: Hier kann man es lernen

Der  Söl’ring Foriining setzt sich seit vielen Jahren  für den Erhalt des Sylter Friesisch ein.„Wir möchten die Menschen, die hier auf der Insel leben, für die Sprache begeistern“, sagt Geschäftsführer Sven Lappoehn, „und wir versuchen, sie auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen“. 

So arbeitet der Verein unter anderem mit verschiedenen Radiostationen, wie dem NDR, dem Friisk-Funk auf Föhr und dem Syltfunk zusammen. Auf Sylt wird wöchentlich zum Friesischkurs geladen. Der Einstieg zu den Treffen, die im Winter jeden Donnerstag um 19 Uhr stattfinden, ist  jederzeit möglich. Neu  sind zwei Wochenendkurse am 6. und 7.  sowie am 13. und 14. Februar.

Drei- bis viermal jährlich findet das Treffen „Wat snak üp söl’ring“ statt: Bei Kaffee und Kuchen wird nachmittags Sylterfriesisch geschnackt. Das Treffen ist offen für alle und findet abwechselnd in den unterschiedlichen Inselorten statt.

Der Stammtisch für jedermann „Söl’ring Staal“ hat bisher viermal in unterschiedlichen Orten auf der Insel stattgefunden. Hier sollen abends Muttersprachler und neue Sprecher zusammengeführt werden. Das nächste Treffen  findet am kommenden Freitag, 23. Januar, um 19 Uhr in der Alten Schule in Archsum statt. Wer Sölring sprechen oder auch nur mal hören möchte, ist hierzu herzlich eingeladen.

Auch bei den Kindern soll das Interesse an der Sprache früh geweckt werden: Die Söl’ring Foriining unterstützt die Arbeit in den Kindergärten Hörnum, Braderup und List. Im Kindergarten Keitum trägt der Sylter Traditionsverein die Anteilsfinanzierung einer Stelle, damit dort den ganzen Tag über Sölring gsprochen wird. In der Grundschule gibt es zwei Friesischlehrerinnen. Außerdem gibt die Söl’ring Foriining friesische Literatur, zweisprachige Literatur und Lernmaterial mit oder ohne CDs heraus.

Wer sich der Sprache musikalisch nähern möchte, kann sich die neue CD „Biiki van Söl“ kaufen, die die Söl’ring Foriinig zusammen mit der Gemeinde Sylt gestern vorgestellt hat. Zu hören sind Lieder, Tänze und ein Gedicht zu Biikebrennen und Petritag, fast komplett zweisprachig. jun

 

Es entstehen wieder friesische Theaterstücke, erstmals wird von Ehrenamtlichen Sölring-Unterricht abends in den Räumen der Keitumer Kurverwaltung angeboten, es erscheinen übersetzte Kinderbücher in Sölring und man setzt sich erfolgreich für Friesischunterricht in den Sylter Schulen und Kindergärten ein. Und in diesem Zusammenhang sind die Anstrengungen und das Engagement der Söl’ring Foriining für den Erhalt des Sylter Friesisch nicht hoch genug einzuschätzen. Aber die Rettung der Sprache war nie in Sicht.

Obwohl interessanterweise einer der bedeutendsten Dichter der Nordfriesischen Sprache, Jens Emil Mungard (1885-1940), dessen Lyrik das Sölring in seiner ganzen wunderbaren Schönheit zeigt, von Sylt stammt. Diese Werke wurden auf Sylt praktisch ignoriert und nicht dazu genutzt, das Sölring zu bewerben.

Neue Wege müssen beschritten werden

Ob das Sölring zu retten ist, vermag wohl keiner zu sagen. Aber dass neue Wege beschritten werden müssen, liegt auf der Hand. Denn wenn es Maike Ossenbrüggen in jahrelangem Einsatz nicht gelang, diese Sprache mit Ihrer Empathie, Ihrem Charme und mit ihrem Selbstverständnis aus dem Tal herauszuführen, dann muss einem das zu denken geben. Die Veranstaltung „Wat snak üp sölring“ ist zweifellos ein wichtiger Beitrag zur Sprachpflege, aber Sprachrettung wird hier nicht stattfinden können. Und ob die Idee, einer Muttersprachlerin den C.P. Hansen Preis zu verleihen der notwendige Befreiungsschlag für das Sölring ist, darf bezweifelt werden. Ein besseres Signal wäre sicher gewesen, jemandem den Preis zu verleihen, der sich die Sprache angeeignet hat und sie sogar weiterträgt.

Wen möchte man denn überhaupt ansprechen und überzeugen, dass es sich lohnt, dieses herbe Friesisch zu lernen, um sich anschließend mit einer Handvoll Menschen zu unterhalten, die auch Deutsch können? Was müsste passieren, damit das Sprechen dieser Sprache als attraktiv empfunden wird?

Gelebte Tradition: Der  Söl’ring Foriining setzt sich dafür ein,  Traditionen zu bewahren. Dazu gehören  der Erhalt des Sölring, aber auch die Wiederbelebung der Sylter Tracht.
Foto: Archiv Sylter Geschichten
Gelebte Tradition: Der Söl’ring Foriining setzt sich dafür ein, Traditionen zu bewahren. Dazu gehören der Erhalt des Sölring, aber auch die Wiederbelebung der Sylter Tracht.

Vermutlich hat der äthiopische Flüchtling Yared Dibaba mit seinen Auftritten im NDR mehr für den Erhalt der plattdeutschen Sprache getan als Karl-Heinz Groth mit seinen fabelhaften plattdeutschen Geschichten. Wir haben auf Sylt knapp 90 Asylbewerber und zahlreiche Migranten. Auf diese Menschen zuzugehen, würde bedeuten, an alte Sylter Wurzeln anzuknüpfen. Die Sylter Seefahrer waren  früher überall auf der Welt Wirtschaftsflüchtlinge und Migranten. Und es wäre ein lohnenswertes Begrüßungssignal.

Und sich mit einer neuen Sprache zu beschäftigen, das muss Freude machen. Die Hirnforschung der letzten Jahre hat den tiefen und grundlegenden Zusammenhang zwischen dem Lernen von Musik und Sprache bestätigt. Es wäre überlegenswert, neue Unterrichtsformen zu entwickeln oder auch mit der Henner-Krogh-Stiftung eine Art „joint venture“ ins Leben zu rufen.

Und willige Sölring-Schüler könnten auch beflügelt werden, wenn Sylter Muttersprachler sie ermutigen. Viel zu oft erlebe ich, dass man sich über diejenigen amüsiert, die sich dem Wagnis aussetzen, diese Sprache in den Mund zu nehmen.

Denn wie sagt schon ein altes Sylter Friesisches Sprichwort?  Hak es ek sa klaar om Klumper, wan em niin Meel heer (es ist nicht so einfach zu Klößen zu kommen, wenn man kein Mehl hat.)

Silke von Bremen, Gästeführerin und Autorin („Gebrauchsanweisung für Sylt“), hat diesen Text als Gastautorin für unsere Zeitung geschrieben.


Aktuelle Nachrichten kostenlos direkt aufs Handy Der neue WhatsApp-Newsletter von shz.de. Einfach „Start" an +4915774791148 senden. Die Nummer muss im Handy als Kontakt abgespeichert sein.
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen