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Autozug zwischen Niebüll und Westerland : Sylt-Shuttle: Ministerium befürchtet „unhaltbare Verhältnisse“

vom
Aus der Onlineredaktion

Ab Januar droht Chaos im Sylt-Bahnverkehr. „Der derzeit aufgestellte Fahrplan ist nicht fahrbar“, heißt es in einem Brandbrief.

Kiel/Westerland | Drohendes Chaos auf dem Hindenburgdamm: Verkehrsstaatssekretär Frank Nägele weist in einem Brandbrief darauf hin, dass der neue Fahrplan für die Bahnstrecke  Hamburg-Westerland „nicht fahrbar sein wird“ und es zu „unhaltbaren Verkehrsverhältnissen“ komme.

Täglich pendeln zahlreiche Arbeitnehmer vom Festland auf die Insel. Ein Verkehrschaos hätte Auswirkungen auf das ganze Leben auf Sylt.

Dieser  neue Fahrplan soll ab Sonntag, dem 13. Dezember, gelten. Besonderheit: Nun  darf neben dem bisherigen Autozugbetreiber DB Fernverkehr auch das Eisenbahnunternehmen RDC Autozugfahrten auf der Strecke zwischen Niebüll und Westerland anbieten. Weil demnach künftig deutlich mehr Autozüge auf der phasenweise eingleisigen Strecke fahren dürfen, befürchten Bahnexperten Verzögerungen. Zusätzlich kuppelt die DB Fernverkehr ab Sonntag in einer Woche Personenwagen an ihren Autozug, die in den Bahnhöfen Westerland und Niebüll wieder auseinander gekuppelt werden müssen – auch dadurch kann es zu Verspätungen kommen.

Beim Nahverkehrsverbund für Schleswig-Holstein, nah.sh, rechnet man mit Blick auf den neuen Fahrplan damit, dass es bis zu sieben Mal am Tag so sein wird, dass die Züge zwischen Niebüll und Westerland nicht fahren können wie geplant. Was das bedeuten könnte: In Niebüll soll ein Zug einfahren, kann es aber nicht, weil dort noch  der Auto-Personen-Zug der DB auseinander gekuppelt werden muss.  In solchen Fällen müsste dann das Stellwerkpersonal entscheiden, was passiert: Entweder muss der einfahrende Zug warten – dadurch werden auf der eng getakteten Strecke weitere Verzögerungen in Kauf genommen. Oder das Stellwerkpersonal muss Züge ausfallen lassen beziehungsweise die Kuppelei der Deutschen Bahn verbieten.

Neben diesen Befürchtungen rechnet das Kieler Ministerium außerdem  mit erheblich längeren Schließzeiten an den Bahnübergängen Tinnum und Niebüll.

Allerdings tritt dieses Szenario aus Kieler Sicht erst dann ein, wenn RDC seine Autozüge wirklich fahren lässt. Anders als zunächst angekündigt, verzögert sich der Betriebsstart des US-amerikanischen Eisenbahnunternehmens auf frühestens Februar 2016. Die Gründe dafür: Die Verladeterminals in Niebüll und Westerland gehören der Deutschen Bahn. Bisher, heißt es von RDC, liege dem Unternehmen aber noch kein Nutzungsvertrag für diese Terminals vor. Deshalb habe RDC auch noch keine Probe- und Schulungsfahrten auf dem Hindenburgdamm unternehmen können. Wann der Betrieb wirklich aufgenommen wird, dazu macht RDC derzeit keine Angaben.

Die Sorgen des Kieler Verkehsministeriums teilt das Eisenbahnunternehmen  im übrigen auch: Der gravierende Anstieg des Zugverkehrs und die vielen Rangierfahrten des Personen-Autozuges der DB würden „die Fahrbarkeit im Sinne eines stabilen Fahrplans erheblich in Frage“ stellen, so eine RDC-Sprecherin. Die Deutsche Bahn dagegen weist diese Befürchtungen  zurück: Der Fahrplan sei so durchgeplant, dass das System funktionieren werde.

Das sieht Staatssekretär Nägele anders. Sobald RDC seine Züge rollen lässt, sorgt er sich zudem um den Nahverkehr zwischen Hamburg und Westerland: Weil die Deutsche Bahn und RDC für ihre Fahrten besonders hohe Abgaben an die DB Netz AG zahlen, haben die Autozüge Vorrang vor den Nahverkehrszügen. „Dies würde im Störungsfall unweigerlich zum massiven Ausfall von Nahverkehrszügen zwischen Niebüll und Westerland führen“, schreib Nägele in seinem Brief an den Bahnvorstand, RDC und die Bundesnetzagentur. Er weist darauf hin, dass das Land „jedes Jahr viel Steuergeld an die DB Netz AG“ für den Nahverkehr zahle. Deshalb erwarte er, dass es nicht zu Störungen des Nahverkehrs kommt.

Nägele fordert in seinem Schreiben nicht nur RDC und DB auf, „kurzfristig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen“, sondern kritisiert auch die Bundesnetzagentur: „Die Zuweisung der Trassen durch die Bundesnetzagentur hat letztendlich zu der jetzigen Situation geführt. Daher halte ich es auch für geboten, dass sie sich bei der Suche nach einer Lösung aktiv beteiligt und zukünftig bei der Trassenvergabe die tatsächliche Fahrbarkeit der Trassen vorab berücksichtigt.“

Sein Schreiben schließt Nägele mit den Worten, dass Wettbewerb im europäischen Schienenverkehr zwar grundsätzlich zu begrüßen sei. Er dürfe allerdings nicht dazu führen, „dass die Insel Sylt durch ungelöste Konflikte im Bahnverkehr zeitweise faktisch stillgelegt wird.“

Peter Schnittgard, Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt, fühlt sich durch das Schreiben einerseits bestätigt: „Wir haben immer wieder gesagt, dass dieser Fahrplan nicht funktionieren kann.“ Gleichzeitig ist er der Ansicht: „Dieser Brief kommt sehr, sehr spät.“ Er befürchtet, dass das drohende Zug-Chaos massive negative Auswirkungen auf das Image der Insel und somit auch auf den Tourismus haben wird.

 

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erstellt am 04.Dez.2015 | 12:27 Uhr

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