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Polnische Delegation auf Sylt : Sylt grüßt Schüler aus Warschau

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Drei Tage lang ist eine Schüler-Delegation aus Warschau auf der Insel. Gestern wurde sie im Rathaus von Bürgermeister Häckel begrüßt.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2015 | 05:44 Uhr

„Westerland – Warschau“ steht in blauer Schrift auf den hellgrauen Kapuzenpullovern, die gestern Vormittag so gut wie alle Anwesenden im Sitzungssaal des Westerländer Rathauses trugen. Sogar Bürgermeister Nikolas Häckel und Bürgervorsteher Peter Schnittgard, bei öffentlichen Auftritten eher für Jackett und Schlips bekannt, schlüpften in den sportlichen Sweater.

Grund für den einheitlichen Look war eine Delegation aus Warschau, bestehend aus 18 polnischen Schülern, ihren Lehrern, einem Dolmetscher und einer Mitarbeiterin des Historischen Museums in Warschau, die gestern Vormittag offiziell im Rathaussaal begrüßt wurde. Von Sylter Seite erschienen zu dem Termin so viele Vertreter, dass der große runde Tisch, an dem gewöhnlich politische Debatten ausgetragen werden, voll besetzt war. Neben Schnittgard und Häckel, der die Begrüßungsrede hielt (siehe Artikel unten rechts), nahmen in der Runde unter anderem auch Zeitzeuge Ernst-Wilhelm Stojan, Christian Thiessen (Insulaner-Piraten), Gerd Nielsen (SPD), Wolfgang Jensen (CDU), Sabine Welle (Bündnis90/Grüne), Andreas Eck (SSW), Pastorin Anja Lochner, Silke von Bremen, Sven Lappoehn, Lehrerin Anna Raspé und Schulleiterin Gonde Detlefsen Platz.

Sie alle wollten dabei sein, als der Gegenbesuch der polnischen Schüler auf der Insel offiziell in Empfang genommen wurde. Gegenbesuch deshalb, weil im Dezember 2014 anlässlich des Gedenkens an den Warschauer Aufstand ein Besuch von Sylter Schülern und einer Westerländer Delegation in Warschau stattfand (wir berichteten). Vor allem die Rolle von Heinz Reinefarth, zwischen 1951 bis 1964 Bürgermeister der Insel, der beim Warschauer Aufstand mitverantwortlich am Tod von 150  000 Polen war, wurde damals von den Schülern geschichtlich aufgearbeitet.

Bei diesem Besuch kam es auch zu einer Begegnung mit einer polnischen Schülergruppe, die nun auf Einladung des Schulzentrums Sylt nach drei Tagen in Berlin für drei Tage auf der Insel zu Gast sind. Und ihr Zeitplan ist eng gesteckt: Gestern standen vor allem historische und politische Themen im Vordergrund. Nach der Begrüßung folgte ein Treffen mit dem Zeitzeugen Ernst-Wilhelm Stojan und danach eine Stadtführung mit Silke von Bremen zur Sylter NS-Geschichte.

Heute geht es dann weiter mit einem morgendlichen Mini-Surfkurs, einer Führung durch Keitum und zum Abschluss gibt es am Abend eine kleine Feier, bei der auch Nikolas Häckel anwesend sein wird.

„Vor allem die Architektur hier auf der Insel ist toll“, schwärmt Austausch-Schüler Konrad Mrozik aus Polen, „mir gefällt es auf Sylt auch viel besser als in Berlin.“ Der 19-Jährige ist sich der Bedeutung des Besuchs bewusst: „Wir kennen die Geschichte um Reinefarth und den Warschauer Aufstand natürlich gut“, sagt er, „seitdem ist noch nicht viel Zeit vergangen. Aber wir sind eine neue Generation und können neue Beziehungen aufbauen und Vorurteile abbauen.“

