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Den Winter vertreiben : Spannende Erinnerungen an die Biike

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Heute Abend brennen in Nordfriesland die traditionellen Feuer. Biike-Klau, mörderische Inspiration oder Grünkohl-Malheur: Sylter und Sylt-Besucher erinnern sich an ihre Erlebnisse, die sie mit dem uralten Brauch verbinden.

Sven Paech: „Das ist jetzt fast 25 Jahre her. Aus einer Bierlaune heraus haben wir uns überlegt, mal was Spektakuläres machen zu wollen.  Von der Dorfclique aus saßen wir beim Kartenspiel, das war so ein, zwei Tage vor der Biike. Der Abend war noch jung. Ne Biike anzuzünden, das  kam nicht in Frage, weil’s a) schon mal gemacht wurde und b) vielleicht Brandstiftung wäre.

Also haben  wir die Bewohner im Ort abgeklappert, die uns Hänger und Fahrzeuge für einen Biike-Klau geben könnte. So drei Stück haben wir bekommen, den anderen war’s zu heikel. Wir schlichen uns rüber nach Archsum, warteten bis die Luft rein war. Die Biikewache zog gegen halb zwei ab – und wir legten los. Fuder um Fuder auf die Wagen, übern Deichweg weg zu unserer Biike, durch den Ort wieder hin, das war nämlich schneller.

Was ehrlich gesagt  fehlte, waren Reaktionen auf den Klau. Bis vor ein paar Tagen fiel kaum ein Wort drüber. Jetzt erinnerte sich Manfred Uekermann in der Sylter Rundschau an unsere Tat von damals. Und da dachte ich, dann kann ich die Geschichte ja auch erzählen."

Gisa Pauly, Münster: „Nur ein einziges Mal war ich beim Biikebrennen dabei. Das war im Jahre 2008. Ich war auf der Insel, um einen Syltkrimi zu vollenden Und dass ich, wenn ich auf Sylt bin, immer nach neuen Themen Ausschau halte, ist sowieso klar. Beim Biikebrennen hatte ich keine Eingebung erwartet, jedenfalls war ich nicht mit diesem Ziel losgezogen. Aber der Reiz des Unheimlichen kitzelte mich schon, während ich aus Wenningstedt herauslief und mich dem Menschenstrom anschloss, der zur Norddörferhalle zog. An diesem Abend sollte der Winter im Biikefeuer verbrannt werden? Lieber Himmel, die Sylter redeten anscheinend vom Ende des Winters, wenn man nicht mehr am Boden festfror. Mir war schrecklich kalt, der Gedanke an ein loderndes, wärmendes Feuer gefiel mir daher auch aus rein praktischen Gründen.

Die vielen Wachsfackeln erzeugten zwar noch keine Wärme, aber der Zug aus tausenden vibrierenden Flämmchen löste doch ein angenehmes Schaudern in mir aus. Der Gedanke, anschließend Grünkohl zu essen, übrigens auch. Da geht es mir wie meiner Protagonistin Mamma Carlotta: Grünkohl nur über meine Leiche! Apropos Leiche … in dem Moment, in dem der Ruf erscholl: „Tjen di Biiki ön!“ sah ich sie praktisch vor mir, die wachsbleiche Hand, die unter den Biikezweigen hervorsah. Okay, damit war die Geschichte noch nicht geschrieben, aber ich wusste schon, dass sie Ende Februar spielen würde. Und ich habe mich wirklich gefragt, ob vielleicht schon jemand auf die Idee gekommen ist, dass ein Mordopfer wunderbar im Biikefeuer zu beseitigen ist. Ich hoffe, ich habe jetzt nicht in einer unglücklich verheirateten Ehefrau oder einem eifersüchtigen Rivalen einen schrecklichen Geistesblitz erzeugt …“

Silke Tietge, geb. Paulsen, Keitum: Meine Mutter erzählt oft eine Anekdote von meiner ersten Biike im Jahre 1951. Ich war zweieinhalb Jahre alt, als mein Vater mich zum Keitumer Biikebrennen mitnahm. Die vielen Menschen mit den brennenden Fackeln, das Feuer auf dem Tipkenhoog am Kliff, die Musik - alles hat mich wohl sehr beeindruckt. Aber die Ansprachen des Amtmannes und des Keitumer Schulleiters schienen endlos... Ich verlor die Geduld und rief laut - auf den Schultern meines Vaters gut zu sehen und zu hören: „Papa, halt dit Belkin ek bal ap?“ (Papa, hört das Gebrülle nicht bald auf?) In diesem Sinne: Tjen di Biiki ön!

