Silvesterlauf auf Sylt : Sportlich aus dem alten Jahr gerannt

Dabeisein ist alles: Um 14:30 Uhr fiel für die rund 200 Teilnehmer der Startschuss zum 39. Silvesterlauf.
Dabeisein ist alles: Um 14:30 Uhr fiel für die rund 200 Teilnehmer der Startschuss zum 39. Silvesterlauf.

Beim 39. Sylter Silvesterlauf zählt allein das olympische Motto "Dabeisein ist alles".

shz.de von
02. Januar 2015, 04:59 Uhr

Die Zahl 65 ist an diesem letzten Tag im alten Jahr das Maß der Dinge. Beim 39. Sylter Silvesterlauf trägt Wolfgang Jensen eine knallgelbe Weste mit eben dieser Zahl auf dem Rücken. Die 65 ist das Signal für die zulässige Höchstgeschwindigkeit bei dem sportlichen Abschluss des alten Jahres, 65 Minuten für zirka elf Kilometer.

„Wir sind ein Breitensportverein“, sagt Peter Schnittgard,der Vorsitzende des TSV Westerland, der zusammen mit dem Insel Sylt Tourismus-Service den Lauf organisiert. „Wir wollen nicht auf Zeit rennen, sondern ein schönes Vergnügen haben.“ 65 Minuten für etwa elf Kilometer - das ist für durchtrainierte Sportler ein Klacks, für die meisten Otto-Normalläufer indes gerade noch zu packen. Aber keine Bange, man darf ja auch langsamer rennen, und Mann beziehungsweise Frau oder Kind kann auch eine deutlich kürzere Distanz wählen. Jeder bekommt eine Urkunde und eine Medaille - und zwar schon vor dem Start.

Ein Mitläufer sagt bei der Anmeldung augenzwinkernd zu seiner Gattin, die nur zuschauen will, dass sie sich ja auch so eine tolle Urkunde samt Plakette kaufen könne. Aber die Dame winkt entrüstet ab. Beschummeln? Und das auch noch an Silvester? Nein danke - an so einem Tag sollten doch gute Vorsätze gefasst werden.

Der Sylter Silvesterlauf ist anders als die allermeisten Sportveranstaltungen. Kurz vor dem Start des Hauptlaufs erklärt Schnittgard den gut 300 Mitläufern, dass jeder mit seiner Urkunde gerne machen könne, was er wolle. Beispielsweise eine Platzierung nach Wunsch eintragen. Nur noch einmal die Bitte: Jeder möge sich doch an „den Vorläufern und Spaßbremsen“ orientieren, also an Wolfgang Jensen und dessen Kollegen mit den Nummern auf dem Rücken.

Gegen 14.30 Uhr fällt der Startschuss, endlich, denn es ist kühl geworden. Die geschätzt rund 200 Teilnehmer des Elf-Kilometer-Hauptlaufs quälen sich aus dem Stadion in Westerland und rennen größtenteils auf dem Radweg in Richtung Rantum. Mit von der Partie ist auch Esther Bücking aus Coesfeld bei Münster. Sie nimmt seit Samstag an einer Fastenkur auf Sylt teil, ist also ein bisschen geschwächt. Diese offenherzige Auskunft hat ihr unmittelbar vor dem Start von einem anderen Mitläufer einen etwas rüden Kommentar eingebracht: „Fasten auf Sylt? Was für eine Scheißidee.“ Das sieht Frank Schöwing schon von Berufswegen ganz genauso, er ist nämlich der Fastenleiter und er rennt auch mit.

Alle laufen also zunächst ganz brav immer hinter Wolfgang Jensen her, der regelmäßig auf sein Uhr guckt. Gelegentlich applaudieren ein paar Zaungäste, mitunter hupt ein Autofahrer und die Läufer winken zurück. Entgegen kommende Radfahrer und Walker weichen dem bunten Pulk aus. Ein Läufer fragt seinen Kumpel kurz vor dem Wendepunkt beim Feuerwehrhaus in Rantum allen Ernstes, ob dieser auch die Zigaretten eingepackt habe.

Die Frage „stimmt die Zeit?“ beantwortet der Mann mit der 65 auf dem Rücken knapp: „Wir sind zu schnell.“ Also ein bisschen Tempo raus nehmen. Die Läufer sind längst auf dem Rückweg zum Stadion. Gut einen Kilometer vor dem Ziel kann selbst der Marathonmann Jensen die Übereifrigen nicht mehr halten. Eine etwa zehnköpfige Gruppe sprintet auf und davon - was den Halunken wenig später im Stadion ein paar mahnende Worte von Dietlinde Gutbrodt einbringt. Eigentlich rennt die rüstige Rentnerin seit drei Jahrzehnten immer mit beim Sylter Silvesterlauf. Diesmal ist sie leider verletzt. „Aber im nächsten Jahr“, sagt sie, „beim 40. Silvesterlauf bin ich wieder dabei und passe auf.“

Als alle Läufer im Ziel sind, werden Berliner und Glühwein serviert. Viele Wiederholungstäter verabschieden sich wie immer: „Na dann, bis zum nächsten Jahr.“ Der Vereinsvorsitzende Schnittgard empfiehlt den Schnellläufern doch mal beim 33-Kilometer-Lauf von Hörnum nach List im März anzutreten. Und wie geht es der fastenden Läuferin? Esther Bücking ist eine viertel Stunde nach dem 65er gut angekommen, aber ein bisschen blass um die Nase und erklärt: Am Ende habe ihr ein bisschen Kraft gefehlt. Manch einem Läufer, der nicht fastet, dürfte es ganz ähnlich gehen.

Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung. Er ist in Hörnum zur Schule gegangen und besucht regelmäßig die alte Heimat.

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