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Sylter Zeitgeschichte : Stanley Spiro: Lebemann, Betrüger

vom

Folge 28 der SR-Serie Sylter Zeitgeschichte erinnert an einen Kriminalroman.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Westerland | Das Haus in der Norderstraße 65 in Westerland hebt sich von den alten Friesenhäusern und den gleichförmigen Neubauten eigentümlich ab: Es ist rund. Erbaut wurde es im Jahre 1932 im Auftrage eines zwielichtigen Mannes: Stanley Joseph Grove Spiro.

Durch Börsenspekulationen zu Reichtum gelangt, besaß Spiro in London etliche Häuser, eine Hochseeyacht und das teuerste Privatflugzeug jener Zeit, mit dem er schon mal Ballettmädchen von Budapest einfliegen ließ.

Die Liebe zu einer Frau lockte den Lebemann schließlich nach Sylt: Die attraktive Schauspielerin Leopoldine Konstantin hatte sich im Norden Westerlands ein Haus erbauen lassen. Um der Angebeteten nahe zu sein, ließ sich auch Stanley Joseph Grove Spiro - obwohl selbst verheiratet - keine 200 Meter entfernt ein Domizil erbauen, dessen ungewöhnliche Form der Sylter Architekt Otto Heilmann entworfen hatte. Die luxuriösen Ausschweifungen Spiros waren bald Inselgespräch. In Westerland veranstaltete er große Feste, 1934 kam Emmy Göring, Ehefrau des Reichsmarschalls, in die Norderstraße zum Tee. Sie war von dem außergewöhnlichen Baustil begeistert.

Doch war hoch fliegt, kann bekanntlich umso tiefer fallen. Auch mit Stanley Joseph Grove Spiro sollte es kein gutes Ende nehmen. Wegen Aktienbetrugs wurde er von Scotland Yard gesucht. Aber der pummelige Millionär mit der Glatze und dem Haifischlächeln wurde vorgewarnt - und entkam auf einem Fischerboot nach Frankreich.

Sein weiterer Fluchtweg war abenteuerlich: Er führte über Österreich, die Tschechoslowakei, die USA und Mexiko wieder zurück nach Europa. Aus Angst vor seinen Häschern trug er zeitweise einen Buckel und Bauch aus Pappmaché, auf Skiern fuhr Spiro von Norwegen nach Schweden, dann ging es weiter nach Dänemark.

An der Grenze bei Flensburg wurde er von der Gestapo als vermeintlicher Spion verhaftet. Erneut gelang ihm die Flucht, diesmal nach Venedig. 1938 stellte er sich in England schließlich den Behörden und wurde zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt.

Doch Spiro saß nur vier Jahre ab. Den Grund nannte er später einem britischen Zeitungsreporter: "Ich habe den Behörden Informationen über militärische Bauvorhaben auf Sylt geliefert. Denn ich hatte während der Haft erkannt, dass meine Ortskenntnisse von nationaler Bedeutung waren." Mit diesen Kenntnissen kaufte sich Spiro frei - und die Royal Air Force flog gezielte Angriffe auf den Stützpunkt Hörnum.

Stanley Joseph Grove Spiro verstarb 1948 als freier Mann. Das Rundhaus in Westerland wurde von seinem Sohn Rex 1953 verkauft. 1969 richtete der Gastronom Eberhard Schreiber, Rufname "Hardy", hier das Restaurant Badische Weinstube ein. Für die Einrichtung verwendete er Teile eines wertvollen Jugendstil-Wintergartens, erworben aus dem Berliner Domizil von Gustav Gründgens. 1980 erhielt das Restaurant dann seinen heutigen Namen: Hardy auf Sylt.

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