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Integration : Sylt und die großen Flüchtlingsfragen

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Insel-Engagement und Insel-Sorgen: Am Dienstagabend beschäftigten sich Sylter auf zwei Veranstaltungen mit dem Thema Flüchtlinge auf der Insel.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2015 | 05:52 Uhr

Insel-Engagement und Insel-Sorgen: Am Dienstagabend beschäftigten sich Sylter auf zwei Veranstaltungen mit dem Thema Flüchtlinge auf der Insel. Im Inselsüden verabschiedete die Gemeindevertretung Hörnum einen Dringlichkeitsantrag, mit dem sie verhindern möchte, dass in ihrem Ort zusätzlich Flüchtlinge aus dem Kreis Pinneberg untergebracht werden. Im Westerländer Congress Centrum lobte Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt derweil das Engagement der Integrationshilfe Sylt. Der ehrenamtliche Verein wollte darüber informieren, wie Sylter Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen können. Sorgenvolle Stimmen zur Flüchtlingssituation wurden sowohl in der Inselmitte als auch im Inselsüden laut.

 


Studt begrüßt private Unterbringung


 

Im Westerländer Congress Centrum: Innenminister Studt lobte den Plan der Integrationshilfe Sylt, Flüchtlinge auch privat auf der Insel unterzubringen. Er habe sich entschieden, Schirmherr der Veranstaltung zu werden, weil die private Unterbringung von Flüchtlingen ein positives Beispiel dafür sei, wie die Gesellschaft Asylsuchende integrieren könne. Zwar würden die Erstaufnahmekapazitäten für Flüchtlinge ständig erweitert. Das Zusatzangebot, Menschen privat aufzunehmen, nannte er aber „einen Teil der Herausforderung und einen Teil der Lösung“.

Zu der Veranstaltung eingeladen hatte der Verein Integrationshilfe Sylt in Zusammenarbeit mit dem Kreis Nordfriesland sowie dem Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein. Rund 90 Einwohner – unter ihnen auch Sylter Flüchtlinge – waren gekommen. Einige der Besucher denken darüber nach, ihre Haustür für Flüchtlinge zu öffnen. „Ich kann mir durchaus vorstellen jemanden aufzunehmen, wenn man den richtigen Platz dafür hat“, sagte Tim Glashoff (25).

Klarheit suchte auch Erika Henzel: „Ich bin heute hier, weil ich nicht weiß, wie ich mit der Situation umgehen soll und überhaupt nicht weiß, wie man helfen kann und ob ich das überhaupt will. Ich denke aber, ich lerne heute noch was dazu.“ An ihrem Stammtisch werde nur negativ über das Thema Flüchtlingsunterbringung geredet, berichtete die Seniorin. „Da möchte ich gerne mal was anderes erzählen – etwas positives – aber dazu brauche ich ein bisschen Hintergrundwissen“, erklärt sie den Grund ihres Kommens.

Konkreter ist hier die Planung von Carla Lüderitz: „Ja, wir würden Flüchtlinge aufnehmen, wir gucken gerade, wie wir das bewerkstelligen können“, so die zweifache Mutter. Sie würde in ihrer Familie gerne einem Paar oder eine Mutter oder Vater mit Kind einen Platz anbieten.

 


Dringlichkeitsantrag inHörnum


 

Etwa zur gleichen Zeit, 20 Kilometer weiter südlich: Im großen Saal des Tourismus-Service Hörnum beschäftigte die aktuelle Flüchtlings-Situation auch die Politiker und das Publikum in der Sitzung der Gemeindevertreter: „Wird bei der Unterbringung der Flüchtlinge über unsere Köpfe hinweg entschieden?“ fragte eine Hörnumerin besorgt. Ein anderer Bürger meldete sich: „Macht sich die Gemeinde Sylt eigentlich Gedanken um den Polizeischutz der Asylbewerber, auch weil wir in Hörnum keine Wache mehr haben?“

„Ob und wann Flüchtlinge nach Hörnum kommen, wird über unsere Köpfe hinwegentschieden“, bestätigte Bürgermeister Rolf Speth, „aber die Menschen müssen einfach untergebracht werden. Wir erwarten auf der Insel etwa 1000 Flüchtlinge – und da ist die wichtigste Frage natürlich: Wo sind geeignete Liegenschaften?“ In Hörnum seien diese Liegenschaften vorhanden, so Speth, „und die müssen genutzt werden. Da bringt es überhaupt nichts, sich dagegen zu wehren“.

