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Sylter Kirchen : St. Severin ist die älteste Kirche im Norden

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der Serie über die Architektur und Geschichte der Sylter Gotteshäuser geht es dieses Mal um St. Severin in Keitum.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 06:00 Uhr

St. Severin in Keitum ist nicht nur die berühmteste unter den Sylter Kirchen, sondern sie ist auch die älteste. Ihr Dachstuhl aus Eichenholz wurde auf das Jahr 1216 datiert, damit ist St. Severin der älteste Sakralbau Schleswig-Holsteins. St. Severin steht auf dem höchsten Punkt des Sylter Geestkernes. Schon in früherer Zeit wurden hier germanische Götter verehrt. Der Legende nach soll der Dänenkönig Knut der Große (ca. 995-1035) Geld und Steine zum Bau einer Kirche in Keitum gegeben haben. Zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde die Gemeinde im Jahr 1240. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts reichte das Gemeindegebiet bis hoch nach List. Erst 1948 wurde List eine eigenständige Gemeinde und die Kirchengemeinde Norddörfer wurde erst 1991 selbstständig.

Wie es heißt, soll der Architekt von St. Severin auch die Johanneskirche auf Föhr und die St. Salvatorkirche auf Pellworm erbaut haben. Das geschah zu einer Zeit, als es noch möglich gewesen sein soll, mit dem Pferd von einer Insel zu anderen zu reiten. Ob das nun der Wahrheit entspricht oder nicht – neben der architektonischen Verwandtschaft fällt auf, dass diese drei Kirchen auf einer exakten Linie und dem gleichen Abstand voneinander liegen. Auf jeden Fall verlief die Küstenlinie zur Zeit der Erbauung von St. Severin noch ganz anders als wir sie heute kennen.

St. Severin ist ein Baudokument aller Zeitepochen. Im romanischen Stil erbaut, mit einem spätgotischen Turm erweitert, mit einer Kanzel aus der Renaissance, einer barocken Innenausstattung und zeitgenössischer Kunst kann man um und in St. Severin durch die Jahrhunderte wandern. Mit schwerem Blei gedeckt hat der Dachstuhl aus dem Jahr 1216 jahrhundertelang alle Stürme überstanden. 1885 ersetzte man das Blei durch Schieferschindeln. Bei einer notwendigen Instandsetzung entschied man sich 1991, wieder Blei aufzubringen.

Der Kirchturm wurde erst um 1450 errichtet und ist das einzige backsteingotische Baudenkmal der Insel Sylt. In früheren Zeiten war er nicht nur Glockenturm, sondern auch Zufluchtsort und wurde bis 1806 als Gefängnis genutzt. Als Landmarke weithin sichtbar, konnten sich an ihm Seefahrer orientieren. Um den Bau des Kirchturms rankt sich die Legende von Ing und Dung, zwei wohlhabende Frauen, die den Turm stifteten. Noch während der Turm gebaut wurde, kam es aber zum Streit mit der Gemeinde. Es fielen böse Worte unter anderem: „Wenn ihr so undankbar seid, dann wird die Glocke herabfallen und wird einen hochmütigen Jüngling und eine eitle Jungfrau erschlagen.“ Wahrscheinlich erinnert diese Legende an das Unglück am 26. Dezember 1739, wo ein Glockenjunge beim Weihnachtsläuten von der herabstürzenden Glocke verletzt wurde und später starb. Daraufhin wurde die Tür vom Turm zum Kirchenraum zugemauert. Erst 1981 wurde sie wieder geöffnet. Bis heute erinnern zwei große Steine im Turmmauerwerk an die Legende von Ing und Dung.

Das Kirchenschiff, der Chorraum und die Apsis wurden aus Granitquadern, rheinischem Tuff und Backsteinen erbaut. Es ist heute kaum vorstellbar, wie viel Aufwand notwendig war, um damals die riesigen Granitquader zu behauen. Interessant ist außerdem, dass jeder Tuffstein mit einem Schiff von Köln aus über den Rhein und die Nordsee nach Sylt kam. Die Steine wurden auf kleinen Handelsschiffen als Ballast verwendet.

Ihren Namen verdankt die Keitumer Kirche einem Kölner Bischof aus dem vierten Jahrhundert. Die Pest von 1350 und “De grote Mandränke“ von 1362 entvölkerten die Insel, die Kirche verwaiste. Doch aus dem Erzbistum Köln machten sich Missionare auf und gewannen die Sylter wieder für den christlichen Glauben. Dabei erhielt die Kirche ihren Namen. Severus heißt der „Strenge“, er erinnert die Menschen, dass es eine Ordnung der Zeiten gibt, Ebbe und Flut, Anfang und Ende, wer die entscheidende Stunde verpasst, bekommt sie nicht zurück. Seit 1544 ist St.Severin evangelisch-lutherisch.

Der Taufstein ist das älteste Stück in der Kirche, er wurde in einem Stück mit einer Sockelplatte mit vier Löwen um 1230 aus Bentheimer Sandstein gefertigt. Die kaum noch erkennbaren Löwen erinnern an eine Zeit, als das Bekenntnis zum christlichen Glauben mit Löwenmut verbunden wurde.

Der spätgotische Schnitzaltar von circa 1480 stammt aus der Werkstatt des Imperialissima-Meisters. Sein Name ist unbekannt, aber kostbare Schnitzaltäre in Friesland und Jütland weisen seine Handschrift auf, die Anfänge seines Wirkens liegen in Lübeck. Der Altar zeigt Gottvater auf dem Gnadenstuhl mit dem auferstandenen Christus. Ihm zur Seite stehen Maria mit dem Jesuskind und Bischof Severin.

Die Decke von Chorraum und Kirchenschiff wurde 1913 von Franz Korwan (geboren 1865) ausgemalt. Franz Korwan wirkte als Künstler auf Sylt und saß im Westerländer Stadtrat. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und im Konzentrationslager Noé in den Pyrenäen 1942 ermordet. Die Deckenbemalung im Kirchenschiff mit den Sternzeichen der nördlichen Hemisphäre erinnert daran, dass die Seefahrer ihren Weg nach den Sternen richteten. Ein Mandala im Chorraum verbindet mit dem Kreuz, dem Davidsstern, der Lutherrose und dem Lebensfaden der Nornen die verschiedenen Symbole unterschiedlicher Religionen. Es ist ein Zeichen für die Einheit von Konfessionen und Religionen in der das jeweils Eigene sich bewahrt und doch erst im Verbund mit anderen ein Ganzes ergibt.
Berühmt ist St. Severin aber vor allem für den Friedhof, der die Kirche umgibt. Er reicht bis in vorchristliche Zeit zurück und alte Grabplatten erzählen bis heute die Lebensgeschichte von Sylter Seefahrerfamilien.

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