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Zu Besuch in der Seehundstation Friedrichskoog : So werden Heuler für die Nordsee fit gemacht

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am 25. Juni wurde Seehund „Melanie“ in List gefunden und zur Seehundstation nach Friedrichskoog gebracht. Es geht ihr so gut, dass sie bald zurück in die Nordsee gebracht werden kann.

Friedrichskoog/Sylt | Wie auf Kommando recken die jungen Seehunde im Becken Nummer 6 die Köpfe und auch die letzten, die noch am Rand lagen, gleiten ins Wasser. Im Gänsemarsch betreten die Mitarbeiter der Seehundstation Friedrichskoog den Aufzuchtbereich der Heuler – aber erst, nachdem ihre Stiefel mit Desinfektionsmittel gereinigt wurden. In der Hand hält jeder Eimer voller Heringe. Während bis vor einigen Minuten noch relative Ruhe herrschte und die Jungtiere sich mit sich selbst beschäftigten, schwimmen die Hungrigen nun um ihren Tierpfleger herum.

Heuler „Melanie“ in Becken 6 nutzt die Gelegenheit, dass sich ihre Mitbewohner mehr für Tanja Rosenberger, die Leiterin der Seehundstation interessieren, als für den vollen Eimer mit Fisch am Beckenrand. Die Nase weit nach vorn gereckt, schnuppert Melanie schon mal am Futter.

Melanie wurde am 25. Juni in der Blidselbucht von Seehundjäger Thomas Diedrichsen aufgelesen und nach Friedrichskoog in die Seehundstation geschickt. „Als sie bei uns ankam, wog sie erst acht Kilogramm, jetzt sind wir schon bei 19,4 Kilogramm. Sie hat sich sehr gut gemacht“, freut sich Tanja Rosenberger. Bei Melanies Einlieferung war die Nabelschnur schon abgefallen und der Nabelbereich weich. Sie hatte kleine Bissstellen auf der Zunge, Durchfall und war etwa eine Woche alt.

Nach fünf Tagen in Quarantäne zog der Sylter Heuler aber um ins Aufzuchtbecken 6. Sie ist die einzige Sylterin in der Gruppe. Ihr Mitbewohner heißen: Lily (Pellworm), Diane (Pellworm), Christina (Pellworm), Ludmilla (Schobüll), Oksana (Friedrichskoog), Matsche (Hooge), Ingrid (Amrum), Emely (Pellworm), Nordstern (Nordstrand), Ramona (Hooge) und Fiddi (Hooge).

Melanies Tag beginnt um 5.15 Uhr. Dann kommt der Frühdienst und macht seine erste Runde, um vor der 6 Uhr-Fütterung zu kontrollieren, wie es den Heulern geht. Das Frühstück bestand zunächst noch aus Heringsbrei mit Elektrolyt. Ganz zu Anfang war dies püriertes Heringsfilet. Dann folgten ganze kleine Fische zum Brei und nach einer guten Woche, je nach Entwicklung, der Fisch - überwiegend Hering - am Stück.

Vor dem Frühstück wurden Melanie und ihre Mitbewohner die ersten Wochen über untersucht und alle Befunde in ihrer Dokumentation vermerkt. Bei diesem Morgencheck werden die Augen, die Ohren, die Schleimhäute, die Flossen und speziell der Nabel genauer betrachtet, um Veränderungen oder Entzündungen früh zu erkennen, die Tiere entsprechend zu versorgen und der Tierärztin vorzustellen.

18 Sylter Heuler werden in dieser Saison in Friedrichskoog aufgezogen, insgesamt verzeichnet die Seehundstation 169 Seehund-Jungtiere zur Aufzucht. Für jeden Seehund bemüht sich die Seehundstation, einen Paten zu finden, der einen Teil der anfallenden Kosten für die Aufzucht übernimmt. Melanies Pate ist das Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt. Regelmäßig veröffentlicht das Erlebniszentrum Neuigkeiten über Melanies Gesundheitszustand sowie Fotos des Sylter Heulers. Die Seehundstation und das Lister Erlebniszentrum arbeiten seit Jahren zusammen, beispielsweise als es darum ging, Infos über die Wappentiere der Nordsee in die Lister Ausstellung mit einfließen zu lassen.

Zurück im Becken Nummer 6: Tanja Rosenberger greift sich systematisch einen Heuler nach dem anderen. „Melanie hat eine auffällig dunkle Fellfärbung, eine wirklich sichere Erkennung ist aber die Flossenmarkennummer, die jeder Heuler bei uns bekommt. Melanie hat die 1  430.“ Vor zwei Wochen tat sich der Seehund des Erlebniszentrums noch etwas schwer damit, den Fisch allein zu fressen und gleichzeitig vor den anderen zu sichern, so Tanja Rosenberger. „Melanie bekam daher noch eine Grundportion per Hand. Mittlerweile frisst auch sie selbstständig, ist aber etwas langsamer als die anderen im Becken.“

Sobald sie lerne, ihren Fisch zu verteidigen und ein bisschen mehr Tempo an den Tag lege, ihr Futter zu fressen, zieht der Heuler um ins Auswilderungsbecken. Zurück in die Nordsee geht es in etwa drei Wochen, erklärt Tanja Rosenberger. „Dann war sie wie die meisten Heuler zirka zehn bis zwölf Wochen bei uns.“

Alles Wissenswerte über junge Seehunde

Was ist ein Heuler?

