Flüchtlinge : Sylt und die Angst vor Pegida

Öger Akün darf seinen Mitmenschen momentan mehrmals täglich sagen, was er von Pegida hält. Warum eigentlich, fragt er sich.
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Öger Akün darf seinen Mitmenschen momentan mehrmals täglich sagen, was er von Pegida hält. Warum eigentlich, fragt er sich.

Wie geht es den Sylter Muslimen momentan? Die Sylter Rundschau hat sich mit ihnen über Vorurteile, Ängste und offene Fragen unterhalten.

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15. Januar 2015, 05:21 Uhr

 Dass seine Kunden regelmäßig sagen, sie würden ihren Wagen „zum Türken“ bringen – daran hat sich Öger Akün gewöhnt. Nach dem Erstarken der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung in den vergangenen Wochen soll der Inhaber der Autopflege seinen  Mitbürgern nun auch mehrmals am Tag erklären, was er denn von der Bewegung halte. Oder der nicht praktizierende Moslem, der mit drei Jahren nach Sylt kam, soll erklären, was denn das mit diesen Attentätern in Paris gewesen sei.

Sylt ist - im Großen und Ganzen -  nicht fremdenfeindlich, darin sind sich zumindest diejenigen einig, die in diesem Artikel zu Wort kommen. Aber auch auf Sylt, das bemerkt Öger Akün an den Fragen seiner Kunden, wächst die Skepsis, wenn es um den Islam, wenn es um Fremde geht. „Wer wissen will, wie Islamisten ticken, dem kann ich nicht weiterhelfen. Woher soll ich das denn wissen?“, sagt er. Gleichzeitig hält der Unternehmer diese Neugierde für gar nicht so schlecht – schließlich ist er der Meinung, dass nur ein stetiger Austausch Vorurteile abbauen kann. „Es leben ungefähr 90 türkische Familien auf Sylt. Viele davon haben mit den Einheimischen nichts zu tun – das ist nicht gut.“ Er hofft, dass die Sylter trotz der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge, die hier untergebracht werden, gastfreundlich bleiben.

Mit diesen Flüchtlingen, knapp 80 sind es momentan, verbringt Bernd Frühling ehrenamtlich viel Zeit: Er hilft unter anderem, die Fußballmannschaft der Asylbewerber zu trainieren. Angesichts von Pegida und dem Attentat in Paris befürchtet auch Frühling, dass die momentan friedliche Stimmung auf der Insel kippen könnte:  „Wir planen momentan eine Demonstration, mit der wir signalisieren wollen, dass Sylt sich mit den Flüchtlingen solidarisiert“, sagt Frühling.  Denn bisher zeige sich die Insel mit ihren zahlreichen engagierten Bürgern als  „positives Beispiel“ für  gelebte Willkommenskultur.  Von den fußballspielenden Flüchtlingen habe er zumindest noch nicht gehört, dass sie auf der Insel angefeindet wurden.

Eine ähnliche Einschätzung gibt auch Gabriele Gotthardt ab. Die Leiterin des Sylter Ordnungsamtes ist davon überzeugt, dass die Insel trotz der Ereignisse der vergangenen Wochen gastfreundlich geblieben ist. „Weder in den Unterkünften, in denen ja auch Muslime und Christen zusammen wohnen, noch im Zusammenleben mit der Sylter Bevölkerung hat sich etwas zum negativen verändert.“

Ihm sei bisher auf Sylt kaum Fremdenfeindlichkeit begegnet, bestätigt auch Neek Saied, der 2012 aus Afghanistan geflohen ist. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft sei unfreundlich gewesen - ansonsten fühle er sich in Keitum wohl.

Abdimalik Mohamud Yusuf, Flüchtling aus Somalia, lebt seit sieben Monaten auf der Insel. Die Bilder des Anschlages in Paris hätten ihn verstört, sagt der 21-jährige Moslem: „Mit dem Islam hat das, was die Terroristen getan haben, nichts zu tun: Keine Religion sagt einem, dass man Menschen töten soll.“ Dass nun einige Deutsche die Terroristen mit den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, in einen Topf werfen, kann er nicht verstehen: Viele der Asylbewerber seien gerade vor diesen Terrororganisationen geflohen. Seine Begleiterin, Andrea Krüger, nickt zustimmend. Sie hat den jungen Mann in den vergangenen Wochen unter ihre Fittiche genommen. Im Teehaus ihrer Familie macht er momentan ein Praktikum. „Meine Einstellung zum Thema Integration hat sich geändert“, sagt Krüger. Statt zu erwarten, dass sich die Menschen von sich aus integrieren, hält sie stärkere Hilfsangebote für wünschenswert: „Wir haben noch nicht mal 80 Flüchtlinge, die auf Sylt leben. Da müsste es doch einfach sein, dass  Menschen gefunden werden, die eine Art Patenschaft für  sie übernehmen.“ Auch ihre Mutter, Sabine Krüger, ist der Ansicht, dass es wichtig sei, nicht nur Gegenstände und Geld zu spenden, sondern auch Zeit. Ab jetzt lädt sie jeden Mittwoch ab 20 Uhr zum  „aSylt“-Kreativabend ins Teehaus Janssen nach Westerland ein. Dort sollen sich Flüchtlinge und Insulaner musikalisch begegnen. Angebote wie dieses  sind sicherlich ein guter Schritt, um fremdenfeindliche Bewegungen auf  Sylt gar nicht erst aufkommen zu lassen.

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