An die Aufarbeitung der Geschichte erinnerte auch Peter Schnittgard in seiner Rede, die er vor der Gedenktafel am Rathaus zum Warschauer Aufstand hielt. „Eine Person, die Polen, Warschau und besonders den Stadtteil Wola mit Gräueltaten und brutalen Tötungen überzogen hat“, erinnerte Schnittgard, „diese Person hat uns im vergangenen Jahr 2014 zusammengebracht. Wir haben viel Liebe und Herzlichkeit dabei erlebt und in Polen menschlich wertvolle Gespräche geführt.“ Mit einem Lachen holte er schließlich eine – noch nicht eingelöste – Busfahrkarte aus Warschau aus der Tasche. „Hier sagt man ja: ‚Ich will zurück nach Westerland‘, aber ich möchte zurück nach Warschau.“

„Das Tabu wurde gebrochen“

Auszüge aus der Begrüßungsrede von Bürgermeister Nikolas Häckel

Ich heiße Sie und Euch herzlich Willkommen auf Sylt. Ich freue mich sehr, dass Ihr da seid. Seit dem 1. Mai bin ich der neue Bürgermeister der Gemeinde Sylt und es ist tatsächlich nicht leicht für mich, diese geschichtlich und gesellschaftlich bedeutsame Begrüßung vorzunehmen – so groß ist die Leistung, die meine Amtsvorgängerin Petra Reiber in der geschichtlichen und emotionalen Bewältigung der unsäglichen Vergangenheit erbracht hat.

Bürgermeisterin Reiber hat das Tabu gebrochen, Heinz Reinefarth nicht nur als ehemaligen erfolgreichen Westerländer Bürgermeister zu sehen, sondern als jemanden, der im III. Reich zum Täter wurde.  70 Jahre nach den Ereignissen in Warschau begannen wir zurück zu blicken und uns mit Ihrer Geschichte zu befassen. Ein Prozess, der letztes Jahr begann.

Die Zeit des Schweigens aus Angst, Scham oder Unwissenheit hat bis in meine Generation noch Auswirkungen. Der Krieg mag beendet sein, seine Folgen wirken bis in die heutige Zeit. Und ich persönlich bin erleichtert und auch dankbar, dass mein Urgroßvater Arno Kapp, der von 1920 bis 1933 Bürgermeister von Westerland war, den Mut hatte, der NSDAP nicht beizutreten, was ihm damals das Amt kostete. Nach dem Krieg wurde er dann von der britischen Besatzungsmacht erneut als Westerländer Bürgermeister eingesetzt.

„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Zukunft.“ Dieses Zitat unseres – und von mir sehr geschätzten – Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, war der Leitsatz unserer Einladung zum Gedenken an den 70sten Jahrestag des Warschauer Aufstandes. An diesem Tage haben wir die Mahntafel an unserem Rathaus eingeweiht, die auf deutsch und polnisch an das Verbrechen erinnern wird, das im August 1944 in Warschau geschah. Ich möchte als neuer Bürgermeister gemeinsam mit Euch und Ihnen in die Zukunft schauen, auch wenn wir den Blick zurück nie aus den Augen verlieren sollten.

Die 1000 Kilometer zwischen Warschau und Sylt konnten Euch nicht davon abhalten, die neue Freundschaft zu unserer Schule durch einen Besuch zu vertiefen. Ich kann Euch sagen, die Schule hat sich sehr auf Euch gefreut und ein tolles Programm erarbeitet. Das Treffen in Berlin ist gut geglückt, wie mir erzählt wurde und Ihr habt unsere geschichtsträchtige Hauptstadt mit seinem Reichstag unsicher gemacht. Berlin versteht es in besonderem Maße, Vergangenheit und Zukunft erlebbar zu verbinden - erläuternd, erklärend, informativ, aber nie vorwurfsvoll.

Nun seid Ihr auf Sylt, und werdet die Insel unsicher machen.  Spannende Tage erwarten Euch. Ich wünsche uns allen, dass diese schulische Freundschaft offen und auf Augenhöhe gelebt wird - mit dem Wissen um die Vergangenheit, aber mit dem Blick nach vorne.

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