Gegen die Unterbringung von Flüchtlingen „wehren“ möchte sich die Gemeinde allerdings in einer anderen Angelegenheit: Mit einem Dringlichkeitsantrag beschlossen die Politiker einstimmig, sich gegen die Unterbringung von Flüchtlingen aus anderen Städten und Kreisen auszusprechen. Der Plan, Flüchtlinge, die eigentlich dem Kreis Pinneberg zugewiesen werden, im Hörnumer Fünf-Städte-Heim unterzubringen, sorgt seit Wochen für Schlagzeilen und Diskussionen (wir berichteten). Den Dringlichkeitsantrag gegen diesen Plan beschlossen die Hörnumer einstimmig: „Wir nehmen alle Flüchtlinge, die uns offiziell zugeteilt werden, möchten aber ein Signal setzen, dass wir gegen die Unterbringung aus anderen Städten sind“, erläuterte Speth.

Ob der Plan des Kreises Pinneberg, die Flüchtlinge im Fünf-Städte-Heim in Hörnum unterzubringen, realisiert wird, ist noch unklar. Von einem Sprecher des Kreises Nordfriesland heißt es, man habe vom Kreis Pinneberg ein schlüssiges Konzept eingefordert, wie die Unterbringung konkret geplant sei. Dieses Konzept läge noch nicht vor. Auf Sylt war in den vergangenen Wochen immer wieder betont worden, dass der kleine Ort Hörnum mit der Unterbringung von insgesamt rund 500 Flüchtlingen überfordert sei.

 


Angst: Sylter kommen zu kurz


 

Zurück in Westerländer Congress Centrum: Auch wenn der Großteil der Gäste gekommmen war, um sich über ein mögliches Engagement zu informieren, gab es nicht nur positive Stimmen. Der Sylter John Weber sorgt sich darum, dass die Insulaner in der Diskussion um die Flüchtlingsunterbringung zu kurz kommen. Arbeitnehmer auf der Insel müssten „im Keller neben der Waschmaschine schlafen und auf Notbetten“. Solange es den Syltern nicht besser gehe, „solange können wir uns keine Gedanken machen, wie wir noch Menschen aus Asien und Afrika hier unterbringen“.

Dass, was viele der Besucher von der Veranstaltung erwartet hatten – praktische Tipps zur Aufnahme von Flüchtlingen in den eigenen vier Wänden – wurde allerdings nicht oder nur am Rande thematisiert. Erst ganz zum Schluss des rund zweieinhalbstündigen Informationstreffens, brachte Juliane von Holdt (Integrationshilfe Sylt) die Ideen des Vereins nach eigenen Worten „schwammig auf den Punkt“. Die besondere Art der Unterbringung könne nicht von behördlicher Seite koordiniert werden. Diese Aufgabe will jetzt die Initiative erfüllen: Sylter, die einen Flüchtling oder eine Familie bei sich aufnehmen oder Wohnraum zur Verfügung stellen wollen, können sich an siewenden. Ein Koordinator könne dann bei praktischen Fragen helfen und Hilfestellungen im Alltag (Haushalt, Sprache) geben. „Die Kosten für die Unterbringung von Flüchtlingen in privaten Gebäuden können in den meisten Fällen vom Sozialzentrum übernommen werden“, sagte von Holdt.

Interesse daran, von Syltern aufgenommen zu werden und somit Anschluss zu finden, besteht auf der Insel: Zwei der Flüchtlinge sprachen am Dienstag auf der Bühne, darunter auch Hussam Almalat, der betonte wie sehr er sich wünsche, wieder familiäre Geborgenheit zu erleben.

 

 

Integrationshilfe Sylt e. V., Steinmannstraße 24, 25980 Sylt, Westerland, Tel.: 04651 – 995 44 55 oder 0163 – 364 78 83, info@integrationshilfe-sylt.de

 

 

 

 

 

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