zur Navigation springen

EU-Austritt Grossbritannien : „Sylter Briten“ und der Brexit

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Großbritannien verlässt die Europäische Union. Was sagen dazu Sylter, die die britischen Inseln gut kennen? Die Sylter Rundschau hat nachgefragt.

„Ich habe es befürchtet, auch damit gerechnet. Aber jetzt – wo der Brexit Realität ist – bin ich einfach nur traurig“, sagt Leslie Petersen. „Doch das ist nichts im Vergleich zu meiner Familie in Wales. Wir haben gleich heute morgen telefoniert: Meine Schwester und mein Bruder sind richtig sauer, regelrecht entsetzt über das Ergebnis. Sei froh, dass Du nicht hier bist, sagten sie. Es ist alles so schrecklich.“

Welche Folgen der EU-Austritt von Großbritannien für sie persönlich haben könnte, vermag die Keitumerin derzeit nicht zu beurteilen. Allerdings habe sie nach der Meldung der Ergebnisse zu ihrem Enkel Jimmy gesagt: „Tja, Oma wird wohl nicht mehr lange bei Dir bleiben können. Aber das war natürlich nur ein Scherz.“ Besonders enttäuscht ist die seit 1972 auf Sylt lebende Waliserin darüber, dass gesagt würde, vor allem die Wähler über 50 hätten Schuld am Austritt: „Das stimmt so gar nicht. Wir hatten immer ein Gefühl der Gemeinsamkeit. Weder nur Großbritannien oder nur Deutschland – wir waren alle EU.“ Dass Wales oder auch Schottland einzeln weiter in der Europäischen Union bleiben könnten, hält Leslie Petersen für schwierig bis unmöglich: „Das wird nicht durchkommen.“

Ein anderes Ergebnis, ein Ja zum Verbleib Großbritanniens in der EU gewünscht hätte sich auch John Tasker. Seit dem frühen Freitagmorgen sitzt der 73-jährige Rentner in seiner Wenningstedter Wohnung am Laptop, verfolgt gespannt die sich stündlich überschlagenden Meldungen bei der BBC. „Ich war total überrascht, hätte das so nicht erwartet“, sagt er. „Wir werden sehen, wo das noch hinführt. Ich hoffe, es wird nicht zu schlimm.“ Tasker kam als Maurer nach Deutschland, weil es in seiner Heimat zu wenig Arbeit gab. Seit 1978 lebt er auf Sylt, ist mit einer Insulanerin verheiratet. Wie Leslie Petersen besitzt der geborene Londoner allerdings nur die britische Staatsbürgerschaft – beide haben jedoch seit langem eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Ob die nach dem Brexit allerdings noch gilt? Tasker ist verunsichert, hat sich bereits vor dem Referendum erkundigt, wie es mit einem deutschen Pass laufen könnte.

Der Brite Andrew Jefferey dagegen ist hin und her gerissen: „Ich kann das mit dem Brexit schon verstehen – fifty fifty zumindest.“ Zu viele Entscheidungen würden in Brüssel getroffen, das sei nicht vorteilhaft für Großbritannien. Negative Folgen für seine Heimat befürchtet der 52-jährige Golfcourse-Manager – der 2003 nach Sylt kam, um den Marine Golfclub neu zu gestalten– allerdings kaum: „Ich bin fest der Meinung, dass Großbritannien gut auf eigenen Füßen stehen kann. Wir waren immer ein starkes unabhängiges Land und brauchten nie Hilfe von anderen. Auch in Zukunft wird Großbritannien sich durchboxen – da bin ich völlig sicher.“

Dramatischer beurteilt Elisabeth Westmore die Folgen des Brexit: „Ich beobachte mit großer Sorge, was hier vor sich geht.“ Die gebürtige Sylterin lebt seit 2003 auf der Isle of Wight im Ärmelkanal. Dort hätten 62 Prozent der Wähler für den EU-Austritt Großbritanniens gestimmt: „Offensichtlich hat die massive Propaganda bestimmte Schichten angesprochen, die sich einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte wünschen.“ Vor allem beunruhigt Elisabeth Westmore die Ausländerfeindlichkeit: „Bürger aus östlichen EU-Staaten machen hier die Arbeiten, für die sich die Briten zu schade sind – und gerade die werden dann schlecht behandelt.“

Große Ängste davor, dass der erfolgreiche Brexit rechtsextremistische Positionen – nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa – verstärken wird, äußert auch Anna Raspé. Die Lehrerin am Schulzentrum Sylt hat im Profilkurs Geschichte intensiv das Für und Wider sowie alle möglichen Konsequenzen des EU-Austritts behandelt. „Alle Schüler wussten um seine historische Bedeutung und waren eindeutig dagegen.“ Nationalistische Tendenzen wie jetzt beim Referendum seien ihnen als geborenen Europäern völlig fremd.

Unmittelbar Auswirkungen des Brexit auf den Sylter Tourismus sieht Moritz Luft nicht: „Die Anzahl der Gäste aus Großbritannien ist überschaubar. 2015 waren es zirka 500. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Urlauber beträgt gerade mal 0,06 Prozent“, sagt der Chef von Sylt Marketing. Sorgen bereiten ihm jedoch die wirtschaftlichen Folgen des Ausstiegs: „Ein schwaches Pfund und einbrechende Börsenkurse beeinflussen negativ die Kaufkraft und die Konsumfreudigkeit der Europäer überhaupt. Das ist nie gut, auch nicht für unsere Insel.“

zur Startseite

von
erstellt am 25.Jun.2016 | 05:48 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen