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ÖPNV Sylt : SVG-Geschäftsführer Sven Paulsen über schlaflose Nächte

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

„Wir sind sehr gut aufgestellt“: Im Interview erzählt Paulsen, der vor 20 Jahren die Sylter Verkehrsgesellschaft (SVG) übernahm, von den Anfängen des Unternehmens und E-Bussen.

Herr Paulsen, wie kam es überhaupt dazu, dass Sie die SVG übernahmen?
Es war ja bekannt, dass die SVG, die damals Frau Prahl gehörte, verkauft werden sollte. Aber für uns war das auf den ersten Blick eine viel zu große Nummer, weil wir nicht wussten, wie Öffentlicher Personennahverkehr, also ÖPNV, geht und wir auch finanziell nicht so aufgestellt waren, dass wir die Kaufsumme ohne weiteres hätten finanzieren können. Das Interesse von Frau Prahl war aber, uns das Unternehmen zu verkaufen, weil sie wollte, dass es in ihrem Sinne weitergeführt wurde und nicht irgendein Konzern das Geschäft übernahm. Es ging ihr dabei auch um die Mitarbeiter, die ihre Jobs behalten sollten.

Trotz Ihrer Bedenken haben Sie die SVG gekauft. Wie kam das?
Ich war ja interessiert, aber finanziell nicht in der Lage. Ich kann mich noch genau erinnern, als der Tag der Entscheidung kam. Meine Frau und ich sind in das alte Büro von Frau Prahl gegangen. Sie saß dort an ihrem ganz kleinen Schreibtisch - damals war sie schon über 80 Jahre alt - und wartete nun auf meine Entscheidung. Meine Frau hatte mir gesagt, dass ich verrückt sei, wenn ich mich auf dieses Abenteuer einlassen würde. Frau Prahl habe ich dann gesagt, dass ich es zwar gerne kaufen würde, aber den Kaufpreis nicht aufbringen kann. Es ging damals um eine für mich unvorstellbare Summe von 10 Millionen D-Mark. Frau Prahl fand dann aber einen Weg für die Finanzierung, indem sie mir das notwendige Eigenkapital vorgeschossen hat.

Als Sie die SVG übernahmen, war sie in einem ganz anderen Zustand als heute. Was fanden Sie vor?

Das kann man gar nicht mit heute vergleichen. Die SVG besaß vorwiegend ältere Busse, die lange gefahren sind und es waren ausschließlich Solobusse. Es gab auch keinen getakteten Fahrplan, weil man der Meinung war, dass man den nicht brauchen würde. Die Gemeinden wollten allerdings immer gerne einen getakteten Fahrplan. Den haben wir dann ganz schnell umgesetzt. Das wurde zum großen Erfolg und die Fahrgastzahlen stiegen. Um die wiederum gut bewältigen zu können, wollte ich die Solobusse gegen Gelenkbusse austauschen, die deutlich größer sind, also mehr Gäste transportieren können. Aber die alten Hasen im Betrieb waren sehr skeptisch, da sie glaubten, dass man Gelenkbusse auf der Insel aufgrund der engen Straßenführung nicht fahren kann.

Was haben Sie dann gesagt oder getan?

Nun, ich wollte, dass wir es wenigstens mal ausprobieren. Also haben wir uns aus Kiel einen alten Gelenkbus geholt, eine Probefahrt gemacht und gesehen, dass es funktioniert, sich die Busse nicht verklemmten. Dann haben wir sieben weitere alte Gelenkbusse gekauft, die Zahl der Fahrgäste und damit auch die Umsätze weiter erhöht, die uns wiederum in die Lage versetzten, in neue Busse zu investieren.

Wussten Sie, dass die SVG erfolgreich zu führen ist, wenn man den Investion- und Innovationstau auflösen würde? Sie kamen aus der Schifffahrt, hatten bis dahin nix mit Bussen zu tun.

Richtig, die Abkürzung ÖPNV war für mich eine eher abschreckende Buchstabenreihung. Mich haben auch viele gewarnt, da der ÖPNV in den meisten Städten und Gemeinden defizitär läuft. Ganz ehrlich: Ich hab damals oft nachts nicht geschlafen und mich gefragt, wie ich das alle hinbekommen kann.

Sie haben es beim ÖPNV ja auch mit Behörden zu tun, auf Sylt wird er durch den Landschaftszweckverband, den LZV, geregelt. Wie schwer oder leicht hat man Ihnen dort den Start gemacht?

Der LZV wollten ja schon lange die Taktung des Busverkehrs. Als sie sahen, dass wir die schnell umgesetzt hatten, war die Unterstützung wirklich groß, die Zusammenarbeit von Anfang an gut. Wir haben eine Konsession für die Fahrgastbeförderung und müssen unseren Verkehr so umsetzen, wie der Aufgabenträger es wünscht.

