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Interview : Sylt: „Unsere Notfallversorgung ist hervorragend“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Dr. Thomas Blanck erklärt, welche Risiken bestehen, wenn Patienten aufs Festland transportiert werden und wie Sylts Notfallversorgung im Vergleich zu anderen Gemeinden aufgestellt ist.

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Die Notfallversorgung ist auf Sylt ein wichtiges Thema. Was passiert, wenn ein Patient in ein Krankenhaus auf dem Festland verlegt werden muss – und gibt es Probleme, wenn die Witterungsbedingungen es nicht zulassen, dass die Hubschrauber fliegen? Wir haben uns zu diesem Thema mit Dr. Thomas Blanck unterhalten. Er ist der leitende Notarzt auf der Insel und arbeitet für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als ärztlicher Leiter.

Herr Dr. Blanck, wann ist es überhaupt nötig, dass Patienten in Kliniken aufs Festland gebracht werden müssen?
Der häufigste Grund ist eine Verlegung aus der Nordseeklinik. Das heißt, die Klinik entscheidet, dass ein Patient in eine andere Klinik zur weiteren Behandlung verlegt werden soll. Das zweite Szenario ist ein Notfall, bei dem es um ein definiertes Zeitfenster geht. Zum Beispiel, wenn ein Patient einen frischen Herzinfarkt hatte – dann hat er ein bestimmtes Zeitfenster in dem kathetert werden sollte. Um dieses Zeitfenster einzuhalten, werden Patienten von uns gegebenenfalls direkt vom Einsatzort verlegt. Aber auch, wenn zum Beispiel eine Verletzung schon vor Ort erkennen lässt, dass eine Spezialklinik für die Patientenversorgung notwendig ist. Ob der Patient verlegt wird oder nicht, entscheidet letztlich der betreuende Arzt, also der Notarzt vor Ort oder der verantwortliche Arzt im Krankenhaus.

Welche Möglichkeiten gibt es, einen Patienten von der Insel zu bringen?
Zum einen können Patienten natürlich im Krankenwagen auf dem Autozug transportiert werden. Eine zweite Möglichkeit ist die Hubschrauber-Verlegung – entweder mit den Rettungshubschraubern Christopher Europa 5 und Christopher 42 aus Niebüll und Rendsburg oder bei schlechtem Wetter in Ausnahmefällen mit dem SAR-Hubschrauber der Bundeswehr. Der Patient kann aber auch mit dem Seenotretter nach Rømø und dann mit dem Rettungswagen weiter in die Klinik gebracht werden. Eine weitere Möglichkeit ist die Fahrt mit einem unserer geländegängigen Rettungswagen auf dem Hindenburgdamm. Viel eher würde aber ein Abteil im Personenzug bereitgestellt werden und der Patienten dort in Begleitung der Rettungskräfte und gegebenenfalls des Notarztes transportiert werden.

Welche Risiken bestehen beim Transport von Patienten und wie kann diesen begegnet werden?
In der Regel sind die Risiken beim Transport krankheitsbedingt – und diesen wird natürlich mit medizinischen Maßnahmen begegnet. Mit welchem Transportmittel ein Patient transportiert wird, ist krankheits-, zeit-, ziel- und ressourcenbedingt. Es geht darum, wie dringend der Patient behandelt werden muss, inwieweit er transportfähig ist, in welche Klinik er verlegt wird und welche Transportmittel zur Verfügung stehen. Wenn beispielsweise in der Hochsaison mehrere Rettungswagen auf der Insel im Einsatz sind oder zu Verlegungsfahrten auf dem Festland, würde man sich eher für den Hubschrauber entscheiden, weil keine weiteren Rettungswagen für die Inselversorgung erübrigt werden könnten. Gelenkt werden diese Einsätze von der Rettungsleitstelle in Harrislee – dort spricht man sich aber immer mit dem Rettungsdienst und den behandelnden Ärzten ab.

Was passiert, wenn ein Patient dringend aufs Festland transportiert werden muss, aber das Wetter zu schlecht ist und die s nicht zulässt?
Zunächst einmal muss man sagen, dass so etwas sehr selten passiert. Das würde ja voraussetzen, dass eine zwingende Indikation vorliegt – also der Patient auf jeden Fall sofort in einer anderen Klinik behandelt werden muss und dieser Transport nicht verschoben werden kann. Ein solcher Fall wäre zum Beispiel eine Blutung im Kopf. Dass eine solche zwingende Indikation mit einem Sturm oder Unwetter zusammentrifft, das so schwer ist, dass noch nicht mal mehr der Personenzug fahren kann – das ist meines Wissens nach noch nicht vorgekommen, seit ich hier tätig bin. Im Worst Case könnte ein Patient immer noch mit den Seenotrettern nach Rømø gebracht werden. Dann muss man entscheiden, ob die Indikation so schwerwiegend ist, dass man in Kauf nimmt, dass der Patient bei schwerer See durchgeschüttelt werden kann. Grundsätzlich gilt: Der Transport an sich sollte kein Risiko für den Patienten darstellen.

Wie gut ist die Notfallversorgung auf Sylt – auch im Vergleich zu ähnlich großen Gemeinden auf dem Festland und anderen Inseln?
Im Vergleich zu ähnlich großen Gemeinden ist die Versorgung auf Sylt sehr viel besser – geradezu herausragend gut. Im Verhältnis zu Sylts Einwohnerzahl haben wir hier mit der Nordseeklinik eine sehr gute Versorgung mit entsprechenden Fachabteilungen, die man so bei ähnlicher Einwohnerzahl auf dem Festland nicht vorfinden würde. Das liegt natürlich auch daran, dass wir viele Gäste haben. Unsere Infrastruktur ist auch für die Spitzenzeiten ausgelegt. Auf den anderen Inseln wird die Notfallversorgung durch die niedergelassenen Ärzte sichergestellt, die Unterstützung muss dort durch die Luft oder über See kommen, Inseln wie Amrum, Nordstrand oder die Halligen haben kein Krankenhaus.

Wie ist die Erwartungshaltung von Insulanern und Gästen an die medizinische Versorgung – und inwieweit kann diese erfüllt werden?
Die Gäste wissen, dass wir hier auf der Insel eine gute medizinische Versorgung haben im Zusammenspiel von niedergelassenen Ärzten, Klinik und Rettungsdienst. Dass wir jetzt keine Geburtenhilfe mehr haben, ist natürlich schade. Aber auch wenn man irgendwo zwischen Itzehoe und Rendsburg auf dem Land lebt, muss man weitere Anfahrtswege zur nächsten Geburtenstation auf sich nehmen. Natürlich ist es hier auf der Insel eine spezielle Situation, der Aufwand ist für die Schwangeren größer und es wäre gerade emotional wünschenswert, eine Geburtenstation auf Sylt zu haben. Letztlich ist Sylt aus medizinischer Sicht sehr gut aufgestellt. Wir haben uns auf viele Szenarien eingestellt und diese in Übungen durchgespielt, wie etwa im vergangenen Jahr, als wir den Ernstfall auf dem Hindenburgdamm geprobt haben. Es gibt ein sehr gutes Konzept, eine hervorragende Zusammenarbeit in allen medizinischen Bereichen.

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