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Neue Sylter Kirchen-Serie : St. Jürgen in List: Junge Kirche mit alter Geschichte

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der neuen Serie "Kirchen auf Sylt" stellt die Sylter Rundschau die Geschichte und Architektur der Insel-Gotteshäuser vor. Den Anfang macht St. Jürgen in List – eine noch junge Kirche mit alter Geschichte.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Kirchen sind Orte der Andacht und des Gebets. Sie haben aber auch oft eine ereignisreiche Geschichte, die gerade auf Sylt von Naturgewalten und Finanzierungsproblemen, großzügigen Stiftern und kleinen Wundern erzählt. In einer neuen Serie der Sylter Rundschau geht es um diese Geschichten der zwölf Insel-Kirchen. Den Anfang macht die evangelische Kirche St. Jürgen in List.

Die rote Backsteinkirche, die heute oberhalb der Alten Dorfstraße liegt, ist noch recht jung. Sie wurde erst 1935 als Garnisonskirche für den Marinestützpunkt und Seefliegerhorst List unter den Nationalsozialisten erbaut. Es lassen sich aber noch viel ältere Spuren von einer Kirche in List finden. „Vermutlich gab es bereits in Alt-List eine kleine Kirche“, erklärt Wolfgang Pittkowski, der zwischen 1994 und 2008 Pastor in List war und sich intensiv mit der Geschichte der Gemeinde beschäftigt hat. Alt List ging 1362 unter. „Die Überlieferungen sind da sehr lückenhaft, aber vermutlich ist bei einer Sturmflut der Dünenwall eingebrochen und hat den Ort versandet“, so Pittkowski weiter.

Ob es in diesem Ort auch eine Kirche gab, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Aus der Mitte des 15. Jahrhundert gibt es die Chronik eines H. Kielholt, der schreibt, es habe in List „eene kleene Kerk“ mit Namen „Sunt Juergen“ gegeben. Auf jeden Fall deuten die Munksteene (Mauersteine im sog. Klosterformat), die etwa beim Bau der Scheune des Lister Osthofes Verwendung fanden, darauf hin, dass die Kirchenruine später den Listern als eine Art Steinbruch diente. Auch der heutige Altar ist aus solchen Munksteenen gebaut.

Mauerreste der alten Kirche sollen noch bis ins 19. Jahrhundert in den Lister Dünen zu finden gewesen sein. So schrieb der Chronist Jens Boysen in den 1830er Jahren: „Ohngefähr 1/8 Meile S.W. von diesem Dorfe habe ich noch in meiner Jugend, vor 48 bis 50 Jahren, Ueberbleibsel von Mauerwerk gesehen, ohngefähr auf der Stelle, wo früher die im Jahre 1362 abgebrochene Kirche von List gestanden haben soll, und welche Stelle noch Kirk-Sted oder Kirchstelle genannt wird. Man pflegte, bis vor wenigen Jahren, die in der Nähe von List oder auf dem Strande angetriebenen Leichname dort zu begraben.“

Die Lister besiedelten nach dem Verlust von Alt-List das vorgezogene Schwemmland und setzten jahrhundertelang zur Kirche nach Röm über oder wanderten nach Keitum, zu dessen Kirchspiel sie gehörten.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann zusammen mit einem Schulhaus ein Kirchsaal errichtet, in dem der angestellte Lehrer unter Aufsicht des Keitumer Pastors Gottesdienste hielt.

Erst unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde in List eine neue Kirche als Garnisonskirche für den Marinestützpunkt Seefliegerhorst gebaut. „Leider sind die Akten aus dieser Zeit nicht mehr erhalten, deshalb kann man nicht mehr nachvollziehen, wer den Bau der Kirche in Auftrag gegeben hat“, erzählt Wolfgang Pittkowski. Finanziert wurde die Lister Kirche zu drei Teilen von der Luftwaffe, der Marine und der schleswig-holsteinischen Landeskirche.

Gewählt wurde für den Bau der sogenannte Heimatschutzstil mit der Verwendung ortstypischer Baumaterialien wie den roten Ziegelsteinen und dem Giebeldach. „Architektonisch wollte man damit einen Gegenpol zum Bauhaus-Stil mit Flachdach, Beton und Glas setzen“, erklärt Pittkowski. „Das war Bestandteil der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie.“ 1997 wurde St. Jürgen als eine der wenigen Kirche, die während des dritten Reiches erbaut wurden, unter Denkmalschutz gestellt.

Am 27. Oktober 1935 weihte der Keitumer Pastor Hartung unter der Beteiligung der Bevölkerung die neue Kirche ein und dreizehn Jahre später ging die Kirche vom Kirchenspiel Keitum in das Eigentum der Kirchengemeinde List über. Der Innenraum wurde seitdem einige Male umgestaltet. So erhielt St. Jürgen in den 70er Jahren einen leuchtend rot-grünen Anstrich und wurde mit einem Altar aus gelbem Klinker ausgestattet. Diese Arbeiten machten die beiden Pastoren Pittkowski zwischen 1999 und 2002 im Rahmen einer Sanierung wieder rückgängig.

Der Innenraum erhielt wieder seine ursprüngliche nordische graue und graublaue Farbgebung und wird nun dominiert von einem spätgotischen Hängekreuz über dem Steinaltar, einem Geschenk der Keitumer Kirche. „Die Krönung dieser Umgestaltung war dann sicherlich der Einbau der Bensmannorgel, die in historischer Bauweise und Handwerkskunst entstanden ist“, erzählt Pittkowski. Im Frühjahr diesen Jahres erlitt die Orgel allerdings einen Trocknungsschaden und ist seitdem unbenutzbar. Derzeit ist die Gemeinde damit beschäftigt, die Angebote für eine Reparatur zu vergleichen.

Der Name St.Jürgen ist übrigens die norddeutsche Form des Namens Georg, der bis heute einer der beliebtesten Vornamen in Europa ist. Der Heilige Georg war ein Märtyrer des dritten Jahrhunderts.



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