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Kirchen auf Sylt : St. Martin: Über 800 Jahre Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der zehnte Teil der SR-Serie über die Geschichte und Architektur der Sylter Gotteshäuser widmet sich der Kirche St. Martin in Morsum – einer der ältesten Kirchen der Insel.

shz.de von
erstellt am 03.Jan.2014 | 09:40 Uhr

Die Morsumer Kirche St. Martin ist eine der ältesten Kirchen Sylts. Wie alt genau, lässt sich nur schwer sagen – es gibt keine Urkunden über den Bau. Anhand des Baumaterials kann man aber davon ausgehen, dass die romanische Kirche etwa im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts entstanden ist.

Apsis und Chorraum bestehen aus Tuffstein. Diesen verwendete Bischof Thore bei seinem Dombau in Ribe zwischen 1122 und 1134 zum ersten Mal. Die Schiffe, die Nordsee-Salzfisch von Sylt nach Köln brachten, wurde dort mit Tuffstein als Ballast für die Rückreise beladen. So konnten die Schiffe in schwerer See nicht so leicht kentern. Dadurch entstanden große Steinhaufen in den Häfen der Westküste mit diesem „Abfallprodukt“ des Sylter Seehandels mit Salzheringen. Die Steine wurden dann als billiges Baumaterial für die Kirchen benutzt. Ansonsten wurden für St. Martin nur landestypische Materialien verwendet: Granit, Stein und Holz.

In der 1652 erschienenen Danckwerthschen Karte wird die St. Martin-Kirche auf der Darstellung Nordfrieslands um 1240 als „Mosen Capelle“ erwähnt. Nach dieser Karte gab es damals auf Sylt elf Kirchen und Kapellen - heute stehen nur noch die Kirchen von Keitum und Morsum, während die anderen bei Sturmfluten untergingen oder dem Flugsand der Wanderdünen weichen mussten.

Dabei sollte die Morsumer Kirche der Legende nach an einer ganz anderen Stelle stehen: nämlich auf Stiennack, das heute im Watt, im Süderhaff, liegt und damals noch Land war. Die Bauleute sollen schon das Material zusammen getragen haben, als über Nacht die Steine „von unsichtbarer Hand“ an einen anderen Platz gebracht wurden. Die Morsumer sahen darin einen Fingerzeig Gottes und errichteten ihre Kirche an diesem Ort. Hintergrund dieser Legende ist, dass der Standort der Kirche gleichzeitig der höchste Punkt des Morsumer Geestrückens ist – mit Ausnahme des Morsum-Kliff, das aber wegen seiner Randlage für eine die Kirche nicht in Frage kam.

Es gibt allerdings einen Gegenstand, der dafür spricht, dass es in Morsum schon vor St. Martin eine Kirche gab: Der erste Taufstein der Morsumer Kirche stammt aus dem 9. Jahrhundert. Weil es seit dem 12. Jahrhundert ein weiteres Taufbecken aus drei Gotländer Kalksandsteinen in Form eines Kelches gibt, wurde der Stein zwischenzeitlich als Regenauffangbecken entfremdet. Erst bei einer großen Renovierung 1932, bei der alles, was nicht zum schlichten, romanischen Stil passte, abgebaut wurde, kehrte der Taufstein zurück. Heute nutzt die Gemeinde meist das neuere Becken. „Aber wenn im Advent die Krippe auf dem Taufbecken steht, nutze ich das alte für die Taufen. Das ist ein Luxus“, erzählt der Morsumer Pastor Ekkehard Schulz.

Bei der Renovierung wurde nicht nur das Taufbecken wieder aufgestellt, sondern auch der Barockaltar, die Emporen und das geschlossene Kirchengestühl aus dem Gebäude verbannt. Seitdem ist die Gemeinde bemüht, die Kirche in einem Zustand zu erhalten, der ihrem ursprünglichen Aussehen so nahe wie möglich kommt.

Auch von außen ist die Kirche St. Martin sehr schlicht gehalten. Auf den ersten Blick erscheint sie gar unvollendet, da sie, wie bei früheren Landkirchen üblich, ohne massiven Turm gebaut wurde. Der später hinzugefügte Glockenstapel trägt eine alte Glocke aus dem 18. Jahrhundert. Sie wird weiterhin per Hand geläutet.

Zwischen 1999 und 2000 veränderte sich der Anblick der Kirche erneut: Bei der Renovierung des Flügelaltars, tauchte auf der Rückseite ein verloren geglaubtes Abendmahl-Gemälde von 1732 wieder auf. Es gab bislang nur eine kleine Kopie dieses Gemäldes, den „Segen von oben“ aus der Rantumer Kirche. „Dieser Fund war ein richtiges Freudenfest für uns“, so Schulz. „Wie sehr die Kirche Mittelpunkt des dörflichen Lebens in Morsum ist, wurde uns aber erst nach dem Einbruch im Jahr 2003 klar.“

Damals waren zwei junge Männer in der Nacht nach einem Konzert in die Kirche eingebrochen, um die Einnahmen zu stehlen. Auf der Suche nach Geld nahmen sie die ganze Kirche auseinander und verteilten anschließend das Pulver aus den Feuerlöschern, um ihre Spuren zu verdecken. „Das Pulver ist in den Boden eingedrungen, hat alle Metalle und die Goldfarbe aus den Bildern gelöst, Leder vertrocknen und die Leuchter andunkeln lassen“, erzählt Schulz. „Eine Katastrophe – und der Schaden ist bis heute zu sehen.“

Der Schaden ließ aber auch die Morsumer zusammen wachsen. „Jeder hat mitgeholfen, um Geld zu sammeln – von den Kindern, die Muscheln verkauft haben, bis zu Großspendern. Außerdem wurde ein Förderverein gegründet, der auch in vielen Situationen Hilfe im täglichen Gemeindeleben schafft“, so Schulz. Das passt für den Pastor auch zum Namen der Kirche: So wie der beliebte Martin von Tours seinen Mantel mit dem armen Bettler teilte und diesem damit das Leben ermöglichte, „so will auch die Kirchengemeinde gemeinsames Leben in Morsum tragen.“

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