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Tourismusstrategie : Sylt will raus aus dem „Glückswachstumsgebiet“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Auf Sylt ist man sich sicher: Die Insel passt weder zur Tourismus-Agentur SH noch zum Nordsee-Tourismus-Service.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2015 | 05:43 Uhr

Es ist das pure Glück, hier zu leben. Und wer hier nicht leben kann, der sollte hier wenigsten Urlaub machen, um ein bisschen von diesem Glück zu spüren. Denn Schleswig-Holstein ist „Glückswachstumsgebiet“. Diese wunderbare Wortschöpfung hat die Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein (TASH) ersonnen. Gedruckt auf einem rosafarbenen Button schmückt er die Werbekampagne der Tash. Doch in diesem Glückswachstumsgebiet fühlt sich Sylt zunehmend immer weniger beheimatet beziehungsweise wahrgenommen.

Denn sowohl die Marketingstrategien der Tash wie auch die Strukturen der touristischen Organisationen, in denen die einzelnen Regionen sich aufgrund der Empfehlung des Landes zu organisieren haben, passen für die Vertreter des Inseltourismus nicht zu Sylt, weil sie die Interessen der Insel weder wahrnehmen noch fördern, ja, sie sogar behindern. Eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist darum, dass Sylt seine Gesellschaftsanteile beim Nordsee-Tourismus-Service (NTS) zum Ende dieses Jahres kündigt.

Die NTS soll als Dachmarke seiner Mitglieder (die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen sowie einige ihrer Gemeinden und deren touristischen Betriebe) für ihre bestehenden touristischen Angebote und Werte werben und sie vermarkten. „Doch Sylt ist eine eigene sehr starke Marke, die unter dem Dach der NTS eher verschwindet und dadurch nicht wahrgenommen wird“, kritisiert Moritz Luft als Geschäftsführer der Sylt Marketing GmbH (SMG). Als Beispiel dafür führt Luft unter anderem den Internetauftritt des NTS an, der unter www.nordseetourismus.de zwar sehr modern wirkt, aber Sylt als eine Destination unter vielen an und in der Nordsee präsentiert. „Das wird dem Stellenwert der Insel in keiner Weise gerecht“, beklagt der Tourismusexperte.
Mit den rund 110000 Euro, die Sylt jährlich an die NTS als Gesellschafterbeitrag überweist, könnte die SMG eher eigene Aktivitäten oder Kampagnen finanzieren. Doch die Sache hat (mindestens) einen Haken. Denn die NTS ist Teil der vom Land geförderten regionalen Tourismusorganisationen, die hierarisch geordnet sind. Somit steht über der NTS die Tash als zentrale Einheit, die das gesamte Land vertritt. Ein Austritt aus der NTS ist damit nicht nur eine Aufkündigung der touristischen Zusammenarbeit mit den beiden Kreisen, sondern auch mit der Tash – also dem Land und dort mit dem Wirtschaftsministerium, das für den Tourismus und seine Förderung zuständig ist.

Auf Sylt sehen deshalb einige Politiker und Touristiker die Kündigung bei der NTS als einen risikoreichen Schritt, denn das Land könnte Förderungen einstellen beziehungsweise schon gegebene Förderungen zurück fordern. „Das Risiko gibt es“, betont auch Peter Douven als Geschäftsführer des Insel Sylt Tourismus-Service GmbH (ISTS). Dennoch ist auch Douven vehement für den Austritt aus dem Nordsee Tourismus Service und beurteilt die Arbeit und Wirkung des NTS als unbrauchbar. Vor allem mit Blick auf die gravierenden Veränderungen im Verhalten der Touristen mahnt Douven ein konzentriertes und zielgerichtetes Marketing. „Wir haben einen Rückgang in den Übernachtungszahlen, der bedingt ist durch den allgemeinen Trend zum Kurzurlaub also zu Aufenthaltsdauern von drei bis vier Tagen“, weiß Douven aus den Berechnungen der letzten Jahre und Erhebungen zum Urlauberverhalten. „Wenn es uns nicht gelingt, die Zahl der Urlauber zu erhöhen, werden wir auf Sylt schmerzhafte Einbrüche erleben“, ist sich der ISTS-Chef sicher. Für Douven muss deshalb das Hauptaugenmerk des Insel-Marketings in Zukunft darauf liegen, den potenziellen Gästen überzeugende Angebote auch für Kurzurlaube und - was noch wichtiger ist - eine attraktive Erreichbarkeit zur Insel anbieten zu können. „Da sehe ich die Kreise und das Land in der Pflicht, sich für ein Verkehrswegekonzept einzusetzen, das uns nicht wie bisher immer weiter abhängt, sondern auf kurzen und schnellen Weg erreichbar macht.“

Sollte Sylt Gäste verlieren und damit auch die Wirtschaft der Insel leiden, dann „leidet auch das Festland“, so Douven, denn „Sylt ist Jobmotor“.

Die Lossagung von der NTS will Douven nicht als unsolidarischen Akt gegenüber den anderen Orten und Inseln an der Westküste verstanden wissen, aber als notwendigen Schritt, „um wenigstens die Diskussion für die zukünftige Positionierung und Anbindung der Insel zu fördern. Wir erleben bisher eher eine Geringschätzung und Ignoranz gegenüber unseren speziellen Anliegen“. Douven ist sich mit den Vertretern der Inselgemeinden und ihren Touristikern einig, dass man die Kündigung dann überdenken würde, wenn es erkennbare Veränderungen in den Marketingkonzepten der Tash und der NTS, aber auch in der Tourismuspolitik des Landes gibt. „Noch geht es uns gut. Aber wir müssen jetzt handeln, damit es uns auch in Zukunft noch gut geht“, erklärt Peter Douven seine Haltung. Nun sind der NTS und die Tash gefordert. Vielleicht wird Sylt dann doch noch richtig glücklich im Glückswachstumsgebiet.

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