Frauenroman : Sylt-Klischees und Frauen-Glück

Persönliches Nachdenken über Glück: Claudia Thesenfitz
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Persönliches Nachdenken über Glück: Claudia Thesenfitz

Wie viele Klischees verträgt die Insel? Ein Interview mit der Autorin Claudia Thesenfitz über ihren Sylt-Roman „Sylt oder Selters“.

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09. Mai 2015, 05:27 Uhr

Mit ihrem Roman-Debut begibt sich die freie Journalist und Autorin Claudia Thesenfitz (Jahrgang 1967) nicht nur zum ersten Mal auf literarisches Terrain, sie schreibt auch zum ersten Mal über Sylt.

Auf gut 260 Seiten erzählt die in Nordfriesland lebende Schriftstellerin die Geschichte der Nina Mertens, die als knapp 40-jährige Single-Frau ihrem Leben eine tiefgreifende Wende geben will. Als Grafikerin bei einem Hamburger Magazin kann sie sich weder den Luxus noch die Freiheiten erlauben, die ihr Glücks-bedingend erscheinen: Designerware, stylische Wohnung, exquisite Speisen, spannende Reisen und Geld ohne Limit sind Ninas grobe Vorstellungen zur Erreichung des Lebensglücks.

Stichworte, die bei der Krisengeschüttelten eine Idee reifen lassen, mit der gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wären: Würde sie sich in einen vermögenden Mann verlieben, würde sie damit sowohl ihrem Single-Dasein, als auch ihrer knappen Kasse ein Ende bereiten.

Bei der Frage, wie man so einen kennen lernen kann, hat Nina eine „brillante“ Idee: Nach Sylt, auf die Insel der Reichen und Schönen, fahren und dort den Millionär angeln, der für den Rest des Lebens alles regelt. Gedacht, getan. Und dann beginnt eine turbulente Story um wahre Liebe, große Blender, tiefe Enttäuschungen, echte Freundschaften und die berührende Erkenntnis, was wirklich Glück bedeutet und wie man es erlebt.

Claudia Thesenfitz erzählt das alles sehr frisch und anschaulich, versteht es ihren Figuren Farbe und Stimme zu geben, bietet – vor allem wohl für Frauen, die Ninas Sehnsüchte teilen - Lesevergnügen für ein paar unbeschwerte Stunden.

Sylt wird allerdings mit all den Klischees beschrieben, die hinlänglich bekannt sind. Doch wie in der wahren Liebe, bei der schließlich das Echte über den Schein, das Wahrhaftige über das Klischee triumphiert, entdeckt der Leser durch die Autorin auch die Werte der Insel, die sie so verlockend und bezaubernd sein lassen.

Im Interview erzählt Claudia Thesenfitz, was sie an Sylt begeistert, weshalb Frauen glauben, ihr Glück bei reichen Männern finden zu können und warum Sylt-Bücher besondere sind.

Frau Thesenfitz, warum haben Sie sich Sylt als Spielort Ihres Romans ausgesucht?

Ich bin vor fünf Jahren zum ersten Mal auf die Insel gekommen – und war sofort verliebt. Das grüne, wilde Meer, die gischtige Luft, die Dünen, der Duft der Heide, das Laissez-Faire der Sylter – für mich war das wie nach Hause kommen.

Wie gut kennen Sie die Insel?

Bestimmt noch nicht gut genug. Ich habe die Insel zwar von oben bis unten und von West nach Ost bereist, aber es gibt mit Sicherheit jede Menge Ecken und Geheimtipps, die ich noch nicht kenne. Und vor allem jede Menge, mir noch unbekannte, nette Menschen!

Sylt ist eine starke, sehr bekannte Marke, aber auch ein Ort, der von Vorurteilen und Klischee behaftet ist. Nicht wenige der Klischees bedienen auch Sie in Ihrem Buch. Muss das sein?

Für mein Gefühl habe ich keine Klischees bedient, sondern vielmehr Karikaturen geschaffen – und in denen ist ja immer auch etwas Neid versteckt. Dass die „Reichen“ nicht so gut wegkommen, liegt vielleicht aber auch an meinen persönlichen Kindheitserfahrungen.

