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Inselgeschichte : Sylt und die Spuren des Krieges

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Aufgrund der strategischen Lage der Insel finden sich überall Spuren aus den Kriegsjahren. Manche allerdings sind heute schwer zu entdecken

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2014 | 06:16 Uhr

Zwei Mal stürzte Deutschland die Welt in den Krieg. Auf Sylt litten allerdings weniger die Menschen, sondern vielmehr die Landschaft. Denn wenn das Eiland im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg den Feind auch so gut wie gar nicht zu Gesicht bekam, so wies das Militär Sylt durch die exponierte Lage eine besondere strategische Bedeutung zu: Aus Furcht vor feindlichen Landungen wurde die Insel zu einer Festung ausgebaut. Noch heute lassen sich einige Spuren aus den dunklen Jahren finden.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die Dünen entlang der Sylter Westküste zur Verteidigungslinie: Unermüdlich gruben die Soldaten Schützengräben, besonders hohe Dünen erhielten Maschinengewehrstellungen und Ausguckposten, die Täler zwischen den einzelnen Dünen wurden durch Drahtverhaue versperrt. Aus einem der Militärlager, in denen die Soldaten untergebracht waren, erwuchs eine noch heute existente Bildungsstätte: Das zwischen Kampen und List gelegene Klappholttal, das das Prädikat der ältesten Heimvolkshochschule Schleswig-Holstein für sich in Anspruch nehmen darf.

Begründer war Dr. Knud Ahlborn, der bei einem Besuch im Sommer 1919 „auf das im Abbruch begriffene Militärlager Klappholttal aufmerksam wurde. Diese Anlage an einer von der Natur besonders bevorzugten Stelle ließ mich sofort den Gedanken fassen, das Lager zu einem Treffpunkt für die Jugendbewegung auszugestalten.“

Auch das auf halbem Wege zwischen Rantum und Hörnum gelegene Jugendheim „Puan Klent“ baute seine Existenz auf Kriegszeiten auf. Das vormalige Militärlager wurde ab 1920 von Jugendgruppen besucht, die sich wie vor ihnen die Soldaten mit spartanischen Verhältnissen begnügen mussten – in den Schlafsälen gab es kein elektrisches Licht, gewaschen wurde sich unter der Pumpe im Freien und als Toiletten fungierten Blecheimer. Im Zweiten Weltkrieg rückten hier eine Batterie der Marine und Männer des Reichsarbeitsdienstes ein, bevor ab 1946 wieder junge Menschen zwischen den Dünen Erholung fanden.

Einem anderen Relikt des Ersten Weltkriegs begegnet irgendwann jeder Urlauber, der mit dem Auto über die Insel fährt: Dem „Roland“, der über den Verkehrskreisel an der Westerländer Norderstraße wacht. Das aus Findlingen erbaute Denkmal in Gestalt eines Ritters wurde der Stadt Westerland im letzten Kriegsjahr 1918 von den auf Sylt stationierten Militäreinheiten geschenkt. Die „Sylter Zeitung“ schrieb: „Gestern Vormittag um 11 Uhr übergab der Herr Inselkommandant mit einer markigen Ansprache das schlichte, aus Granitfindlingen der Insel errichtete Denkmal in die Obhut der Stadt. Mögen Schild und Schwert des Roland auch in ferneren Zeiten daran erinnern, dass eine Inselbesatzung in unermüdlichem Ausharren hier treue Wacht gehalten hat.“

Viele Jahre später erging es dem Rolandwie den deutschen Soldaten: 1945 wurde er von den britischen Besatzern entmilitarisiert – indem man ihm kurzerhand sein Schwert abschlug, das erst 1981 ersetzt wurde.

Die in Beton gegossenen Wunden der Inselnatur waren gerade langsam verheilt, da wurden sie wieder aufgerissen. Weil das NS-Regime an der Sylter Küste eine mögliche Invasion der Alliierten erwartete, begann ein militärischer Bauboom. Allein 50 Bunker, dazu zahllose Flakgeschütze, MG-Stellungen und Unterstände säumten die Sylter Westküste. Viele weitere verteilten sich über das Hinterland. Zwar wurden die meisten Anlagen nach Kriegsende von den britischen Besatzern und später von Pionieren der Bundeswehr gesprengt oder aber von Sturmfluten verschluckt, doch noch heute sind einige von ihnen existent. Immer mal wieder etwa kommen Bunker zum Vorschein, wenn eine Sturmflut Dünen abbricht, andere Bunker werden sogar genutzt – ob beim Tinnumer Sportzentrum als Besprechungsraum oder in List als Materiallager eines Geschäfts.

