Verkehrskonzept für die Insel : Sylt wagt sich an Verkehrsfragen

Autofahrer, Radler, Busfahrer und Fußgänger auf Sylt gleichermaßen glücklich zu machen, ist nicht leicht. Das wissen auch Tiefbauamts-Leiter Reiner Brudnitzki  (li.) und Rainer Hamann und David Stumm (re.) vom Planungsbüro StadtVerkehr.  Foto: Reußner
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Autofahrer, Radler, Busfahrer und Fußgänger auf Sylt gleichermaßen glücklich zu machen, ist nicht leicht. Das wissen auch Tiefbauamts-Leiter Reiner Brudnitzki (li.) und Rainer Hamann und David Stumm (re.) vom Planungsbüro StadtVerkehr. Foto: Reußner

Sylt soll ein neues Verkehrskonzept bekommen - damit Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer auch im Sommer die Insel möglichst stressfrei nutzen können.

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24. Juli 2013, 12:48 Uhr

Sylt | Um zu erklären, warum es das Verkehrskonzept Sylt gibt, muss die fiktive Urlauberin Beate D. aus Gummersbach her halten. Beate D. geht morgens mit ihrer Tochter in Westerland zum Brötchen holen und ärgert sich über die vielen Autos. Nach dem Frühstück verirrt sich Familie D. auf ihrer Radtour, weil sie keine Ausschilderung nach Wenningstedt findet. Am späten Nachmittag haben die D.s Lust auf Fischbrötchen und fahren mit ihrem SUV Richtung List.
Wie können Beate D. und ihre Familie weiterhin auf Sylt mobil unterwegs sein - und gleichzeitig ungestört die Natur-Idylle genießen? Und wie soll es verkehrstechnisch auf der Insel aussehen, wenn Familie D. nach ihrem Sommerurlaub wieder abgereist ist - wenn statt 150.000 nur noch 25.000 Menschen auf der Insel sind?

"Auto-Insel" oder autofreies Sylt

Mit diesen schwierigen Fragen soll sich nun das Verkehrskonzept der Insel Sylt beschäftigen. Als Teil des insularen Entwicklungsprogramms Grips wollen alle Inselgemeinden gemeinsam ein Leitbild erarbeiten, wie die Insel in Sachen Verkehr aufgestellt sein soll - also wahrscheinlich irgendwo zwischen den Extremen "Auto-Insel" und autofreiem Sylt. Rund 80.000 Euro soll das Projekt kosten.
Das Büro StadtVerkehr aus Hilden wird in den kommenden Wochen 500 Urlauber detailliert befragen, wie sie auf der Insel unterwegs sind. Um die Bedürfnisse der Einheimischen zu erforschen, sollen im September außerdem an 5000 Haushalte Fragebögen zum Thema Verkehrsverhalten verschickt werden. Gleichzeitig sammeln die Mitarbeiter von StadtVerkehr Daten - wie viele Menschen fahren an einem Stichtag Bus, wie viele Autos rollen über welche Straße?

"Das Auto spielt auf Sylt eine riesige Rolle"

Diese statistischen Ergebnisse sollen die Grundlage für einen Arbeitskreis und eine Zukunftswerkstatt sein, die das Verkehrs-Leitbild bis zum kommenden Frühjahr entwickeln soll. Neben Verwaltung, Kommunalpolitik und beispielsweise Vertretern von Bus- und Bahn sollen auch die Bürger an dieser Zukunftswerkstatt beteiligt werden. Wenn dieses Leitbild erstellt ist, das im besten Falle die Frage beantwortet, als was für eine Insel sich Sylt zukünftig verkehrstechnisch sieht, dann kann es daran gehen, dieses Leitbild umzusetzen - und das möglichst nicht im Klein-Klein der einzelnen Gemeinden, sondern insular.
Keine leichte Aufgabe, dessen ist man sich in der Verwaltung bewusst. Petra Reiber, Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, und Inselbaumeister Wolfgang Knuth erinnern daran, wie viel Überzeugungsarbeit es gekostet hat, Spuren aus der einst vierspurige Bahnstraße in Westerland heraus zu nehmen: "Die mussten wir uns damals zurück erobern", sagt Knuth. In der Verwaltung weiß man auch: Verkehrsprobleme während der Saison sind auf Sylt fast so alt wie der Tourismus. Und es gibt gewachsene Strukturen, die sich schwer umkehren lassen "Das Auto spielt auf Sylt eine riesige Rolle", sagt Knuth. Bei saisonal überfüllte Straßen steht bei ihm die Frage im Vordergrund: "Wie groß ist die Bereitschaft, dass Urlauber und Sylter Einschränkungen im Individualverkehr in Kauf nehmen?" Vereinfacht heißt das: Bekommt man Beate D. dazu, mit ihrer Familie auch mal mit dem Bus zum Fischbrötchen-Essen zu fahren? Wenn ja - wie weit dürfte die Bushaltestelle von der Ferienwohnung entfernt sein, damit die D.s nicht doch ins Auto klettern?
Aber so konkret soll es ja jetzt noch gar nicht werden. Jetzt geht es erst einmal ans Daten-Sammeln. Damit klar ist, was Familie D. und die anderen Urlauber, ihr Fischbrötchen-Verkäufer und ihre Vermieter eigentlich für ein Sylt wollen. Ob und wie sich diese Vorstellungen unter einen Hut bringen lassen - darum geht es dann in der nächsten Phase.

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