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Sylter Rundschau

13. Dezember 2017 | 08:42 Uhr

Sylt als perfekte Illustration

vom

Mit Erzählbänden wie Russendisko wurde Wladimir Kaminer zum Chronist von Alltagsabsurdität / Morgen liest der Autor im Friesensaal

shz.de von
erstellt am 14.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Mittlerweile hat der Kolumnist, Autor und DJ Wladimir Kaminer rund 2,9 Millionen Bücher verkauft. Im Interview spricht der Schriftsteller über Sylter Besonderheiten, Anglerpech und erklärt, warum der Verein Kulturhaus Sylt unter Denkmalschutz gestellt werden muss.

Herr Kaminer, sie kommen nun seit vielen Jahren regelmäßig für Lesungen nach Sylt. Mögen sie die Insel womöglich?

Wladimir Kaminer: Sylt ist für mich ein besonderer Ort, an dem vieles sichtbar wird, was sonst im alltäglichen Leben oft ausgeblendet wird. Ich meine die Endlichkeit des Seins, aber auch die Ewigkeit - das ist für mich Sylt. Auf der einen Seite ist es eine Insel, die ständig mehr schrumpft. Auf der anderen Seite verschwinden aber nicht der Himmel und das Meer. Sylt ist wirklich wie ein anderer Planet für mich. Ich glaube, dass diese sehr eigene Natur auch Menschen von ganz besonderem Schlag hervorbringt. Auch wenn die meisten Bewohner mittlerweile sowieso Zugezogene sind.

Was macht den Sylter denn besonders?

Ich habe viele Sylter kennen gelernt, die gerne auf das Meer starren. Das macht sie für mich mit den Brandenburgern verwandt.

Sylt kann man in einem Atemzug mit St. Tropez oder St. Moritz nennen. Wegen des großen Andrangs wurde dort schon über die Einführung einer Russenquote nachgedacht. Warum haben ihre Landsleute Sylt noch nicht für sich entdeckt?

Vielleicht ist das dort eine andere Art des Protzens. In Orten wie St. Tropez, in denen viele Menschen auf der Suche nach heiteren Orgien herumlaufen, da

suchen die Russen ihren Weltruhm, weil sie der Meinung sind, in der Weltgeschichte zu kurz gekommen zu sein. Sylt ist dagegen etwas für Unaufgeregte und für Menschen, die gerne beobachten.

Dieses Mal haben sie sich Verstärkung mitgebracht. Nach der Lesung wird es Musik von Nastja & die Orloves geben. Wie sind sie zusammen gekommen?

Ich habe diese Band selbst durch Zufall kennen gelernt, als sie in Westfalen in einem Zelt aufgetreten sind. Dabei habe ich gestaunt, wie generationsübergreifend diese enthusiastische Musik wirkt. Ich bin mir ganz sicher, dass das ankommt. An dieser Stelle möchte ich auch mal ein großes Lob für die Sylter aussprechen, die das ganze organisieren, dem Kulturhaus Sylt. Ich bin viel in Deutschland und auch im Ausland unterwegs, aber solche enthusiastische Kollektive sollte man eigentlich unter Denkmalschutz stellen. Weil sie aus Spaß an der Arbeit an Orten ein Kulturleben ermöglichen, wo sonst weder Literatur noch Musik sehr häufig zu Besuch kommt.

Seit Montag ist ihr neues Buch Diesseits von Eden auf dem Markt. Werden sie daraus auch lesen?

Natürlich! Es geht um die Suche nach dem verlorenen Garten Eden, darum dass Menschen, egal wo sie auch auftauchen, versuchen, diesen paradiesischen Garten nachzubauen. Und Sylt ist eine perfekte Illustration zu meinem Buch.

Direkt gegenüber des Ortes, an dem sie auftreten werden, haben die Keitumer genau das versucht - und haben dafür über zehn Millionen Euro bezahlt...

An manchen Stellen gelingt der Entwurf, an anderen Stellen weniger (lacht). Es beweist nur, dass es keinen vollkommenden Garten geben kann, zumindest wenn er von Menschen gebaut wird.

Sie selbst verbringen viel Zeit in ihrem Schrebergarten in Brandenburg, der an einen See grenzt. Haben sie da überhaupt schon mal einen Fisch gefangen?

Ich habe...ehrlich gesagt, nein! Aber ich habe viel Zeit mit der Angel am See verbracht und viele Geschichten darüber geschrieben, was die Fische möglicherweise über uns und die Welt denken. Mittlerweile kostet der Angelschein hier zwölf statt bisher fünf Euro - das lohnt sich niemals.

Vor ihrem Auftritt haben sie noch einen freien Abend auf der Insel. Wie werden sie den verbringen?

Ich gehe zum Meer, ich steige ins Wasser und danach gehe ich in eine Bar, trinke einen Wein und schaue mir danach die Sterne an.

"Worüber die Fische schweigen" - Lesung und Konzert mit Wladimir Kaminer und Nastja & die Orloves am Donnerstag, 15. August, ab 19.30 Uhr im Keitumer Friesensaal. Tickets ab 24 Euro an allen Sylter Vorverkaufsstellen und unter www.kulturhaus-sylt.de.

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