Dauerhaft von der Mutter getrennte junge Seehunde in den ersten Lebenswochen werden als Heuler bezeichnet. Das Heulen ist der normale Kontaktlaut des Jungtieres, mit dem es seine Mutter ruft, und kein Klagen. Normalerweise wird ein Jungtier nach der Geburt rund fünf Wochen lang gesäugt, erklärt Tanja Rosenberger, Leiterin der Seehundstation Friedrichskoog. Bricht in dieser Zeit der Kontakt zur Mutter ab, das Jungtier aber rechtzeitig gefunden und in die Seehundstation gebracht, kann das Tier aufgezogen und später wieder ausgewildert werden.

Warum der Kontakt zu Mutter abbricht, kann verschiedene Ursachen haben. Stürme in der Hauptgeburtenzeit können Mutter und Kind trennen, aber auch Menschen können der Grund dafür sein, dass sich die Heulerzahlen der Aufzuchtstation erhöhen. Seehundmütter lassen ihren Nachwuchs während der Jagd nach Nahrung hin und wieder am Strand liegen. „Wenn sich dann eine Menschentraube um den vermeintlich verlassenen Seehund bildet und er vielleicht auch angefasst wird, nimmt die Mutter ihr Junges nicht mehr an“, erklärt Tanja Rosenberger. Diese „menschgemachten“ Heuler sind grundsätzlich vermeidbar. Die Begeisterung darüber, einen „echten“ Seehund im Urlaub am Strand zu sehen, kann Tanja Rosenberger zwar nachvollziehen, aber: „Zum Schutz der Seehunde halten Sie Abstand und freuen Sie sich aus der Entfernung über Ihre Entdeckung.“

Was macht ein Seehundjäger?

Der Seehund unterliegt dem Jagdrecht. Er wird seit 1974 in Schleswig-Holstein nicht mehr bejagt, sondern hat eine ganzjährige Schonzeit. Als verantwortliche Jagdaufseher für diese Wildart hat die Landesregierung in Schleswig-Holstein so genannte Seehundjäger eingesetzt. Nur sie sind berechtigt, Heuler zu bergen und an die Station zu übergeben. Wird ein Heuler gemeldet, so entscheidet der Seehundjäger über die weitere Vorgehensweise. Jeder Einzelfall wird vor Ort sorgfältig geprüft, damit kein junger Seehund unnötig in Gefangenschaft gerät. Zu den weiteren Aufgaben der Seehundjäger gehören neben der Betreuung von Heulern und verletzten Seehunden und Kegelrobben auch die Bergung von toten Meeressäugern, die Durchführung von Kontrollfahrten sowie die Informations- und Aufklärungsarbeit. Auf Sylt sind derzeit vier ehrenamtlich tätige Seehundjäger im Einsatz.

Wie verhalte ich mich bei Seehundfunden?

Die Seehunde auf keinen Fall anfassen. Hunde anleinen, Kinder festhalten und möglichst großen Abstand halten: 200 Meter oder mehr sind optimal. Das dient nicht nur dem Schutz der Tiere, sondern auch dem eigenen: Denn Seehunde sind Wildtiere und können Krankheiten auf den Menschen übertragen. Die Sylter Polizei unter Telefon 04651-70470 anrufen und den Fund mit möglichst genauer Ortsangabe melden. Die Polizei informiert dann den zuständigen Seehundjäger.str
 

Patenschaft für Heuler

Regelmäßige tierärztliche Untersuchungen sowie ein erhöhter Fisch-, Wasser- und Energieverbrauch müssen finanziell abgedeckt werden. Wer die Arbeit der Seehundstation unterstützen möchte, kann für 250 Euro eine Heulerpatenschaft übernehmen. Kontakt: Eva Baumgärtner, Tel: 04854-1372 oder per E-Mail an e.baumgaertner@seehundstation-friedrichskoog.de.

Seehunde im Erlebniszentrum

Infos, Filme und Fotos von den Wappentieren der Nordsee – den Seehunden – gibt es im Ausstellungsbereich „Leben mit Naturgewalten“. Im Foyer des Erlebniszentrums können die Besucher Seehunde auf einer Sandbank vor List via Monitor und Live-Webcam beobachten. Das Betreten der Sandbank ist verboten, weil sie in der Nationalparkschutzzone 1 liegt. Durch die Webcam-Übertragung werden die Tiere nicht in ihrem natürlichen Verhalten gestört und Interessierte können ihnen dennoch nahe sein. Kontakt: Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt, Hafenstraße 37, List auf Sylt, Telefon: 04651-836190, Internet: www. naturgewalten-sylt.de, täglich ab 10 Uhr geöffnet.

 
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