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Perverse Karten : Sylt: Sexuelle Belästigung per Postkarte

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Kripo sucht nach dem Absender: Weibliche Angestellte der Sylter Gastronomie bekommen verstörende Postkarten.

shz.de von
erstellt am 28.Apr.2015 | 05:05 Uhr

„Man denkt ständig: Ist er irgendwo? Beobachtet er mich?“ Seit rund zwei Wochen erhalten Frauen, die in der Sylter Gastronomie arbeiten, handgeschriebene Postkarten mit verstörendem Inhalt: Der Absender beschreibt dort detailliert sexuelle Handlungen, die er mit den Frauen erlebt haben will. Einige Geschädigte erstatteten Anzeige. Die Kriminalpolizei Sylt ermittelt jetzt wegen Beleidigung.

Doch bisher wolle man sich zu dem Thema nicht äußern, sagte ein Polizeisprecher mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen. Adressat der Karten sind meist nicht die Frauen selbst, sie werden allerdings namentlich im Text erwähnt und teilweise auch optisch beschrieben, sondern ihr Arbeitgeber.

Auch der Vorgesetzte einer Mitarbeiterin eines Sylter Cafés hat in der vergangenen Woche eine Karte bekommen. Ihr sei es sehr unangenehm, dass der Chef die Karte mit pornographisch-explizitem Inhalt gelesen habe, so die 37-Jährige. Der Absender schreibt dort detailliert, wie er mit der „Blonden“ am Strand Geschlechtsverkehr gehabt haben will. Da die Mitarbeiter namentlich nicht auf der Homepage des Betriebs erwähnt werden, muss der Kartenschreiber als Gast vor Ort gewesen sein, vermutet sie – die Namen der Angestellten sind auf den Quittungen abgedruckt. Die Karte: Eine kostenlose Werbekarte für Malkurse auf Sylt. „Man denkt ständig, ist der irgendwo, steht er an der Ecke, bekommt man wieder Post, oder bediene ich den gerade?“, erzählt die Kellnerin.

Bei jeder größeren Männergruppe werde sie misstrauisch, sagt eine andere Angestellte des gleichen Betriebs, über die der anonyme Verfasser gleich zwei Karten geschrieben hat. Die 49-Jährige sagt, bei der zweiten Karte habe sie gedacht „jetzt muss das aufhören: Das ist einfach widerlich, das ist unterste Schublade“. Eine der Karten, die vorne für einen Sylter Schmuckladen wirbt, war ohne Briefmarke mit einem „Entgeld bezahlt“ Sticker eines Immobilen-Büros beklebt. „Das lässt einem keine Ruhe“, und je mehr sie darüber nachdenke, desto schrecklicher werde es. „Wenn jemand Pornos schaut, dann soll er das machen, aber ich möchte nicht Teil dieser Fantasien sein“, sagt sie.

Zuerst habe sie überlegt: „Habe ich jemandem etwas getan, bin ich jemandem auf die Füße getreten oder habe ihn verärgert?“ Sie sagt, das könne sie eigentlich ausschließen. Doch die Karten haben Folgen: Mittlerweile fürchtet sie sich auch davor, allein im Dunkeln zu gehen, sagt die selbstbewusst wirkende Frau. Eine andere Sylterin dachte zunächst an einen Scherz : „Als die Karte kam, haben wir uns alle schlapp gelacht und gedacht, was ist das denn für ein Bekloppter“, erzählt sie. Nachdem sie erfuhr, dass viele Frauen auf der Insel unfreiwillig Hauptfiguren der sexuellen Kurztexte sind, wandte sich an die Sylter Rundschau. Gleich zwei Karten auf einmal habe sie bekommen, erzählt die 32-Jährige. Gestempelt wurden die Teile in Moers, einer Stadt im Westen des Ruhrgebiets in Nordrhein-Westfalen. Ihr Chef sei loyal – andere berichten ihr, dass der Arbeitgeber sie sofort entlassen würde, wenn Postkarten mit diesem Inhalt an den Betrieb gingen.

In einem Strandkorb und im Cabrio will der Absender sexuellen Kontakt mit ihr gehabt haben. „Mir ging erstmal die Kinnlade runter, und wenn mir das passiert, bedeutet das schon was“, berichtet die Frau. Seit vor rund einer Woche eine Nutzerin auf der Facebook-Plattform „Gesucht und Gefunden“ von ihren Erfahrungen schrieb, häufen sich die Kommentare von Frauen, die von ähnlichen Schmuddel-Postkarten berichten. „Ich möchte keine Namen nennen, aber hat von euch jemand auch schon Postkarten mit echt widerlichem Inhalt bekommen? Die Karten werden direkt an den Chef geschickt“, lautet der Post, der im Online-Netzwerk eine wahre Nachrichten-Lawine auslöste. Viele Frauen schrieben, dass es ihnen ähnlich ergangen sei.

Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Opferverbandes Weisser Ring, rät: „Wenn die betroffenen Frauen Vertrauenspersonen haben, mit denen sie sprechen und ihre Gefühle mitteilen können, sollten sie sich von der Last freimachen und sich Rückhalt holen.“ Unverschämtheiten dieser Art könnten das Sicherheits- und Selbstwertgefühl untergraben und ein „Grundmisstrauen in das Umfeld, in diesem Fall also zum Beispiel zu Arbeitgeber, Kollegen und Kunden auslösen“, beschreibt die Expertin die möglichen psychischen Folgen bei den Opfern.

Auffällig bei den Sylter Karten ist: Weder vom Alter noch äußerlich lassen sich die Betroffenen einer bestimmten Gruppe zuordnen. Frauen mit langen blonden, kurzen braunen oder roten Haaren zwischen 20 und 60 werden auf den Postkarten angesprochen.

Darauf, dass der Täter gefunden werden kann, wagen die Frauen kaum zu hoffen: „Wie sollen die den denn finden? Auf den Karten sind die Fingerabdrücke vieler Postmitarbeiter und Angestellter des Betriebs“, sagt eine der Frauen.

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