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Sylter Zeitgeschichte : Statt der Kosaken kamen die Füchse

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Fuchs kam vor 200 Jahren auf die Insel, die Sylt-Rose 1920 und die Schwertmuschel erst vor 30 Jahren: Folge 47 der Serie „Sylter Zeitgeschichte“ handelt von den tierischen und pflanzlichen „Einwanderern“, die auf Sylt heute heimisch sind.

shz.de von
erstellt am 05.Jan.2014 | 18:42 Uhr

Vieles, was heute auf und um Sylt herum wie selbstverständlich kreucht und fleucht, ist hier seit gar nicht allzu langer Zeit heimisch – und das gilt auch für manchen Bewohner des Meeres. Immigranten in der Sylter Tierwelt: Während einige Arten bewusst von den Syltern angesiedelt wurden, schlichen sich andere durch die Hintertür ein. Die reiche Population an Kaninchen etwa fußt auf der ersten Generation von Wildkaninchen, die Sylter Seefahrer Anno 1732 mitbrachten. Und als sich im Winter 1813/14 über mehrere Wochen eine feste Eisdecke zwischen Insel und Festland bildete, befürchteten die Sylter einen Überfall der Kosaken – statt derer kamen die ersten Füchse übers Eis.

Die Lister Bauern fürchteten prompt um ihre Lämmer und bliesen im Juni 1814 zur Offensive: „Hiermit werden alle Einwohner zur allgemeinen Fuchsjagd aufgerufen, für die der nächste Montag bestimmt ist, falls es nicht regnet. Die Jagd ist in den Dünen von Kampen bis nach der nördlichsten Spitze von List anzustellen. Wer kein Gewehr hat, möge sich mit einem tüchtigen Knüppel versehen. An einem angemessenen Platze in den Dünen wird hinreichend Bier und Branntwein zur Erfrischung gereicht werden.“

Durch den Bau des Hindenburgdamms fanden weitere Arten den Weg nach Sylt: Zauneidechsen, Ratten und Igel reisten als blinde Passagiere ein – sie wurden durch Buschmaterial eingeschleppt, das auf Sylt für den Küstenschutz Verwendung fand. Auch Hasen, Wiesel und Marder eroberten bald das Eiland. 1935 schossen Jäger die ersten Iltisse, im selben Jahr machte sich der erste Maulwurf auf Sylt bemerkbar.

Ein Keitumer notierte 1934: „Durch den Dammbaus sind Feldmäuse zu einer wahren Plage geworden. Auch kannte man in meiner Jugendzeit keine Ratten auf Sylt, nun vermehren sie sich gewaltig und nisten sich in alten Häusern ein, im besonderen bei Landwirten.“ Doch nicht alle Tiere kamen auf dem Schleichweg nach Sylt. So setzte die Jägerschaft in den 1950-er Jahren Fasane und Rebhühner aus. 1959 wurden die ersten, aus Dänemark importierten Rehe – zwei Böcke und vier tragende Ricken – in ihr neues Revier im Süden Westerlands entlassen.

Zu Zuchtzwecken wurde die Pazifische Auster im Sylter Wattenmeer eingebürgert: Sie ist seit 1986 vor List heimisch. Auch andere Schnecken- und Muschelarten, die sich heute wie selbstverständlich in der Nordsee vor Sylt tummeln, sind genauer betrachtet Exoten: Die amerikanische Bohrmuschel etwa ist hier erst seit hundert Jahren heimisch, ebenfalls von der amerikanischen Küste stammen die Pantoffelschnecken – seit etwa 80 Jahren vor Sylt vertreten – sowie die markanten Schwertmuscheln, die vor 30 Jahren im Ballastwasser großer Frachtschiffe nach Hamburg reisten und von hier aus rasch die Nordsee besiedelten.

Nicht nur in der Tierwelt, sondern auch unter den Pflanzen finden sich Einwanderer. Populärstes Beispiel: Die Heckenrose. An Dünenhängen, Feldwegen und in Sylter Gärten so weit verbreitet, mag man kaum glauben, dass diese Pflanze keine hundert Jahre ansässig ist. Es war um das Jahr 1920, als auf Sylt die ersten Heckenrosenbüsche in leuchtendem Rosa und Weiß erblühten. Der Immigrant hatte einen langen Weg hinter sich, denn seine Herkunft ist Asien. Doch auf Sylt fühlte sich das Gewächs schnell heimisch und verbreitete sich bis zum heutigen Tage massenhaft. Stürmische Winter, salzige Luft, sandiger Boden – all das schreckt diese Pflanze wenig. Denn die wohl robusteste und anspruchsloseste Art der Wildrosen ist hart im Nehmen.

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