 

Wird der ÖPNV und auch die SVG öffentlich gefördert?
Die überwiegende Zahl der Betriebe im ÖPNV sind gemeinwirtschaftlich, das heißt sie werden öffentlich gefördert, weil sie ihre Kosten nicht selbst erwirtschaften können. Die Kostendeckung liegt bei den meisten um 50 Prozent, der Rest wird zugeschossen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir eigenwirtschaftlich sind, unsere Kosten selbst decken können und deshalb die Kommunen auf der Insel nicht in Anspruch nehmen müssen. Lediglich die Stadtbuslinie wird von der Gemeinde Sylt subventioniert.

 

Hat sich das Streckennetz auf der Insel seit Ihrer Übernahme der SVG deutlich verändert?

Was sich verändert hat, ist die Verdichtung. Wir fahren viel häufiger als vor 20 Jahren. Seit 2012 haben wir zusätzlich die Stadtbuslinie über Tinnum etabliert.

 

Wie zufrieden sind eigentlich Ihre Fahrgäste? Wissen Sie das?

Ja, wir haben vor einigen Jahren eine Erhebung durchführen lassen und die Gäste befragt, wie unser Service ankommt. Da haben wir sehr gut abgeschnitten. Einige haben bemängelt, dass wir zu teuer sind.

 

Gefühlt stimmt das doch auch. Oder?

Nun, ich denke unser Preis-Leistung-Verhältnis stimmt. Wir setzen die modernsten Busse ein, haben die enge Taktung in den Fahrplänen, damit alle gut über die Insel kommen. Selbstverständlich sind wir etwas teurer als der hoch subventionierte ÖPNV in andern Städten und Gemeinden. Im Übrigen sind unsere Tarife auf Kilometer gerechnet allerdings nicht höher als auf dem Festland. Wir fahren weite Strecken, die man hier so nicht wahrnimmt. In Städten fährt man gefühlt mehr, weil es ständig um Kurven und durch verschiedene Stadtteile geht.

 

Wie wirkt sich die Saison auf die Gestaltung der Fahrpläne aus?

Das ist eine große Herausforderung, denn wir brauchen im Sommer doppelt so viele Busse wie im Winter und das heißt auch deutlich mehr Mitarbeiter.
Spüren Sie auch den viel beschworenen Fachkräftemangel?
Wir haben viel in Personalwohnungen investiert und das macht die Suche deutlich einfacher. Es gibt auch einige Fahrer aus anderen Bundesländern, die gerne mal eine Saison auf Sylt arbeiten. Wenn man denen eine Wohnung anbieten kann, dann kommen sie sehr gern. Das Wohnungsangebot ist meiner Meinung nach auch der Schlüssel, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.

 

Wenn Sie jetzt rückblickend auf die damals so schwere Entscheidung, ob Sie die SVG übernehmen sollten oder nicht, schauen, wie fällt dann das Urteil aus? War es richtig?

Es war sicher zunächst ein Abenteuer, weil ich nichts vom ÖPNV wusste und verstand. Aber es hat mich gereizt, weil ich auch sah, dass es gut zu uns als Reederei Adler-Schiffe passte. Jetzt gibt es die Synergieeffekte und die Verbindungen zu den Inselenden sind deutlich verstärkt - und das kommt nicht nur uns zugute, sondern allen.

 

Hand aufs Herz: Wie steht die SVG im Vergleich zu anderen Anbietern im ÖPNV dar, wenn wir Umweltverträglichlichkeit, Komfort, Service, Sauberkeit und so weiter betrachten?

Ich bin überzeugt, dass wir da in der ganz oberen Liga mitspielen. Ich glaube, es gibt nur wenige Unternehmen, die einen so neuen Fuhrpark vorweisen können wie wir, der so modern und umweltfreundlich ausgestattet ist wie unser. Wenn man dann noch auf unsere Haltstellen schaut mit den Digitalanzeigen der Abfahrten, die Echtzeitauskunft der Fahrzeiten, die man online auf dem Handy abfragen kann, dann haben wir hier einen Top-Standard.

 

Wie sieht die Zukunft des ÖPNV aus?

Zunächst mal glaube ich, dass da einiges auf uns zukommen wird. Aber wir sind sehr gut aufgestellt. Ich denke, dass sich E-Busse durchsetzen werden, auch da haben wir bereits Erfahrungen sammeln können, weil wir probeweise bereits unterschiedliche E-Bus-Typen auf der Insel getestet haben. In diesem Monat wollen wir nochmals einen für zwei Wochen im Tagesgeschäft testen.Wir werden voraussichtlich bereits im kommenden Jahr einen E-Bus anschaffen. Unser Liniennetz mit den Distanzen ist dafür sehr gut geeignet. Die Zukunft wird dann noch umweltfreundlicher und leiser, denn E-Busse hört man kaum. Kurzum: Ich bin sehr optimistisch was die Zukunft des ÖPNV auf de Insel betrifft und wir werden uns beständig weiterentwickeln.

 

 

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erstellt am 01.Sep.2015 | 05:13 Uhr

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