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Sylter Reetdachhäuser : Sturmschutz geht vor Brandschutz

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Neue Bauweise macht das Löschen schwieriger. Gesunder Menschenverstand in Nähe von Reetdächern schützt auch vor Gefahren.

Noch immer keinerlei neue Erkenntnisse hat die Kriminalpolizei zum Brand des reetgedeckten Doppelhauses am 22. Juni. Die Ermittlungen werden jedoch intensiv fortgeführt, so der Sylter Kriminalhauptkommissar Ralf Stolle. Ein Sachverständiger des Landeskriminalamts (LKA) war an der Brandstelle, hat alles genau untersucht – durch die Umstände, die sich vor Ort ergeben haben, kommt die Kripo zu dem Schluss, dass vorrangig in Richtung Brandstiftung ermittelt werden muss.

Für die Rantumer Feuerwehr war der Großbrand im Raanwai (wir berichteten) der erste Einsatz an einem Reetdachgebäude seit 2001. Gemeinsam mit Wehren aus Westerland und weiteren Inselorten kämpften die Kameraden die gesamte Sonntagsnacht gegen die Flammen, konnten das völlige Abbrennen des erst wenige Wochen zuvor fertig gestellten Hauses jedoch nicht verhindern. Eine Ursache für den Totalschaden, so der Rantumer Wehrführer Thomas Nissen, seien die im Jahr 2000 novellierten Bauverordnungen für Reetdachhäuser in Schleswig-Holstein. „Die Abdichtungen mit Dämmstoffen sind sehr viel besser als früher. Bei einem Brand des Daches lassen sie kaum noch Rauch nach innen dringen“, erläutert Nissen. Das Ganze sei jedoch ein zweischneidiges Schwert: durch die geänderten Bauvorschriften können auch größere Zeiträume bis zum Eintreffen der Feuerwehr überbrückt werden. Vor allem aber haben die Bewohner länger Zeit, um sich selbst und auch ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen.

Für die Feuerwehr sind dagegen die so genannten Innenangriffe gefährlicher geworden, weil sich die Flammen zwischen Dämmung und Reet durchfressen und die Brandbekämpfer nicht mehr von außen an die Feuernester herankommen. Also muss die Feuerwehr versuchen, das Dach abzureißen, um das Übergreifen des Feuers auf angrenzende Gebäude zu verhindern oder um brennende und (noch) nicht brennende Gebäudeteile wie im Raanwai zu trennen. Das gelingt am effektivsten, wenn Brandschneisen ins Reetdach geschlagen werden.

Dazu wurden früher mit einem Reetmesser Hanftaue durchtrennt, die das Reet zusammenhalten. Bei den seit 2000 errichteten Dächern muss jedoch vom Heidefirst aus der nunmehr verwendete Stangendraht durchtrennt werden. „Das ist viel mühsamer, aufwändiger und zeitintensiver als früher“, bestätigt der Rantumer Wehrführer. Statt Draht wird oft harter Kunststoff verwendet, doch auch damit gäbe es vergleichbare Probleme, so Nissen.

Aber die aktuelle Bauweise der Reetdächer hat neben dem längeren Schutz von Mensch und Tier, von Hab und Gut noch eine weitere positive Seite: sie schützt wesentlich besser vor Sturmschäden – das macht Sinn und geht nun einmal vor, so Thomas Nissen. Denn die Gefahr, dass reetgedeckte Häuser durch Wind und Regen in Mitleidenschaft gezogen werden, ist viel größer und das geschieht öfter als durch einen Brand – man denke nur an die Orkane Xaver und Christian im vergangenen Jahr.

Die Feuergefahr ist vor allem im Hochsommer sehr groß, wenn die Reetdächer von der Sonnenstrahlung ausgetrocknet werden. „Oft sind es Selbstverständlichkeiten, die nicht beachtet werden“, sagt Thomas Nissen, und rät, zum Beispiel beim Grillen oder bei offenen Feuern in der Nähe von Reetdächern „doch einfach den gesunden Menschenverstand“ walten zu lassen. „Einige Meter Abstand halten und immer die Windrichtung beobachten ist eine Grundvoraussetzung“, empfiehlt der Rantumer Wehrführer. „Außerdem schade es nichts, einen Eimer Wasser oder einen Feuerlöscher bereitzuhalten. Nicht nur unterm Weihnachtsbaum im Winter, sondern auch im Sommerurlaub auf Sylt.“

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 04.Aug.2014 | 06:00 Uhr

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