Obdachlosigkeit : Sylt: "Niemand muss auf der Straße leben"

Hat ein offenes Ohr für die Wohnungslosen der Insel: Jan Klein.
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Hat ein offenes Ohr für die Wohnungslosen der Insel: Jan Klein.

In den zwei Obdachlosenunterkünften auf der Insel Sylt ist die Zahl der Bewohner zurückgegangen. Dennoch bleibt die Lebenssituation Einzelner weiterhin schwierig.

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12. April 2013, 09:57 Uhr

Sylt | Darauf, dass er jedem ein Dach über dem Kopf gewähren kann, ist Jan Klein stolz. Der Obdachlosenbeauftragte des Ordnungsamtes Sylt kümmert sich um die Wohnungslosen der Insel. 28 Menschen in Not betreut er zurzeit, alle kommen in den Gebäuden der Obdachlosenhilfe im Sjipwai in Westerland und im Pionierlager zwischen Tinnum und Keitum unter. In beiden Häusern stehen den Obdachlosen Mehrbettzimmer, eine Gemeinschaftsküche und ein Badezimmer zur Verfügung. Die Gemeinde stellt zudem vier der Bewohner als gering Beschäftigte an. Sie reinigen und renovieren die Gebäude der Obdachlosenhilfe selbst und lernen so auch ein Stück Selbstständigkeit und Verantwortung.

Die Wohnungsnot auf der Insel und die hohen Lebenshaltungskosten sowie die saisonabhängige Arbeit sind die häufigsten Auslöser für Schulden und Obdachlosigkeit auf der Insel, sagt Klein. Allerdings sei Sylt nur "Vorreiter für eine ähnliche Entwicklung in ganz Deutschland, zum Beispiel in Hamburg und München." Teure Wohnprojekte würden die Armen aus der Stadt und dem Sozialleben drängen und das Problem Obdachlosigkeit nur noch verschärfen.

Mancher Kandidat wird abgewiesen

Trotz dieses Trends ist auf Sylt allerdings das Gegenteil der Fall: Hier hat sich die Zahl der Klienten, so nennt Klein die Obdachlosen, seit seiner Amtsübernahme im November 2010 von 40 auf 28 gesenkt. Vielen konnte Jan Klein helfen, in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Einige wenige musste er aber auch vor die Tür setzen, weil sie sich der Hausordnung in den Unterkünften widersetzten. Diese Strenge habe die Betreffenden aber auch wachgerüttelt und für mehr Engagement bei der Wohnungssuche gesorgt, glaubt Klein.

Einer, dem er zurzeit hilft, ist Thomas (47), der seit fünf Monaten im Sjipwai wohnt. Er hatte mit Drogen- und Schuldenproblemen zu kämpfen, verlor dadurch auch seinen Job als Haus- und Schwimmbadtechniker. Die Beziehung zu seinen Zwillingen Sven und Svea (beide 13) wurde schwierig. Als er bei Jan Klein Hilfe suchte, war er am Ende: Ohne Wohnung, ohne Arbeit und in zerrissener Hose stand Thomas bei der Beratung im Sjipwai. Ihm eine neue Hose zu besorgen, war da noch das einfachste. Aber: "Bei den kleinen Dingen fängt die Hilfe an", sagt Jan Klein.

Mietschulden, Drogenprobleme und "ständige Niederlagen"

Zunächst gelte es, beim Kaffeetrinken im lockeren Schnack Vertrauen zu schaffen und die Probleme und Ängste seiner Klienten zu verstehen. Klein hilft Menschen wie Thomas bei Behördengängen, übersetzt Beamtendeutsch und leitet an die richtigen Hilfestellen wie die Schuldenberatung oder Therapieeinrichtungen weiter. Ein weiterer wichtiger Schritt in ein normales Leben ist außerdem die sogenannte Trainingswohnung nebenan. Diese separate, kleine Unterkunft mit eigenem Schlüssel, für die die Klienten selbst verantwortlich sind, bereitet auf das selbstständige Leben vor. Funktioniere das, geht Klein schließlich auch auf Wohnungs- und Arbeitssuche mit den Betroffenen.

Mietschulden, Drogenprobleme oder eine fehlende Krankenversicherung seien allerdings nur das eine. Was den Obdachlosen vor allem zu schaffen macht, sind laut Klein die "ständigen Niederlagen". In ihrer ohnehin schon schweren Situation, in der sie jeden Tag darum kämpfen, morgens überhaupt aufzustehen, müssten die Wohnungslosen auch noch bei Krankenversicherung, Behörden und Gläubigern geduldig und vehement für ihr Recht einstehen, sagt der Obdachlosenbetreuer. Deshalb macht der gebürtige Hamburger, der als Pädagoge ausgebildet ist, seinen Betreuten mit Rocky Balboa Mut. Genau wie der Filmheld, findet er, müssten sie immer wieder neu aufstehen, Niederlagen wegstecken und weiter kämpfen.

Thomas scheint diesen Kampf zu gewinnen. Er setzt ganz auf seinen Neuanfang auf dem Festland, weitab der ihm nur zu gut bekannten Drogenpfaden auf der Insel. Er hofft auf einen Job, einen geregelten Tagesablauf und auf eine bessere Beziehung zu seinen beiden Zwillingen in Niebüll.

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