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Verbrechen des „Henkers von Warschau“ : Sylter Bürgermeisterin Reiber bittet um Vergebung

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Petra Reiber, die Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, hat am Dienstag bei einer Gedenkfeier für die zivilen Opfer des Warschauer Aufstands um Vergebung für deutsche Verbrechen gebeten.

Sylt | 70 Jahre sind seit dem Warschauer Aufstand vergangen, rund 50 Jahre, seitdem sich der ehemalige SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth auf öffentlichen Druck aus der schleswig-holsteinischen Politik zurück gezogen hat. Ein halbes Jahrhundert, in dem Reinefarth auf Sylt kein Thema sein sollte. Jahrzehnte, in denen nicht darüber gesprochen wurde, dass der ehemalige Westerländer Bürgermeister und Landtagsabgeordnete während des zweiten Weltkriegs in Warschau dafür gesorgt hatte, dass zehntausende Zivilisten brutal getötet wurden.

Mit ihrer Reise nach Warschau wollte eine Delegation aus Westerland das Sylter Schweigen beenden: „Es ist beschämend, dass dieser Mann ein Amtsvorgänger von mir ist“, sagte Petra Reiber vor dem polnischen Fernsehen und entschuldigte sich im Namen der Sylter und der Deutschen an einer Warschauer Gedenkstätte für die Opfer des Aufstandes dafür, dass jemand wie Reinefarth im Nachkriegsdeutschland solch eine Karriere machen konnte: „Wir können das begangene Unrecht an der polnischen Bevölkerung nicht wieder gut machen. Wir können aber die Schuld unserer Vorfahren bekennen und um Vergebung bitten.“ Für diese Sätze applaudierten mehrere hundert Menschen - viele von ihnen waren selbst am Warschauer Aufstand beteiligt - der Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt.

Heinz Reinefarth gilt in Polen als der „Henker von Warschau“. Er hatte im August 1944 Truppen kommandiert, die während des Warschauer Aufstandes Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Allein im Warschauer Stadtteil Wola wurden mehr als 50.000 Menschen getötet. Insgesamt kamen während des Aufstand rund 200.000 Menschen ums Leben, rund 90 Prozent von ihnen waren Zivilisten.

Reinefarth machte nach dem Krieg politische Karriere in der Bundesrepublik. Er war von 1951 an Bürgermeister von Westerland auf Sylt und später Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. Ermittlungen gegen ihn wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen wurden in den 60er Jahren aus Mangel an Beweisen eingestellt. Auf Sylt wurde Reinefarths Vergangenheit bis vor wenigen Monaten kaum thematisiert. Eine öffentliche Aufarbeitung startete erst, als polnische Bürger anlässlich des diesjährigen 70. Jahrestages des Warschauer Aufstandes anmahnten, dass sich Sylt mit der Vergangenheit ihres Bürgermeisters auseinander setzen sollte. Vergangene Woche enthüllten Sylter Politiker eine Mahnplakette am Westerländer Rathaus, mit der auf Reinefarths Taten aufmerksam gemacht werden sollte. Die Reise der Delegation nach Polen sollte ein weiterer Schritt dazu sein, diesen Teil der Inselgeschichte aufzuarbeiten.

Insgesamt war der Besuch in der polnischen Hauptstadt für beide Seiten sehr emotional. Petra Reiber, Bürgervorsteher Peter Schnittardt und Pastorin Anja Lochner trafen in Warschau auf Menschen, für die das Westerländer Anerkennen der Schuld Reinefarths von großer politischer und emotionaler Bedeutung war. Das zeigten auch die zahlreichen Kamerateams, die die Delegation durch Warschau begleitete. Katarzyna Kowalska, Moderatorin bei einem öffentlich-rechtlichen polnischen Sender, versuchte das mediale Interesse an den Syltern zu erklären: Die Tatsache, dass Reinefarth, der beim Warschauer Aufstand maßgeblich dafür verantwortlich war, dass Männer, Frauen und Kinder in Massenerschießungen getötet wurden, nach dem Krieg in Deutschland solch eine politische Karriere machen konnte, sei für Polen schwer erträglich: „Wir wissen, dass er schuldig war. Aber mit den Deutschen gab es darüber bisher kaum Gespräche.“ Dass Reinefarths Schuld nun von Petra Reiber, einer politischen Nachfolgerin des Bürgermeisters, öffentlich bekannt wurde, sei für sie wichtiger Punkt für die deutsch-polnischen Beziehungen: „Ich glaube nicht, dass das ein Deutscher in Polen jemals so offen gesagt hat.“

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erstellt am 06.Aug.2014 | 09:36 Uhr

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