Ihre Protagonistin ist eine Frau um die 40, die Sie auf Glücksuche schicken und die glaubt, dass ein reicher Mann ihr geben kann, was sie sucht. Ein Irrweg – klar. Doch sind Frauen wirklich so irre geleitet?

Die „Heldin“ erwartet ihr Glück natürlich nicht vom Herren mit der prallen Brieftasche. Sie hat vielmehr bauernschlau überlegt, dass sie sich, da sie ja Single ist, gerne wieder verlieben würde und dass es dabei diesmal doch praktisch wäre, wenn die neue Liebe ein bisschen Kleingeld hätte. Diese Idee lässt sie ihre bisherigen „Jagdgründe“ – die Hamburger Szenekneipen, in denen sie immer nur arbeitslose Webdesigner kennenlernt – verlassen und sich in Kampen bewusst auf ein vermeintlich fruchtbareres Feld begeben. Wichtig dabei aber ist: Sie will nicht Geld ohne Liebe – sie will Liebe UND Geld. Das eine nicht ohne das andere.

Es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die sich mit dem Thema Glück beschäftigen. Worin lag für Sie der Reiz, es ebenfalls aufzugreifen?

Der Grund war mein persönliches Nachdenken darüber, was Glück eigentlich ist. Was macht mich, was macht andere wirklich glücklich? Diese zentrale Lebensfrage fand und finde ich so spannend, wie kaum eine andere. Die Werteverschiebung, innere Transformation und Korrektur ihrer Vorstellung von Glück, die die Protagonistin im Laufe des Buches erfährt, dokumentiert dieses Nachdenken.

Ihr Roman will unterhalten. Würden Sie sagen, es ist ein Sommer-Buch, eine gute Strandlektüre oder soll es etwas anderes sein?

Das Buch soll Spaß machen, berühren, zum Lachen bringen – aber es soll auch ein bisschen nachdenklich machen. Ich hoffe, dass die tiefere „Message“, die es beinhaltet, verstanden wird. Es ist sozusagen nährstoffreiche Kost – leicht serviert.

Haben Sie den Roman in Teilen oder vielleicht auch in Gänze auf Sylt geschrieben?

Nein. Ich kann mich bislang leider nur an einem Ort der Welt voll und ganz aufs Schreiben konzentrieren - zuhause auf meinem Wohnzimmer-Sofa. In gebückter Haltung über dem Laptop - zum Entsetzen aller Orthopäden. Abgesehen davon kann ich mir einen längeren Aufenthalt auf der doch sehr teuren Insel leider (noch) nicht leisten...

Sie werden den Roman bei den Kampener Literaturtagen vorstellen. Freuen Sie sich darauf oder haben Sie auch ein bisschen Muffe, den Roman in einem Ort vorzustellen, der ja bei Ihnen nicht nur gut weg kommt?

Der Ort kommt sehr gut weg, da er wunderschön ist und ich ihn sehr liebe! Einzig und allein dem einen oder anderen „erfundenen“ Bewohner fahre ich, fährt die Heldin im Buch etwas an den Karren. Aber das sind ja, wie gesagt, rein fiktive Figuren, insofern habe ich weder Angst noch ein schlechtes Gewissen.

Gibt es ein Sylt-Buch, dass Sie besonders mögen, das Sie vielleicht sogar inspiriert hat?

Wunderschön und eigentlich das ultimative literarische Werk über Sylt ist für mich „Mein Sylt“ von Fritz J. Raddatz. Liebevoller, leidenschaftlicher, begeisterter und klüger kann man den Zauber der Insel kaum beschreiben, finde ich. Ansonsten lese ich sehr gerne den Sylt Shuttle-Fahrplan, da ich versuche, so oft wie möglich auf die Insel zu kommen.

Macht Reichtum, macht Geld glücklich?

Ich glaube, dass Geld das Leben sehr erleichtert. Ob es glücklich macht, ist individuell verschieden. Es gibt Reiche, die alles haben, aber nichts davon wirklich genießen können. Genussfähigkeit, das Talent zum Glücklichsein, kann man eben nicht kaufen.

Claudia Thesenfitz liest im Kaamp-Hüs am 28. Mai um 20:30 Uhr. Signierstunde um 17:00 Uhr im Buchhaus Voss

Sylt oder Selters von Claudia Thesenfitz
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548287072
Preis: 9.99 Euro

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