Landesamt für Denkmalpflege beweist : St. Severin: Die älteste Kirche im Land

<dick>St. Severin:</dick> Die Dächer von Langschiff, Chor und vermutlich auch das der Apsis stammen aus dem Jahr 1216. Foto: Bergmann
St. Severin: Die Dächer von Langschiff, Chor und vermutlich auch das der Apsis stammen aus dem Jahr 1216. Foto: Bergmann

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30. Juni 2010, 07:11 Uhr

Keitum | Ein Pappstern baumelt von der Decke und an der Seite steht ein Wegweiser gen Bethlehem... Auf dem Dachboden der Keitumer St.-Severin-Kirche erinnern ein paar Kulissen an das vergangene Krippenspiel, auf dem Boden liegende Scheinwerfer an Gemeindefeste... Aber eine historische Sensation? Wo soll die denn sein?

Pastorin Susanne Zingel deutet auf zwei fingerdicke Bohrlöcher in den Stützen des Daches. An 28 Stellen haben Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege Proben entnommen und zur sogenannten Interpretation an das Institut für Holzbiologie der Hamburger Universität geschickt. Ergebnis: Der Dachstuhl des Gotteshauses stammt aus dem Jahr 1216. Damit ist er der bisher älteste bekannte des Landes. Und das sei, so teilte es Denkmalpfleger Dr. Heiko Schulze der Pastorin mit, "eine kleine Sensation". Zumal auch die bisherige Annahme, die einzelnen Teile der Kirche seien in unterschiedlichen Epochen entstanden, korrigiert werden muss. Im Gutachten des Landesdenkmalamtes heißt es, die Dachstühle über Chor und Langhaus stammten aus einer gemeinsamen Holzlieferung beziehunsgweise aus einem Holzeinschlag und seien demnach zeitgleich "aufgerichtet" worden. Man könne daher "wohl sicher annehmen", das dies für den bislang nicht datierten Dachstuhl über der Apsis ebenfalls zuträfe.

Die bisher als die ältesten gehandelten Kirchen, beispielsweise in Ratekau (um 1238), Stellau (1232) oder Ratzeburg (um 1223) rücken damit auf der Rangliste je einen Platz weiter nach hinten. Und auch im inselinternen Wettbewerb mit St. Martin zu Morsum (frühes 13. Jahrhundert) habe St. Severin "jetzt die Nase vorn", wie Zingel lachend erklärt.

Wer mit diesem Wissen die braunen Eichenbalken betrachtet, entdeckt zwar immer noch nichts Sensationelles, überlegt aber vielleicht, wie das massive Holz vor knapp 800 Jahren wohl transportiert und auf das Kirchenschiff gewuchtet wurde. So wie im Roman "Die Säulen der Erde", in dem der Bau einer Kathedrale immer wieder auch Menschenleben fordert. Schulze beschreibt derartige Bauarbeiten in seinem Gutachten: "Das Heranschaffen von schwersten Feldsteinen, das Brennen von Ziegeln, das Fällen, Sägen, Beilen von Bauholz..." So stehe man heute "staunend vor der Zimmermannsleistung des frühen 13. Jahrhunderts."

Ein bisschen jünger ist, zumindest nach bisherigem Stand, der Kirchturm: Er stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die im April 2009 an ihm begonnene Sanierung ist nahezu abgeschlossen: Gestern verkündete Architekt Dietrich Fröhler, dass die letzten Gerüste noch in dieser Woche abgebaut würden.

Am Sonnabend ab 15 Uhr wird er, der Turm, mit einem Umzug, einer Andacht von Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk (15.30 Uhr) und einem Straßenfest gefeiert: Der Kirchenweg wird für Musik, die Ausstellung von Teilen des Turmplakats, Speis, Trank und Public Viewing (um 16 Uhr beginnt das WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien) teilweise gesperrt. Siehe zu diesem Thema auch Meldung auf Seite 4

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