Sylt - die Insel als heimlicher Hauptdarsteller

Leichenfundort Ellenbogen: Hauptkommissar Theo Clüver (Robert Atzorn, r.), und Ina Behrendsen (Julia Brendler), haben es in 'Nord Nord Mord' mit zwei Toten zu tun.  Foto: ZDF/Christine Schroeder
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Leichenfundort Ellenbogen: Hauptkommissar Theo Clüver (Robert Atzorn, r.), und Ina Behrendsen (Julia Brendler), haben es in "Nord Nord Mord" mit zwei Toten zu tun. Foto: ZDF/Christine Schroeder

In der kommenden Woche zeigt das ZDF gleich zwei Spielfilme, die an der Westküste Schleswig-Holsteins spielen, vor allem aber in den Dünen auf dem Lister Ellenbogen gedreht wurden

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16. April 2011, 08:21 Uhr

Sylt | Krabbenpulen - das sei quasi Profiling auf Norddeutsch. So erklärt Kommissar Theo Clüver (Robert Atzorn) seinem jungen Kollegen Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk), die norddeutsche Gelassenheit. Quasi das Gegengewicht zu der aufgeregten Psychologisierei, mit der der Nachwuchs-Polizist als selbsternannter Profiler ("Drei Monate Zusatzseminar in Chicago") im Sylter Sand wühlt...

Sylter Sand? Ja, die Strandszenen des ZDF-Krimis "Nord Nord Mord" spielen auf Sylt. Außerdem sieht man die Kommissare durch Keitum radeln und wird Zeuge, wie Feldmann seiner Kollegin Ina (Julia Brendler) in Westerland Komplimente ("Du riechst so gut nach Buttermilch" und "Du hast schöne Ohren") macht. Nur der Inselname taucht in dem ganzen Film kein einziges Mal auf. Und in der übermorgen laufenden Nachkriegs-Geschichte "Liebe Deinen Feind" wird Sylt sogar als Nordstrand ausgegeben...

Verkleidet, verleumdet und versteckt (in "Nord Nord Mord" ist der Schriftzug Sylt einmal sogar übergeklebt) - so eine Behandlung ist die Insel nicht gewöhnt. Schließlich prangt ihr Name sonst von Futternäpfen bis zu Fußmatten auf allen (un)möglichen Gegenständen und auch auf dem Festland angerührte Salatsoße oder in Asien gepflückter Tee schmückt sich gern mit dem Zusatz "Sylter".

Warum ist das beim Film anders? Therese Wiethoff, die in der Pressestelle des ZDF unter anderem für "Nord Nord Mord" zuständig ist, erklärt: "Man legt sich nicht fest, weil die rein fiktionale Geschichte an einem rein fiktionalen Ort spielt. Wir machen in diesem Fall ja keinen Heimatfilm."

Dass Sylt als Nordstrand-Ersatz herhalten musste, erklärt "Liebe Deinen Feind"-Produzentin Jutta Lieck-Klenke mit der realistischen Kulisse, die der Insel-Norden, der Ellenbogen, abgibt: "Unser Film spielt 1945, dafür brauchten wir eine unverbaute Natur." Auf Nordstrand hätten immer wieder nicht in die Zeit passende Bauten oder Deiche "im Weg gestanden." Und Niki Stein, Regisseur ihres Films schwärmt: "Sylt könnte sich sehr viel leichter zu einem Filmstandort entwickeln, als viele deutsche Großstädte, die es gerne wären. Die Insel hat es ja nicht nötig, aber es ist schon toll, was man dort machen kann. Man hat sehr kurze Wege und eine unbeschreiblich schöne Naturkulisse. Wenn die Sylter nicht irgendwann schreien, das ist uns zu viel, werden sie weiterhin regelmäßig Besuch von Filmteams haben."

Eine Einschätzung, die scheinbar branchenweit geteilt wird. Jutta Vielberg, Pressespercherin der Sylt Marketing GmbH, vermeldete vor allem 2009 einen Dreharbeiten-Rekord: Neben 28 Beiträgen für Infotainment-Formate (Reisemagazine, Lifestyle und Wissenssendungen) entstanden sechs Spielfilme - Von Roman Polanskis "Ghostwriter" bis zu Dora Heldts "Urlaub mit Papa" - zwischen List und Hörnum. "Wenn hochwertige Produktionen, die zu Sylt passen, hier gedreht werden, freuen wir uns darüber und unterstützen die Teams beispielsweise bei der Locationsuche. Allerdings sollten die Arbeiten möglichst nicht in der Hauptsaison stattfinden", erklärt sie und nennt einen weiteren Vorteil der Insel gegenüber anderen Drehorten: "Die Infrastruktur für die Unterbringung von 100-köpfigen Filmteams ist vorhanden." Zumindest außerhalb der Hochsaison.

Kurze Wege für Darsteller und Techniker, wunderbare Landschaftsbilder für die Zuschauer (in beiden Filmen von Kameramann Arthur W. Ahrweiler) - da macht es nichts, dass die Handlung von "Liebe Deinen Feind" vorhersehbar und bei "Nord Nord Mord" konstruiert (ein Liebespaar stolpert zufällig über eine Leiche nach der anderen) ist. Für Sylt-Fans spielen, wie bei den Filmen von Rosamunde Pilcher und Inga Lindström, sowieso die Landschaftsaufnahmen die Hauptrolle.

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