Auch in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehrwürdigen Westerländer Hotel Miramar befand sich ein solcher Bunker nebst Flakstellung. Dort fiel es den Soldaten jedoch schwer, den Blick geradeaus zu richten. Die inzwischen verstorbene Inhaberin Petra Kreis erzählte später: „Ein Leutnant führte dort das Kommando. Eines Tages sprach er meinen Vater an und monierte: Die Soldaten würden nicht nach dem Feind im Westen Ausschau halten, sondern immer zur Balustrade unseres Hotels schauen, auf der sich meine beiden Schwestern des öfteren nackt sonnten.“

In Hörnum und List, wo vor dem Zweiten Weltkrieg große Kasernenanlagen entstanden, leben noch heute viele Menschen in Straßenzügen mit markanten Rotstein-Bauten und grauen Satteldächern – sie wurden seinerzeit für die Soldaten als Wohnhäuser errichtet. Und auch der Asklepios-Nordseeklinik in Westerland ist das Alter anzusehen; erbaut wurde sie als Lazarett der Luftwaffe. Manches Wehrmachts-Gebäude machte sogar eine späte Karriere: So etwa das einstige Offizierskasino in Hörnum – heute residiert in dem Logenplatz auf der Düne das feine Restaurant „Strönholt“.

Auch ein anderes bekanntes gastliches Haus erwuchs gleichsam aus Ruinen: Die Kampener Kupferkanne. 1945 bezogder Marineoffizier Günter Rieck einen halb in die Erde eingelassenen Flakbunker als Notquartier. Rieck schaufelte in dem Bunker weitere Räume frei, baut Fenster ein und schaffte sich zunächst ein kleines Atelier, aus dem 1949 das Künstlerlokal Kupferkanne erwuchs.

Das originelle Ambiente – verwinkelte Gänge und schmale Stufen führten zu
verwunschenen Grotten, die nur von Kerzenlicht erhellt waren – zog bald immer mehr Gäste und auch allerlei Prominenz an.

Vom Feind hat man auf Sylt während der beiden Weltkriege wie erwähnt kaum etwas gesehen. Nur einmal kam es dicke: Am Abend des 19. März 1940 nahmen 50 britische Flugzeuge die Insel ins Visier. 120 Bomben und 1200 Brandsätze regneten auf Sylt nieder, doch die meisten von ihnen fielen ins Meer oder schlugen in den Dünen ein. Eine Bombe jedoch traf ausgerechnet das Lazarett in der Hörnumer Kaserne. Das – noch heute existente – Gebäude wurde
wieder aufgebaut und war über viele Jahre hinweg Sitz des Jugendaufbauwerks.

Und dann gibt es auf Sylt auch noch jene Kriegsrelikte, denen man ihre Vergangenheit auf den ersten Blick gar nicht ansieht. Etwa oberhalb der Braderuper Heide den öffentlichen, mit Betonplatten ausgelegten Parkplatz, der an der Ostseite von einem großen, halbrunden Erdwall begrenzt wird. Was den Resten einer vorgeschichtlichen Ringburg ähnelt, wurde indes erst in jüngster Zeit von Menschenhand geschaffen. Die Betonplatten sind die Reste einer militärischen Anlage aus dem Jahr 1940. Hier standen Flugzeuge zur Inspektion ihrer Bordwaffen – der Wall diente bei den dafür notwendigen Schießübungen als Kugelfang.

Im Norden Westerlands setzt sich der Promenadenweg entlang des Strandes oberhalb einer langen Mauer fort. Sie wurde gebaut, um feindlichen Panzern, die von Landungsbooten abgesetzt werden könnten, den Weg zu erschweren. Relikte einer zweiten Panzermauer verstecken sich im äußersten Osten der Insel direkt neben den Bahnschienen. Diese Barriere wurde in Morsum installiert, falls der Feind über den Damm kommen sollte.

Und auch die „Seekühe“ im Lister Wattenmeer dienten dereinst als Zielscheiben: Die hölzernen Plattformen auf Stahlbeton-Füßen wurden ins Watt gerammt, damit Flugzeug-Staffeln den Bombenzielwurf trainieren konnten. Heute dienen die unförmigen Objekte als Kalauer, wenn Busfahrer ahnungslosen Sylt-Neulingen bei einer Inselrundfahrt weis machen wollen: „Und dort drüben sehen sie unsere Seekühe, die gelegentlich auch mal kalben ...“



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