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Engpass bei Pflegeheimen : Sylt – keine Insel für die Alten?

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nach der Schließung des Pflegeheims der Johanniter sind Pflegeplätze auf der Insel Mangelware.

von
erstellt am 28.Mai.2016 | 16:45 Uhr

Sylt | Ende Februar musste es ganz schnell gehen. Nach Operationen in zwei Krankenhäusern war an eine Rückkehr von Sven Pörksens Mutter in ihre Wohnung in Westerland nicht mehr zu denken. Ein Jahr hatte sie nach dem Tod ihres Mannes noch allein gelebt, unterstützt von einem mobilen Pflegedienst, versorgt von Essen auf Rädern, betreut von den Kindern. Doch nach den Klinikaufenthalten war die 74-Jährige zu sehr geschwächt. „Ich war gezwungen, innerhalb von wenigen Tagen einen Pflegeplatz zu finden“, erinnert sich der Tinnumer Malermeister. Fündig wurde Sven Pörksen in der „Residenz an der Düne“ – nicht auf Sylt, sondern in Süderlügum auf dem Festland. „Auf Sylt war es schier unmöglich, einen freien Pflegeplatz zu finden.“

Das Johanniter-Altenzentrum in der Steinmannstraße – geschlossen zum 30. Juni. Das Johanniter-Haus im Wenningstedter Weg 66 und das DRK-Heim in der Stephanstraße 16 – voll belegt. Der bundesweit befürchtete Engpass bei den Pflegeheimen – auf Sylt ist er schon heute Realität.

Das gleiche Bild auf den Inseln Amrum und Pellworm – der Bedarf wächst schneller als das Angebot. DRK-Kreisgeschäftsführer Torben Walluks wundert das nicht: „Natürlich wollen die alten Menschen auf ihrer Insel bleiben und nicht aufs Festland gehen.“ Doch für die Träger der Einrichtungen sei es wenig lukrativ, die Bettenzahl zu erhöhen. „Wir müssten mehr Personal vorhalten, bekommen aber nicht mehr Geld.“ Das Problem sei der mit den Kassen ausgehandelte Personalschlüssel.

Wenn das Altenzentrum in der Steinmannstraße Ende Juni schließt, gibt es noch 77 Pflegeheimplätze auf Sylt – 55 im Johanniter-Haus im Wenningstedter Weg und 22 im DRK-Haus in der Stephanstraße. Dabei seien die beiden Einrichtungen in Westerland gar nicht voll ausgelastet gewesen, heißt es von der Berliner Johanniter-Pressesprecherin Regina Villavicencio. Von den ursprünglich 66 Plätzen in der Steinmannstraße seien im Mai 2015 nur 41 besetzt gewesen – das entspricht 62 Prozent. Eine ähnliche Quote habe das Haus im Wenningstedter Weg erreicht – von 55 Plätzen waren durchschnittlich 35 belegt. Wenn ab 1. Juli das Pflegeheim in der Steinmannstraße wegfällt, fehlten theoretisch 21 Plätze. Ein Mangel, den die Johanniter durch zwei neue Wohngruppen in der Steinmannstraße mit je maximal elf Plätzen wettmachen wollen. Allerdings fehlt für die Umsetzung noch ein Partner, der den ambulanten Pflegedienst sicherstellt.

„Das ist viel zu wenig,“ sagt Ulrike Körbs. Die Insel benötige einen gleichwertigen Ersatz für die ehemals 64 Plätze in der Steinmannstraße. Die 49-Jährige engagiert sich als gerichtlich bestellte Betreuerin und kennt daher viele Pflegeeinrichtungen von innen. Ihre pessimistische Einschätzung: „Alt werden auf Sylt – das geht nur, wenn man viel Geld hat und sich die private Pflege leisten kann, oder wenn man eine tolle Familie hat.“

Die Alternative: Ein Platz im Pflegeheim auf dem Festland. So hat die Diako Flensburg auf die Schließung des Altenzentrums in der Steinmannstraße reagiert und den zehn betroffenen Bewohnern Hilfe angeboten. Ihr Albertinenstift in Harrislee sei in den letzten zwei Jahren für fünf Millionen Euro erweitert worden, nun stünden dort 113 Plätze zur Verfügung. „Von den zusätzlichen 26 Plätzen sind noch nicht alle belegt, so dass wir noch Kapazitäten für die Bewohner aus Westerland frei hätten“, sagt Peter Johannsen vom Albertinenstift.

Ein Aspekt bereitet den Pflegeexperten besondere Sorgen – immer mehr alte Menschen sind von Demenz betroffen. „Auf Sylt sind 350 Menschen demenziell erkrankt“, schätzt Oliver Marco Pohl, Geschäftsführer der Lebenshilfe. Er leitet den Runden Tisch „Gut leben mit Demenz auf Sylt“, bei dem sich Vertreter sozialer Einrichtungen zum Gedankenaustausch treffen. Für Demente gäbe es derzeit nur zwei Angebote: Dienstags „Tante Frieda“ im Wenningstedter Gemeindesaal und mittwochs den „Tüddelclub“ im Altenzentrum an der Steinmannstraße. Bei „Tante Frieda“ gibt es Frühstück und Mittagessen, mittwochs werden die Gäste mit Kaffee und Kuchen „betüddelt“. Die Angehörigen sollen währenddessen für ein paar Stunden mal an sich selbst denken. Beide Angebote werden vom Pflegedienst Fitz angeboten und direkt mit den Krankenkassen abgerechnet, wobei die Norddörfer-Kirchengemeinde „Tante Frieda“ unterstützt.

Demenz sei ein schrecklicher Zustand, der nicht nur den Erkrankten belastet, sondern vor allem auch den Ehepartner, sagt Ulrike Körbs. „Die schämen sich dann oft, wenn es nicht mehr geht und der Mann oder die Frau ins Pflegeheim muss. Aber was wollen sie tun, wenn der Partner sie nicht mehr erkennt und stattdessen für einen Einbrecher hält?“ Wichtig sei daher das Angebot einer ambulanten Tagespflege für Demenzerkrankte.

Ein gutes Zeugnis stellt die Betreuerin den vier ambulanten Pflegediensten auf der Insel aus: dem DRK und dem DRK Sylt-Ost, dem Pflegedienst Fitz und dem Pflegedienst Manus. Alle seien gut ausgelastet, gut miteinander vernetzt und nicht zuletzt gute Arbeitgeber. „Dort arbeiten die Leute gerne, viele schon seit zehn Jahren, und sie bleiben bis zur Rente.“ Ganz anders als bei den Johannitern, die in der Branche nicht als attraktiver Arbeitgeber gölten.

„Wir bedauern, dass es soweit gekommen ist“, sagt Sozialausschuss-Vorsitzender Eberhard Eberle zur Schließung des Hauses in der Steinmannstraße. „Aber wir werden alles tun, damit ältere Mitbürger hier auf der Insel bleiben können.“ Am 20. Juni tagt der Sozialausschuss um 19 Uhr öffentlich im Rathaus. Im Mittelpunkt steht das Thema: „Die Zukunft der pflegerischen Versorgung auf Sylt“.

Sven Pörksen glaubt, dass er in Süderlügum ein gutes Haus für seine Mutter gefunden hat. Die Einrichtung habe einen sehr freundlichen und kompetenten Eindruck hinterlassen. „Und es sind auch noch zwei weitere Sylterinnen da.“

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