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Stillfreundliche Orte : Stillende Mütter auf Sylt willkommen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nach einem Aufruf in der Sylter Rundschau meldeten sich Sylter Unternehmen, um sich als stillfreundliche Orte zertifizieren zu lassen

shz.de von
erstellt am 05.Mai.2017 | 05:11 Uhr

Unterschiedlicher könnten die Orte nicht sein: Ein Kampener Appartement-Service, ein Westerländer Coaching-Zentrum, ein Rantumer Restaurant und eine Betreuungseinrichtung für Menschen mit Behinderung ziehen seit kurzem an einem Strang: Sie alle haben sich zertifizieren lassen und tragen jetzt das offizielle Siegel „stillfreundlicher Ort“. Bei der Aktion, die ihren Anfang im Rahmen der Weltstillwoche 2016 in Niedersachsen fand, geht es darum, Orte zu finden, die stillende Mütter willkommen heißen (wir berichteten).

Dass diese Orte notwendig sind, weiß Anke Bertram, Hebamme auf Sylt, die die Aktion kurz vor Ostern auf die Insel brachte: „Ich höre oft von Müttern, die extra zum Stillen nach Hause, ins Büro des Mannes oder zu den Eltern gehen, weil viele in der Öffentlichkeit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Einigen wurden in Restaurants sogar Platzverweise erteilt, weil sich Leute am Nachbartisch durch das Stillen gestört fühlten – oder das Stillen war nur auf der Toilette möglich“, sagt sie.

Anke Bertram mit Svenja Rurup (v. li.) vor der Strandmuschel in Rantum.

Anke Bertram mit Svenja Rurup (v. li.) vor der Strandmuschel in Rantum.

Foto: Bertram

Die ersten Sylter, die ihren Betrieb haben zertifizieren lassen, waren Svenja und Sven Rurup, Inhaber der Strandmuschel in Rantum. „Ich selbst stille mein Kind regelmäßig, auch in der Öffentlichkeit, und weiß daher, dass man manchmal ganz schön schräg angeguckt wird“, berichtet Svenja Rurup. Beim ersten Kind habe sie sich noch versteckt, erinnert sie sich, „ich habe erst beim zweiten Kind gelernt, dass man sich nicht verstecken muss, egal, wie die anderen Leute gucken.“ Mittlerweile seien ihr diese Blicke egal, „und ich möchte, dass es anderen Leuten auch egal ist.“

Für die Rurups war es daher selbstverständlich, die Strandmuschel als stillfreundlichen Ort zertifizieren zu lassen. Zur Freude vieler Mütter: „Seitdem das in den sozialen Netzwerken bekannt wurde, kommen Frauen zu uns und sind ganz glücklich, dass sie willkommen sind“, sagt Svenja Rurup. Aber auch einen weiteren positiven Effekt habe die Zertifizierung: „Unsere Mitarbeiter gehen seitdem sehr viel offener mit diesem Thema um. Durch die Zertifizierung wurde Stillen bei uns zum Thema gemacht, denn normalerweise spricht man das ja nicht an. Stillt eine Frau im Restaurant, dann kommen die Kollegen zum Tisch und stellen ganz selbstverständlich ein Glas Wasser hin.“

Durch den Zeitungsartikel in der Sylter Rundschau ist auch Margot Böhm, Inhaberin eines Coaching Zentrums in der Westerländer Paulstraße, auf die Aktion aufmerksam geworden. „Ich konnte zuerst gar nicht glauben, dass wir überhaupt so etwas brauchen“, sagt sie. „Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Frauen ihre Kinder stillen. Man sollte diese Orte gar nicht brauchen müssen“. Für sie sei es selbstverständlich gewesen, an der Aktion teilzunehmen und sich zertifizieren zu lassen. „Wir sind hier so schön zentral in der Innenstadt und haben die räumlichen Möglichkeit. Warum sollten wir daher nicht helfen?“, sagt sie. Außerdem sei das eine weitere Möglichkeit, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

Auch Markus Wenzel von der Vermietagentur „Appartements & Mehr“ in Kampen hat nicht lange gezögert, als er den Artikel las: „Ich bin selbst Vater von fünf Kindern. Die sind zwar jetzt schon groß, früher gab es nie irgendwelche Probleme mit dem Stillen. Das waren sogar die schönsten Zeiten, wenn wir unterwegs waren und das Kind einfach gestillt werden konnte. Man brauchte kein Flasche, sondern konnte das Kind einfach andocken.“

Frisch zertifiziert: Markus Wenzel, Sabrina Drechsler, Kim Schmitz und Sabine Johannsen von dem Kampener Vermietagentur „Appartements & Mehr“.
Frisch zertifiziert: Markus Wenzel, Sabrina Drechsler, Kim Schmitz und Sabine Johannsen von dem Kampener Vermietagentur „Appartements & Mehr“. Foto: Bertram (3)

Wenzel sagt, er sei schockiert gewesen, dass heutzutage die „natürlichste Sache der Welt“ ein Problem sein soll. „Da ist mir dann aber auch aufgefallen, dass ich bestimmt seit Jahren nirgends mehr eine stillende Mutter gesehen habe“, sagt er. Mütter, die ihre Kinder stillen wollen, könnten in den Büroräumen unterkommen. „Meine Wohnung ist auch gleich nebenan“, sagt er, „wir werden daher schon irgendeinen schönen Ort finden, wo die Frau stillen kann, ein Glas Wasser trinken oder auch das Kind wickeln kann. Das darf einfach kein Problem sein.“ Für Wenzel ist es wichtig, dass das Thema in die Öffentlichkeit kommt, „damit es wieder ganz normal wird und sich eine Mutter in jedem Restaurant in eine Ecke setzen kann und ihr Kind stillen kann. So sollte es doch einfach sein.“

Hebamme Anke Bertram möchte neben den genannten auch noch viele weitere Betriebe für die Aktion begeistern. Teilnehmen können alle auf Sylt beziehungsweise in Schleswig-Holstein, die in ihren Räumen eine stillfreundliche Atmosphäre bieten können. Für die Zertifizierung wäre es bereits ausreichend, wenn folgende Anforderungen erfüllt werden: Sitzmöglichkeit zum Stillen, Toiletten, die Unterstützung beziehungsweise Schutz bei unhöflichem Verhalten Dritter, kostenloses Getränk (Leitungswasser) für die Stillende. Eine Möglichkeit zum Wickeln wäre optimal, sei aber nicht zwingend.

Erfolgreich teilnehmende Unternehmen und Einrichtungen erhalten eine Urkunde über die erfolgte Zertifizierung als stillfreundliche Einrichtung, eine offizielle Plakette als stillfreundlicher Ort für die Außenwerbung sowie den Eintrag als stillfreundliche Einrichtung auf einer Karte im Internet, auf der alle Orte gekennzeichnet und aufgeführt sind.

Für die kostenlose Zertifizierung als stillfreundliche Einrichtung auf Sylt kann man sich bewerben unter stillfreundlich.sylt@gmail.com.

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