Stricken gegen das Grau der Welt

Grelle Wintergarnitur für die Gänse vor dem Jugendseeheim Kassel.  Foto: privat
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Grelle Wintergarnitur für die Gänse vor dem Jugendseeheim Kassel. Foto: privat

Ute Frederich verziert den öffentlichen Raum gern mit wolligen Accessoires - momentan ist sie mit einer Stricktruppe zu Gast auf Sylt

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17. November 2012, 08:10 Uhr

kampen | Kuscheliger, wärmer, bunter: Zwanzig Urlauberinnen aus Paderborn und Umgebung arbeiten während ihres momentanen Strickurlaubs auf Sylt mit Nadel und Wollfaden gegen das Novembergrau an. In die weichen Wollwerke hüllen sie allerdings nicht nur sich selbst und ihre Lieben - sie wollen damit auch den öffentlichen Raum verschönern. So wurden die Gänse vor ihrer Unterkunft, dem Jugendseeheim Kassel, spontan mit einer grellbunte Wintergarnitur bekleidet.

Diese Art von öffentlichen Strickwerken, genannt Guerilla Knitting, kam vor einigen Jahren aus den USA nach Deutschland. Heute werden beispielsweise in Flensburg Laternenpfähle oder Denkmäler mit Selbstgestricktem verziert oder verhüllt. Warum? Die Motivationen sind unterschiedlich. Gestrickt wird in Deutschland als Protest gegen Bauprojekte wie Stuttgart 21, als neuer Hingucker für längst übersehene Denkmäler oder einfach nur, um die Welt ein bisschen kuscheliger zu machen. Kursleiterin Ute Frederich wollte mit ihrem Projekt "forty funny fishes", das sie im Frühjahr diesen Jahres in Paderborn ausstellte, die Menschen in ihrer Stadt dazu bringen, sich öfter miteinander zu unterhalten. Dafür hat sie im Stadtraum gefilzte Wollfische an Äste, Laternen und Brücken gehängt.

Auch für Sylt hat sie Ideen, wo Wollschmuck nicht schaden könnte. Da sie mit ihren Mitreisenden die Sylter Gastronomie auf ihren Gemütlichkeitsfaktor durchgetestet hat, fällt ihr als erstes die Kupferkanne ein: "Dort könnte man wunderbar etwas in die Zweige im Garten hängen!" Auch die reisenden Riesen im Wind vor dem Westerländer Bahnhof sähen ihrer Meinung nach mit Strickleibchen sicher lustig aus: "Aber da wäre ich vorsichtig. Bei Denkmälern sollte man den Künstler vorher immer fragen, ob das auch in sein Konzept passen würde."

Ihre Urlauberinnen sind auch mit weniger riesigen Stricksachen zufrieden: Ulla Bihler freut sich, in der Gruppe endlich gelernt zu haben, wie man Socken strickt und Marli Fritz (71), hat auf Sylt nach fünfzig Jahren Pause zum ersten Mal wieder Nadeln in die Hand genommen und gleich eine − auch tragbare − Mütze produziert.

Dass sich die Teilnehmer gegenseitig Kniffe beibringen ist eines der Ziele die Frederich mit ihrer ersten Strickreise erreichen wollte: "Außerdem finde ich, dass jede Frau mindestens einmal im Jahr aus ihrer Familie rauskommen sollte" - Männer haben sich noch nicht auf diese Reise gewagt. Dafür sind die Damen umso begeisterter bei der Sache: Stricken, da sind sie sich einig, macht süchtig und gesellig. Aus zwanzig einander zuvor unbekannten Frauen haben eine Woche gemeinsamer Urlaub und dreieinhalb verstrickte Kilo Wolle eine lebhaft plaudernde Truppe gemacht. Und so etwas macht für den November ja auch kuscheliger, wärmer, bunter.

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