Fotoreportage : Sylt im Gegenlicht: Sommerpause

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Tom Tautz zeigt in seiner Foto-Reportage in dieser Folge, was die Kampener Strandkörbe im Winter eigentlich so machen.

shz.de von
04. Juli 2015, 05:47 Uhr

Das Ziel war hoch gesteckt: Eine Fotoreportage über Sylt wollte Tom Tautz machen. Aber eine, bei der alle für die Insel typischen Motive ausgeblendet werden. Typische Motive? „Na, gemeint wären da zum Beispiel spektakulär leuchtende Sonnenuntergänge, romantisch anmutende Dünenlandschaften, perfekt inszenierte Wahrzeichen oder prominente Personen im Blitzlicht“, erklärt er und nahm sich stattdessen die verborgenen Ecken der Insel vor. Ein Projekt, das unsere Zeitung unterstützt und begleitet. Bis Mitte August präsentiert die Sylter Rundschau exklusiv einige der Fotografien dieser Aktion mit kurzen Texten von Tom Tautz zu dem jeweiligen Ort.


Holzgestell mit Korbgeflecht. Fußkasten. Sonnenmarkise und Klapptisch. Das Standardmodell 160 Zentimeter hoch, 120 breit und 80 Kilogramm schwer. Erhältlich in den Ausführungen „Ostsee“ – mit ein paar extra Rundungen, „Nordsee“ – eher kastenförmig, oder als Typ „Platte“ – aus Spanplatten zusammengezimmert. Ein Ding, dass in etwa genau so deutsch ist wie der Gartenzwerg: der Strandkorb.
Die Geschichte der Herstellung geflochtener Weidensessel reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. „Richtig erfunden“ wurde das sympathische Strandmöbel allerdings erst 1882, als der Rostocker Hof-Korbmacher Wilhelm Bartelmann den ersten Strandkorb seiner Art in Form eines Einsitzers anfertigte. Und zwar für eine ältere, an Rheuma leidende Dame, die diesen in Auftrag gegeben hatte, da sie eine schützende Sitzgelegenheit für den Strand suchte, um trotz Krankheit ihren Sommeraufenthalt in Warnemünde genießen zu können. Von da an nahm die Erfolgsgeschichte des Strandkorbes seinen Lauf.
Heute ist die mit Kunststoffstreifen und imprägnierten Markisenstoff ausgestattete Minibehausung von den Stränden an Nord- und Ostseeküste kaum mehr wegzudenken. Über 100  000 werden hierzulande pro Saison vermietet und bieten gestern wie heute Schutz gegen Wind, Sonne, Regen, Sandstürmen und neugierigen Blicken der Strandnachbarn. Alleine in Kampen auf Sylt stehen 1  200 Exemplare die jährlich darauf warten, ihre „Bewohner auf Zeit“ zu beherbergen. Schon vor dem diesjährigen Sommer zählte der Tourismus-Service Kampen bereits 1  600 Reservierungen.
Doch was geschieht eigentlich mit ihnen, wenn sie ihren Strandplatz am Ende der Saison bis Oktober verlassen haben müssen, um der ungemütlichen Jahreszeit mit ihrer materialzehrenden Witterung zu entkommen? Dann ist Strandkorb-Wellness angesagt: Holzgestelle werden repariert, Beschläge erneuert und Scharniere geölt. Wie man sich vorstellen kann, ist da einiges für Strandchef Greg Baber und seine Kollegen zu tun. Trotz der großen Beanspruchung pro Saison und gerade wegen der guten Pflege, liegt die durchschnittliche Lebensdauer eines Strandkorbs hier bei etwa acht Jahren. Die jemals gemessen längste Lebensdauer soll sogar bei 20 liegen.
Erst wenn alle „Patienten“ versorgt wurden, werden sie in der Kampener Strandkorbhalle konserviert. Fernab salziger Luft, austrocknender Sonnenstrahlen und Polster vollkleckernder Badegäste. Besucht man diesen Ort im Winter, erblickt man die Ikonen des Sommers wie sie ihr ganz stilles Winter-Dasein in der Dunkelheit fristen. Aneinander gestellt wie Pinguine in der Antarktis, die sich gegenseitig Schutz vor der Kälte bieten. Und wenn man ganz leise ist, die Augen schließt und genau aufpasst, hört man sie sogar flüstern und sich Geschichten erzählen. Geschichten vom Sommer.

Alle Geschichten von Tom Tautz können auf www.sylt-im-gegenlicht verfolgt werden.

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