Umweltschutz : Sylt soll plastikfrei werden

Der Müll am Strand nach einer Party kann eingesammelt werden, nicht jedoch kleingeriebenes Plastik aus dem Meer.
Der Müll am Strand nach einer Party kann eingesammelt werden, nicht jedoch kleingeriebenes Plastik aus dem Meer.

In einem offenen Brief sagen vier Sylter Bürgermeister dem Plastikmüll auf der Insel den Kampf an.

shz.de von
12. Mai 2018, 05:30 Uhr

Kaum eine Bedrohung der Nordsee ist heute so sichtbar wie die Belastung durch Plastikmüll: Hochzeits-Luftballons mit langen Bändern, Chipstüten und vor allem Plastikflaschen gehören zum alltäglichen Strand-Bild – auch auf Sylt.

Die Bürgermeister der amtsangehörigen Gemeinden Stefanie Böhm (Kampen), Katrin Fifeik (Wenningstedt-Braderup), Ronald Benck (List) und Rolf Speth (Hörnum) sagen dem Plastikmüll auf der Insel nun in einem offenen Brief den Kampf an. „Leider ist festzustellen, dass die Umweltverschmutzung durch Plastik, insbesondere auch die Verschmutzung der Meere, immer weiter zunimmt“, heißt es in dem Schreiben, das die vier Bürgermeister an den Verein Sylter Unternehmer, den Kampener Unternehmerverein, den Dehoga Sylt, die Naturschutzgemeinschaft Sylt und den Landschaftszweckverband richten. Durch diese Verschmutzung sei nicht nur eine optische Verschandelung zu verzeichnen. Ein Teil des maritimen Kunststoffmülls werde von Sand und Wellen zerkleinert und gelange schließlich, angereichert mit Giftstoffen aus dem Meer, in die Nahrungskette. Die Meerestiere würden oft in einem qualvollen Sterben verenden.

Die Sylter Bürgermeister betonen, dass es zwar erfreuliche Initiativen auf der Insel gebe, die sich regelmäßig an der Müllsammlung beteiligen würden – darunter die Plastic Crew vom Schulzentrum Sylt, der Surf Club Sylt oder die Naturschutzgemeinschaft. Erschütternd seien aber immer wieder die Dokumentationen der gesammelten Müllmengen. „Insofern kann es nur ein gemeinsames Anliegen für die Natur, uns Menschen und den Tourismus sein, von vornherein aktiv an der Müllvermeidung zu arbeiten“, appellieren die vier Bürgermeister. Seitens der Hersteller werde zwar immer wieder behauptet, der Kunde wolle die entsprechenden Plastikverpackungen, „das wollen wir so nicht stehen lassen und möchten gemeinsam mit Ihnen eine ‚plastikfreie Insel‘ schaffen“, schreiben sie. Es müsse gelernt werden, auf Einweg-Tragetaschen, Plastikgeschirr und -besteck, Strohhalme und Trinkbecher aus Kunststoff zu verzichten, sagen Böhm, Benck, Fifeik und Speth und verweisen auf die Balearen, wo ein Entwurf für ein neues Abfallgesetz vorliegt, das diese Wegwerfartikel verbieten soll. Auch die Nachbarinsel Föhr arbeite erfolgreich an dem Projekt „Plastikfrei wird Trend“.

„Warum soll das nicht auch auf Sylt auf freiwilliger Basis umzusetzen sein? Wir müssen alle an einem Strang ziehen!“, heißt es in dem Schreiben, in dem sie die Adressaten bitten: „Helfen Sie uns allen, indem Sie ihre Mitglieder massiv für diese Problematik sensibilisieren.“ Auf Nachfrage unserer Zeitung befürwortet auch Nikolas Häckel, Bürgermeister der größten Inselgemeinde Sylt, diese Initiative – allerdings sei er von den anderen Bürgermeistern nicht gefragt worden. „Gerade bei so einem Thema wäre es wichtig, nach Außen gesamtinsular aufzutreten“, so Häckel.

Der Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer ist von dem Vorstoß der vier Bürgermeister begeistert. Er bemerkt, dass es vom Bundesumweltamt sowie den großen Umweltverbänden bereits viele Ansatzpunkte gebe und schlägt für Sylt einen Expertenworkshop vor: „Jetzt sollte gehandelt und mit verschiedenen Menschen von der Insel und auch mit Experten von Außerhalb geschaut werden, an welchen Rädchen, wenn man sie dreht, am meisten erreicht werden kann“, so Borcherding. Fakt sei, dass gehandelt werde muss: „Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Borcherding.

Denn Jahr für Jahr landen nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) 20 000 Tonnen Müll allein in der Nordsee – mit gravierenden Folgen: Seevögel nehmen stetig Plastik bei der Nahrungssuche auf, so dass sie ein ständiges Sättigungsgefühl verspüren. Viele von ihnen verhungern mit vollen Mägen oder sterben an inneren Blutungen durch perforierte Magenwände. Und auch Seehunde, Kegelrobben, Schweinswale und zahlreiche Fischarten der Nordsee werden Opfer des Plastikmülls. Doch der problematischste Faktor seien die Unmengen von Plastik, die mit der Zeit kleingerieben werden, so Rainer Borcherding.

„Das Meer wird langsam zu einer regelrechten Plastiksuppe“, sagt der Biologe. Irgendwann sei das kleingeriebene Plastik nicht mehr rückholbar. „Eine Plastikflasche am Strand kann man einsammeln, aber Mikroplastik bekommt man nicht mehr heraus“.

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