Anonym: „Es war 1967, und wir hatten als sehr junge Konfirmanden die Aufgabe, die Biike zu sammeln und den Haufen zu bewachen. Wir stiefeln also los mit Anhängern von Traktoren und Pferdewagen, die wir noch von Hand durch Westerland  schoben und zogen. Sobald die Hänger voll war, hieß es, ab zur Biike und alles ausbreiten, denn gestapelt wurde noch von Hand und zwar so spät wie möglich, um den Jugendlichen der anderen Orte möglichst keine Gelegenheit zu bieten, die  Biike vorher an zuzünden. Wer dabei nicht gefasst wurde war ein „kleiner Held“, wer aber von der jeweiligen Wache erwischt wurde bekam eine gehörige Tracht Prügel.

Am Abend des 19.Februar, also zwei Tage vor Biike, war unser Haufen aufgeschichtet und wir hatten uns eine Höhle in den Stapel gebaut um einerseits geschützt zu sein, anderseits aber auch besser aufpassen zu können. Leider hatten wir dadurch nicht immer alles im Blick, und so kam was kommen musste, plötzlich brannte unser Stapel – peinlich! Noch schlimmer war allerdings der nächste Morgen: Mit vom Russ geschwärzten Gesichtern und dementsprechend riechenden Klamotten  gingen wir in die Schule und mussten um schulfrei bitten, damit wir erneut im Ort sammeln konnten, um einen dann doch noch recht ansehnlichen Biike-Haufen zu haben.

Doris Claßen, Hörnum: „Die Tradition Biike mit  anschließendem Grünkohlschmaus war mir als Syltneuling fremd. Grünkohl, in meiner Heimat Hessen auch Braunkohl genannt, wurde nach hessischem Rezept ganz schlicht zubereitet. Nach dem Garen wurde er durch den Fleischwolf gedreht, das Ergebnis war ähnlich wie Spinat (andere Bundesländer, andere Sitten). Genauso bereitete ich das erste Mal den Grünkohl zur Sylter Biike zu. Meine Familie und Nachbarn, die ich eingeladen hatte, staunten nicht schlecht über diese neue Variation der Zubereitung. Da der Grünkohl geschmacklich und optisch nicht ins Schwarze traf, blieb ein gehöriger Rest übrig, den ich am nächsten Tag nach einem Rezept unserer friesischen Großmutter zu einer Grünkohlsuppe verarbeitete. Meine Nachbarn gaben mir noch eine zweite Chance und waren hellauf begeistert. Heute, nach 45 Jahren Grünkohlerfahrung, kann ich darüber nur noch schmunzeln.“

Niels Rohde, Wenningstedt: „Vor der Kirche treffen sich bei uns immer alle, die Fackeln werden angezündet und los geht das. Ich erinner mich an einen Fackelzug, boah, das ist jetzt bestimmt zwanzig Jahre her, da bin ich wie immer da zur Kirche gegangen. Alle formierten sich, der Musikverein stellte sich ganz vorne an der Spitze auf. Die Stimmung war richtig gut und wir wollten los und das erste, wirklich das allererste Lied, das gespielt wurde war: Das ist die Berliner Luft. Ich meine das jetzt gar nicht böse, unser hochverehrter Musikverein hat dann noch ganz tolle Märsche aus ihrem Repertoire gespielt und an der Biike dann natürlich Üüs Söl’ring Lön. Nur dieses allererste Lied über Berlin, das blieb mir wirklich in Erinnerung.“

Andreas Fließ, Wehrführer List: „Zum letzten Mal ist die Biike in List im Jahr 1985 vorzeitig angezündet worden. Das war mein ernstes Dienstjahr bei der Feuerwehr.  In der Nacht auf den 21. Februar haben wir von der Feuerwehr Nachtwache geschoben, bis sechs Uhr morgens, dann sind wir alle nach Hause gegangen. Und um sieben Uhr kam dann der Alarm, dass die Biike brennt – da muss uns jemand ganz genau beobachtet haben. Diesen Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Wir hatten Seenebel, man konnte die Biike von der Straße aus kaum sehen. Um halb zehn hatten wir sie aus, dann haben wir überall Sträucher, Äste und so weiter gesammelt.  Allerdings mit etwas Schummelei – wir haben ein Gestell aus Holz gebaut und die ganzen Sträucher darum herum aufgeschichtet. Unsere Biike hat nur eine halbe Stunde lang gebrannt – aber für kurze Zeit hatten wir die größte Biike der Insel. Heute bin ich ganz froh, dass es nicht mehr üblich ist, nachts durch den Ort zu fahren und die Biiken der anderen anzuzünden. In den 80er-Jahren ist ja auf dem Festland ziemlich viel passiert.“

 
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erstellt am 21.Feb.2014 | 06:00 Uhr

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