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Möwen-Frust : Sylt sucht Strategien gegen die Möwen

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Während der Hauptsaison platzte so manchem Touristen der Kragen, weil Möwen auf Futtersuche ihnen das Eis aus der Hand schnappten. Hausbesitzer auf Sylt wollen Möwen von ihren Dächern vertreiben.

Sylt | Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Möwen auf Sylt gern gesehen: Ihre Eier galten Insulanern und Feinschmeckern auf dem Festland als echte Delikatesse – niemand beschwerte sich über die Vögel und ihre schmackhaften wie gewinnbringenden Eier. Heute hat sich der Blick auf die geflügelten Mitbewohner verändert. Die Möwen polarisieren.

Auf der einen Seite stehen Touristen und Anwohner, die sich von dem Gekreische, dem Kot und der vermeintlichen Dreistigkeit der Vögel belästigt fühlen. Naturschützer halten dagegen, das Problem sei hausgemacht. Die Möwen stört dieser Konflikt naturgemäß nicht. Die Tiere nisten weiterhin auf vielen Flachdächern in und um Westerland, während sie in regelmäßigen Abständen als Thema auf der Tagesordnung der Gemeindepolitik landen.

Auch als Reaktion auf den letzten Bericht der Sylter Rundschau über die Möwenklagen von Touristen und Syltern in der Hauptsaison, diskutierten Kommunalpolitiker über Strategien, um die Zahl der Möwen einzudämmen und sie aus ihren Brutgebieten über den Fußgängerzonen dauerhaft zu vertreiben. Auch Marcus Kopplin, Chef des Kommunalen Liegenschafts-Managements (KLM), berichtete daraufhin im Bauausschuss über mögliche Mittel und Wege, um den Gelegen der Möwen auf den gemeindeeigenen Immobilien beizukommen. „Wir haben einen Versuch mit Abnetzen gestartet“, sagte Kopplin. Allerdings sei diese Methode, bei der ein Netz eine Barriere gegen die Vögel bilden soll, wenig effektiv gewesen: „Es entsteht ein hoher Kostenfaktor und es besteht die Gefahr, dass die Tiere sich in den Netzen verfangen und verenden.“ Ebenso das Absammeln der Nester durch Mitarbeiter sei aufgrund enger Naturschutzvorgaben problematisch. Und auch die Möglichkeit die Vögel mit Schallanlagen zu vertreiben, stieß bei Kopplin auf Skepsis: „Abnetzen, Absammeln oder Vergrämen – egal was wir tun, es wird viel Geld kosten.“

Die Baugenossenschaft Gewoba-Nord hat sich hingegen schon seit Jahren für ein Vorgehen gegen die Möwen entschieden: „Wir haben eine Zeit lang mit Drähten gearbeitet, die bei Berührung ein akustisches Signal abgeben. Aber die Vögel haben sich darauf eingestellt“, berichtet Pressesprecherin Katharina Rümcker. Am erfolgreichsten sei es bisher gewesen außerhalb der Nistzeiten die Nester abzusammeln. „Unsere Hauswarte vor Ort erledigen das.“ Mit diesen Anstrengungen will die Gewoba-Nord nicht nur die Bausubstanz ihrer Immobilien vor Möwenrückständen schützen, „auch die Mieter empfinden die Vögel oft als Problem“, sagt Rümcker.

Margit Ludwig, Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft Sylt, hält solche Strategien schlicht für falsch. Nicht die Möwen – der Mensch sei Ursache des Problems: „Möwen sind hochintelligente Vögel. Sie nutzen die Infrastruktur, die wir ihnen bieten.“ Dazu gehöre auch, dass Nahrungsquellen besonders im Innenstadtbereich allgegenwärtig seien, so Ludwig. Damit liege die Lösung auf der Hand, wie sich „Möwenangriffe“ vermeiden und die Brutgebiete langfristig verschieben ließen: „Wir können das abstellen, indem wir nicht mehr auf der Straße essen und damit das Futterangebot verknappen.“

Derweil werden auch in anderen europäischen Küstenorten und -städten Strategien gegen Möwen gesucht. Neben Frankreich und dem Vereinigten Königreich werden auch Dachbrüter entlang der westlichen europäischen Küstenlinie, von Tromso in Nordnorwegen bis Porto in Nordportugal, gemeldet. In allen Ländern entlang der europäischen Westküste gibt es mittlerweile Kolonien von Dachbrütern. Auch in Richtung Osten – zum Beispiel in Finnland, Estland, Lettland und Bulgarien sind Kolonien auf Dächern sehr verbreitet.

Dass die Möwen Dächer als alternativer Brutplätze wählen, liegt an den vielen Vorteilen, die die Vögel hier vorfinden: es gibt keine Raubtiere, es gibt ein großes Nahrungsangebot und die Temperatur ist um einige Grade höher als in den Dünen. Ob durch Bemühungen von Seiten der Gemeinde langfristig etwas verändert werden kann, wagte KLM-Chef Kopplin im Bauauschuss zu bezweifeln: „Wenn wir die Möwen auf unseren Dächern verjagen, dann weichen sie auf Nachbardächer aus.“



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erstellt am 05.Sep.2013 | 07:47 Uhr

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