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Sylter Bademode anno dazumal : Sportlich, elegant und mondän

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Jeden Monat präsentiert Alexander Römer, Museumsleiter der Söl’ring Foriining, ausgewählte Exponate aus dem Fundus. Heute: der Badeanzug RH Forma

shz.de von
erstellt am 28.Jun.2017 | 05:03 Uhr

In einer Serie der Sylter Rundschau stellt Alexander Römer, Leiter der Museen der Söl’ring Foriining, jeden Monat einen Schatz aus dem Sylter Heimatmuseum oder aus dem Altfriesischen Haus vor. Die Objekte, die sich in der Sammlung befinden, sind sehr vielfältig, die damit verbundenen Geschichten und Informationen leider oftmals in Vergessenheit geraten. Objekt des Monats Juni ist der Badeanzug RH Forma.

Endlich ist Sommer! Die Sonnwende wurde ausgiebig gefeiert und die ersten Badetage standen bereits an – auch, wenn das Wasser noch mit frischen Temperaturen frohlockt. In wenigen Tagen kommen wieder die Sommerfrischler in großer Zahl nach Sylt und die Strände verwandeln sich für Wochen an der einen oder anderen Stelle zum Laufsteg. Dass die Sammlung der Sölring Museen auch Objekte für Badeschönheiten beinhaltet, beweist das Museumsobjekt des Monats Juni: der Badeanzug der Marke „Forma“. Historisch und unbenutzt wartet der kurze Schwarze neben einigen weiteren schicken und modischen Badeanzügen darauf, wieder an die Museumsoberfläche zu gelangen. In den 1920er Jahren waren die eleganten Badeanzüge von Forma in den Badeanstalten und Seebädern vorherrschend. Sie prägten das Bild und brachten einen mondänen Charakter mit sich.

Der Badezug RH Forma mit eingenähtem ...
Der Badezug RH Forma mit eingenähtem ...

Um 1926 bewarb der Kölner Hersteller Rosenberg & Hertz den modischen Badeanzug wie folgt: „Der RH Forma verdankt dem anschmiegenden, dezenten und sportlich eleganten Sitz seinen Siegeszug unter den Frauen der ganzen Welt.“ Diese Eigenschaften führten laut Herstellerwerbung dazu, dass der „Forma Badeanzug in allen Erdteilen diesseits und jenseits des Ozeans die unumstrittene Führung“ einnahm. Praktischerweise heftete der Hersteller auch noch eine Anleitung an den Anzug, um der Dame das bequeme Anlegen sowie die Reinigung zu lehren: „Ein spielend leichtes Anlegen sowie einwandfreier Sitz des Forma Badeanzuges wird durch Öffnen sämtlicher Knöpfe und falls notwendig durch Verstellen des im Rückenteil angebrachten Büstenhalters angebrachten Verstellvorrichtung vor dem Anziehen erreicht.“ Zum Reinigen wird als Methode auf das leichte „Durchdrücken, Hin- und Herschwenken in einer schwachwarmen Persil-Lauge“ verwiesen. Zum Auffrischen der Farben empfiehlt sich in das Ausspülwasser noch etwas Küchenessig zu geben.

... Büstenhalter kostete 4,50 Mark.
... Büstenhalter kostete 4,50 Mark. Foto: SF (2)

Das Besondere am Forma ist aber, dass der „echte RH Forma Badeanzug […] die geniale Verbindung von Badeanzug mit RH Forma Büstenhalter“ ist. Das Reichspatent 388605 sichert diesen eingenähten Büstenhalter. Zur Folge hat dies, dass das straffe eingenähte Innenteil der Figur mehr Form verleiht. Wenige Jahrzehnte zuvor zeigte sich die Bademode noch deutlich verhaltener. Badekleider, oder besser gesagt Badekostüme, prägten den Strandaufenthalt. Diese voluminösen und durch kleine Gewichte beschwerten Kleider machten das Baden eigentlich schlichtweg unmöglich. Sie verhüllten letztlich nur den Körper und orientierten sich damit an den Vorstellungen der Sittenwächter. Material, Schnitt, wasserfeste Farben, Badehauben – all das musste neu gedacht werden. Ab 1900 lässt sich eine Bewegung erkennen, die langsam Schwung in das Badeleben bringt. Der Badeanzug passt sich dem eigentlichen Zwecke an, so dass auch mittelfristig ein Bad im Meer möglich wurde. Die Gesellschaft diskutiert zunächst, ob denn das Knie frei oder bedeckt sein dürfe. Der Bikini aber war noch weit weg. Auch war die Baumwolle noch bis in die 1920er Jahre das vorherrschende Garn für die Kleidung. Dies war sicherlich nicht gerade Vorteilhaft für den Schwimmerfolg.

Zum Baden gehört nicht nur ein adretter Badeanzug, sondern auch ein Sandstrand mit ausreichend Wasser. Davon kann Sylt bekanntermaßen reichlich bieten. 1854 lässt sich in Westerland erstmals eine größere Anzahl von Badegästen nachweisen. In diesem Zuge wurde im folgenden Jahr langsam eine Infrastruktur geschaffen, um Westerland als Nordseebad zu entwickeln. Unter anderem musste eine Badekarre her – eine wichtige Voraussetzung für den damaligen Badebetrieb. Die Karre sorgte dafür, dass „sittlich korrekt“ gebadet wurde. Es schickte sich nämlich nicht, dass die Damen in Sichtweite der Herren badeten. Aber auch Umkleidezelte am Strand wurden aufgebaut, was entgeltlich war und zur ersten Badekarte führte und zugleich zum offiziellen Gründungsjahr des Nordseebadeortes Westerland.
In dem Reichsbäder-Adressbuch von 1927 werden die wahren Vorteile eines Kuraufenthaltes an der Nordsee auf eine interessante Weise geschildert. So schreibt Dr. Gmelin in seiner Abhandlung: „Das Licht verliert in der reinen Luft nichts an Kraft, wird aber verstärkt durch die Rückstrahlung vom Meeresspiegel und dem weißen Sandstrand. Sonnenschein belebt, ermuntert, und so ist auch aus diesem Grund die gehobene Stimmung im Nordseebad kein Wunder.“ Sylt als Nordseeheilbad hat mehrere Faktoren, die einen Kuraufenthalt begünstigen. Das Nordseewasser ist nach Gmelin nur ein kleiner Teil davon. Dennoch, im Strandbad wirken Temperatur, Bewegung und der Salzgehalt des Wassers zusammen. Die Abkühlung steigere den Stoffwechsel, belebe den Blutumlauf und der „mechanische Reiz der peitschenden Welle“ im Meer wirke positiv auf das Gemüt.
Der Forma Badeanzug wird zwar nicht mehr die peitschenden Wellen der Nordsee erleben, dennoch soll er in absehbarer Zeit das Museumsdepot mit der Ausstellungsfläche tauschen. Dafür benötigen wir Ihre Unterstützung. Haben Sie auch spannende Objekte, die den Sylter Bädertourismus behandeln und noch in Ihrem Keller schlummern? Überlegen Sie doch, ob dieses Objekt nicht eine zukünftige Ausstellung im Sylter Heimatmuseum bereichern würde.


Sylter Heimatmuseum, Am Kliff 19, 25980 Sylt/Keitum und Altfriesisches Haus, Am Kliff 13, 25980 Sylt/Keitum. Öffnungszeiten: montags bis freitags von 10 Uhr bis 17 Uhr, Sonnabend, Sonn- & Feiertag 11 Uhr bis 17 Uhr


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